Ludwigsburg: Fürstliches Gesamtkunstwerk in frischem Glanz

01. Januar 1900 | von

Einer herzoglichen Laune danken Schloss und Stadt Ludwigsburg ihre Existenz. 1704 ließ Eberhard Ludwig von Württemberg hier im Grünen ein Jagdhaus errichten. Es blieb nicht bei einem bescheidenen Lustschlösschen für den adeligen Zeitvertreib – der erwachende Ehrgeiz, zeitgenössische Bauvorhaben in Rastatt und München zu übertrumpfen, ließ daraus Deutschlands größtes Barockschloss wachsen. Doch was war Ludwigs neue Burg ohne Menschen, also wurden Untertanen mit Steuerbefreiung zur Ansiedlung verlockt. 1724 wurde dann die Residenz von Stuttgart in das aufblühende Ludwigsburg verlegt.  

Aus dem Nähkästchen. Zwar verlieh der Herzog den Bürgern seiner Residenzstadt zahlreiche Privilegien, dennoch war das Leben unter einem absolutistischen Herrscher nicht immer leicht. Den heutigen Besuchern der kunstvollen Pracht von Barockschloss, -theater und -park  werden daher auch spezielle Führungen geboten, die einen Blick hinter die Kulissen erlauben. So  plaudert dann und wann eine Kammerzofe aus dem Nähkästchen: Königin Charlotte Mathilde weilt im Sommer 1818 mit ihrem Hofstaat zur Kur, und ihre vertraute Zofe Christine hütet die Gemächer und ihre Geheimnisse. Aber manchmal erlaubt sie einigen Bürgern den Zutritt, erzählt vom höfischen Leben und der Arbeit der Bediensteten. Oder es nimmt der Kammerdiener Johann Gäste mit auf eine heimliche Tour durchs Schloss. Man schreibt das Jahr 1809 und Johann Hartmann nutzt die Abwesenheit seiner Majestät zu einer privaten Führung, wobei er sich recht indiskret über Feste und Zeremonien, über Geld, Politik und allerlei kuriose Begebenheiten äußert.
Begeben wir uns also auf Zeitreise. Der Kammerdiener begrüßt seine Besucher auf der Königstreppe. Diskret lässt er sie wissen, dass in diesem zeremoniellen Raum sich die Wertschätzung des Gastes daran ermessen lässt, wie weit man ihm entgegen kommt. Johann steckt, seinem Rang gemäß, in einem Brokatgewand - nur das schwarze Band um den weiß gepuderten Zopf verrät, dass er zur Dienerschaft gehört. Beim Hinaufsteigen rät er den Damen, die lange Röcke tragen, die Stofffülle seitlich zu raffen - Kleider vorn zu heben, signalisiere eine gewisse amouröse Bereitschaft... 
 

Das nenn’ ich Lebensart! Casanova hat eine Weile in Ludwigsburg gelebt und seine Lebensart gelobt: Die schönsten und größten Feste fänden hier statt! Kammerdiener Johann weiß, was das alles gekostet hat, 300 000 bis 500 000 Gulden gingen dafür jedes Mal drauf, fast so viel, wie der Bau eines solchen Schlosses kosten würde! Dagegen nimmt sich sein Salär – 120 Gulden pro Jahr – wahrlich bescheiden aus. Doch Johann zeigt sich nicht unzufrieden, schließlich habe er freie Kost und Logis, und die Lebenshaltungskosten wären derzeit recht hoch. Johann lässt seine Besucher noch manchen Einblick in die höfische Welt vor zwei Jahrhunderten tun, auch in ihre Schattenseiten. Vor einem großformatigen Jagdgemälde ergeht er sich in der Beschreibung einer höfischen Jagdpartie – nicht ohne die sozialen Spannungen dabei anzusprechen... 

