Passen Flüche in die Bibel?

Einem oft ausgeblendeten Thema widmet sich unser Autor im folgenden Beitrag: den sogenannten „Fluchpsalmen“.

Hört man das Stichwort „Psalmen“ im kirchlichen Kontext, dann fällt einem wohl bald das Bild betender Mönche im Kloster ein. Im Kloster scheinen heute die aus der Heiligen Schrift der Juden stammenden Psalmen des Alten Testaments noch zuhause zu sein und einen Platz zu haben. Auch wir Franziskaner-Minoriten treffen uns mehrmals am Tag in unseren Hauskapellen zum gemeinsamen Rezitieren der Psalmen. Im Stundengebet der Kirche sind die Psalmen eingeteilt in einen vierwöchigen Rhythmus, bevor es wieder von vorne beginnt.
Alle unsere katholischen Gottesdienste sehen Psalmen vor, auch wenn in der Messe der sog. „Antwortpsalm“ nach der Lesung sehr oft durch ein Lied ersetzt wird. Dabei soll der Antwortpsalm eine Verstärkung der Lesung, eine Reaktion, eine Weiterführung oder eine Meditation sein.

Vielfältige Entstehungsgeschichte
Die nach unserer biblischen Zählweise 150 Psalmen haben eine je eigene Entstehungsgeschichte und lassen sich datieren – ganz grob – zwischen das 6. und 3. Jahrhundert vor Christus. Die Exegese des Alten Testaments der vergangenen Jahrzehnte hat sie nach dem sog. „Sitz im Leben“, also der ursprünglichen Funktion oder der ursprünglichen Entstehungsgeschichte, in unterschiedliche Gattungen eingeteilt, wobei die Grenzen fließend sind. Neben dem Hymnus, dem Lob- und Preislied auf JHWH, finden wir u.a. Danklieder, JHWH-König-Psalmen und Klagelieder des Einzelnen oder des Volkes.

Herausfordernde Texte
Die Psalmen stimmen nicht immer nur versöhnliche Töne an, sondern lassen den Leser oder Beter auch das eine oder andere Mal etwas schlucken. Es gibt in den Psalmen insgesamt mehr als 40 Bitten, dass Gott strafend in das Leid eingreifen möge, das die Feinde des Beters verursachen. Es sind oft so harte und schwere Worte, teilweise voller Grausamkeit, gewalttätig und blutrünstig, dass man zunächst erst einmal erschrickt. Dennoch handelt es sich hier auch um Bibel, um Heilige Schrift, so dass sie herausfordern, sie nicht zu übergehen, sondern sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Vor allem die Fluchpsalmen sind eine spezielle Form des Klageliedes, zu denen die Psalmen 58, 83 und 109 gehören.

Zerschlage sie, o Herr!
Psalm 58 beispielsweise klingt so: „Sprecht ihr wirklich Recht, ihr Mächtigen? / Richtet ihr die Menschen gerecht? / Nein, ihr schaltet im Land nach Willkür, / euer Herz ist voll Bosheit; / eure Hände bahnen dem Unrecht den Weg. / Vom Mutterschoß an sind die Frevler treulos, / von Geburt an irren sie vom Weg ab und lügen. / Ihr Gift ist wie das Gift der Schlange, / wie das Gift der tauben Natter, die ihr Ohr verschließt, / die nicht auf die Stimme des Beschwörers hört, / der sich auf Zaubersprüche versteht. / O Gott, zerbrich ihnen die Zähne im Mund! / Zerschlage, Herr, das Gebiss der Löwen! / Sie sollen vergehen wie verrinnendes Wasser, / wie Gras, das verwelkt auf dem Weg, / wie die Schnecke, die sich auflöst in Schleim; / wie eine Fehlgeburt sollen sie die Sonne nicht schauen. / Ehe eure Töpfe das Feuer des Dornstrauchs spüren, / fege Gott die Feinde hinweg, ob frisch, ob verdorrt. / Wenn er die Vergeltung sieht, freut sich der Gerechte; / er badet seine Füße im Blut des Frevlers. / Dann sagen die Menschen: ‚Der Gerechte erhält seinen Lohn; / es gibt einen Gott, der auf Erden Gericht hält.‘“ 