Aufpoliert. Draußen lässt die Sommersonne die frisch restaurierten Fassaden in der originalen Farbgebung von Herzog Carl aufleuchten. Im kommenden Jahr sollen 300 Jahre Grundsteinlegung des Ludwigsburger Schlosses gefeiert werden. Drinnen, in den 452 Räumen der barocken Residenz, wird gereinigt und restauriert, poliertes Blattgold mit Ultraschall-Schwingungen von späteren Übermalungen befreit, filigraner Stuck mit Fingerspitzengefühl freigelegt. Allein für die Arbeiten an Fassaden und Dächern wurden 20 Millionen Euro ausgegeben, insgesamt wird das Bauprogramm wohl gut 90 Millionen verschlingen. Dafür wird es aber nicht nur der baden-württembergischen Landesregierung als gute Stube bei Staatsempfängen dienen. Man hofft auch darauf, eine Touristenattraktion ersten Ranges zu werden. Schon jetzt zählt man jährlich 150 000 Besucher im Schloss, 1,4 Millionen im Garten und 50 000 Festspielgäste. Wenn 2004 dann noch drei neue Museen eröffnet werden, gibt es weitere Gründe, nach Ludwigsburg zu reisen. 

Museale Glanzstücke. Das Modemuseum zeigt Kleidung des 18. bis 20. Jahrhunderts, vom Reifrock bis zum Minirock, und soll durch eine textilkundliche Studiensammlung ergänzt werden. Das Keramikmuseum wird Porzellan, Fayence, Keramik der herausragenden Manufakturen des 18. und 19. Jahrhunderts - mit Ludwigsburger Porzellan als Schwerpunkt – präsentieren, aber auch zeitgenössische Arbeiten des 20./21. Jahrhunderts. Und in der Barockgalerie wird man Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts aus den Beständen der Staatsgalerie Stuttgart bewundern können, darunter  manches Gemälde, das vor langer Zeit vom Hof erworben wurde. Mit Ausstellungen, Festspielen, Gartenkunst, Theater und einer “venezianischen Messe“ wird anlässlich des Schlossjubiläums von Mai bis Oktober ein barockes Gesamtkunstwerk inszeniert.  

Schauspiel im Schloss. Schon jetzt sind die Schlossführungen – mit oder ohne Kammerdiener Johann - eine Attraktion. Auch die Ludwigsburger Schlossfestspiele, deren perfektes Ambiente das historische Schlosstheater samt originalen Kulissen und der wiederhergestellten hölzernen Bühnenmaschinerie bietet, haben einen guten Ruf. Überdies locken die Gartenanlagen “Blühendes Barock“, Deutschlands älteste Gartenschau, die 2004 ihr 50-Jähriges feiern wird. Und dann ist da noch in einem Trakt des Schlosses die Demonstrations-Malstube der Ludwigsburger Porzellan-Manufaktur. Besucher können mittwochs und donnerstags zwischen 14 und 16 Uhr zusehen, wie Künstler etwa die bis heute beliebten Blumendekore oder auf Wunsch gar Motive nach privaten Vorlagen auf den edlen Scherben malen. 

Weißes Gold mit Doppel-C. Seit 1758 zählt die von Herzog Carl Eugen von Württemberg gegründete Porzellan-Manufaktur Ludwigsburg zu den besten Europas. Sie wurde berühmt für ihr raffiniertes Schuppenmuster, dessen rhythmisches Relief das Porzellan aufschimmern lässt. Seit 1994 inspiriert auch der Zeitgeist die Dekore: Da ist beispielweise das literarische Gingko-Geschirr zu nennen oder das amüsante Romeo-und-Julia-Service nach Entwürfen des Künstlers Friedrich Hechelmann, bei dem das glücklose Liebespaar beziehungsreich Halt an einer Zuckerdose sucht. In der Verkaufsgalerie wird das ganze Schaffensspektrum der Traditionsmarke mit dem Doppel-C unter der Krone ausgestellt.  

Zarte Souvenirs. Vorausgesetzt, dass es der Geldbeutel erlaubt, lässt sich hier ein Souvenir aus barockem Geist erwerben. Etwa ein Pillendöschen aus dem Giovanelli-Marinelli-Service, nach einem Entwurf von 1762 aufwendig mit Landschafts- und Blumenmalereien dekoriert. Oder eine zarte Rokokodame am Spinett aus der 1763 geschaffenen Figurengruppe “Die Musiksoli“. Bei ihrem Anblick erklingt im Kopf eine kleine Mozartmelodie...       

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016