Drastischer Hilfeschrei an Gott
Tatsächlich: Die Vernichtungswünsche, die hier geschildert werden, sind sehr plastisch und widersprechen einer Liturgie, die auf Frieden und Harmonie angelegt ist. Der Beter beklagt in diesem Text, dass Götter oder menschliche Führer ihr Amt als gerechte Richter verraten haben. Während das Recht zum Verstummen gebracht wird, breiten sich stattdessen Bosheit und Gewalt auf der Erde aus. Für die Frevler wird hier die Metapher der Schlange gewählt, die – wie schon aus dem Buch Genesis bekannt – für das Gottferne, das Böse, das Dämonische steht. Wenn der Gerechte auf das Blut des getöteten Frevlers wartet und sogar seine Füße in dessen Blut badet, ist das selbstverständlich ein nahezu unerträgliches Terrorbild, das abstößt. Der Beter hat unbeschreibliche Wut auf die, die die Gerechtigkeit auf der Welt unterdrücken.
So wie sich Psalm 58 uns jetzt darstellt, ist er letztendlich ein Hilfeschrei der zu Tode Geängstigten. Hier wird der Schrei eines Menschen deutlich, der gerecht leben will und der genau aus diesem Grund von einer bösen Welt, von den hier genannten Frevlern, aufgefressen zu werden droht wie von wilden Löwen. Der Schrei bringt die Sehnsucht nach Rettung von Opfern verbrecherischer Brutalität zum Ausdruck. Dem Beter geht es bei den Vernichtungswünschen nicht um blinde, irrationale Rache, sondern um die Rettung der Opfer des Unrechts und um die öffentliche Wiederherstellung der gestörten Rechtsordnung – zum Wohle der Menschen. Gott soll Recht und Gerechtigkeit durchsetzen und wiederherstellen. Das ist das Anliegen des Psalms.
Auch die beiden anderen Fluchpsalmen 83 und 109 schlagen ähnliche Töne an. Sie konfrontieren uns mit einer Welt voller Gewalt und Feindschaft. Und noch erschreckender ist, dass der Beter oft das Vernichten der Feinde ganz nah miterleben und direkt Zeuge sein will.

Kirchliche Zensur
Viele Aufsätze und Artikel, viele Psalmenkommentare haben sich selbstverständlich mit den Fluch- und Rachepsalmen auseinandergesetzt. Viele Stimmen finden sich darunter, die diese Texte als mit dem von Jesus verkündeten Gott nicht in Einklang bringen lassen. Sie seien einfach nicht harmonisch genug. Beim II. Vatikanischen Konzil und in der darauffolgenden Zeit der Reform von Liturgie und Stundengebet ist die Kirche dem Grundsatz gefolgt: ignorieren. Sie hat die Psalmen 58, 83 und 109 aus dem Gebetsschatz einfach gestrichen, zusätzlich noch viele andere unliebsame Verse der anderen Psalmen. Dass daraufhin gerade bei den Psalmen oft deren Form und Gesamtaussage zerstört oder verfälscht wird, beachtete sie nicht. Letztendlich geht die Anwendung der „konziliaren Psalmenschere“ auf Papst Paul VI. zurück, der sich gegen die Mehrheit der Bischofssynode durchgesetzt hat, die alle Psalmen im Stundenbuch sehen wollte. So heißt es jetzt in der Allgemeinen Einführung ins Stundenbuch von 1971, dass diese Textauslassungen „wegen gewisser psychologischer Schwierigkeiten [erfolgten], obwohl Fluchpsalmen sogar in der Frömmigkeitswelt des Neuen Testaments vorkommen (z. B. Offb 6,10) und in keiner Weise zum Verfluchen verleiten wollen.“
Der geschätzte und 2010 verstorbene Alttestamentler Erich Zenger hat die gestrichenen Verse des Psalters zusammengestellt: 5,11; 21,9-13; 28,4-5; 31,18f; 35,3a.4-8.24-26; 40,15-16; 54,7; 55,16; 56,8; 59,6-9.12-16; 63,10-12; 69,23-29; 79,6-7.12; 110,6; 137,7-9; 139,19-22; 140,10-12; 141,10; 143,12. 
Auch wenn Ps 137 im Abendgebet der Kirche am Dienstag der 4. Woche gebetet wird, sind doch seine drei letzten Verse herausgeschnitten: „Herr, vergiss den Söhnen Edoms nicht den Tag von Jerusalem; / sie sagten: ‚Reißt nieder, bis auf den Grund reißt es nieder!‘ / Tochter Babel, du Zerstörerin! / Wohl dem, der dir heimzahlt, was du uns getan hast! / Wohl dem, der deine Kinder packt / und sie am Felsen zerschmettert!“
Erich Zenger merkt an, dass angesichts solcher Verse die Begründung der Kirche zum Herausschneiden sogar auf Verständnis stoßen könnte und nicht zuletzt deshalb möglich war, weil die Psalmen als Teil des Alten Testaments auf einer theologischen Wertung aufruhen, die heute in der Exegese nicht mehr haltbar und unakzeptabel ist.

Nicht einfach wegschneiden?
Was kann man nun tun, welche Argumente kann man ins Felde führen, um zu einem rechten, zumindest zu einem anderen Verständnis der Fluchpsalmen zu kommen? Um nicht auf der Welle der Meinung zu schwimmen: „Die Fluchpsalmen sind schrecklich, brutal, die wollen wir nicht hören. Es ist richtig, dass die Kirche diese verschweigt und wegschneidet.“? Was kann man tun, wenn man sie nicht verschweigen und die Psalmenschere einsetzen will und sie auch nicht abwerten will gemäß des Satzes „Das Alte Testament, die Psalmen haben mit dem Christentum nichts zu tun. Sie sind vorchristlich. Sie entsprechen nicht dem Gott des Neuen Testaments.“?
Zunächst muss man sagen, dass die Psalmen durchweg poetische Texte sind. Wie in so vielen anderen Texten der Bibel sind die Psalmen durch und durch gespickt mit Bildern und Metaphern. Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ ist ein solch schönes, anrührend poetisches Textbeispiel. Immer mehr kann die Exegese die vielen Metaphern und Bilder aus den poetischen Psalmen herauslesen und erkennen. Die bildreiche Sprache vieler Psalmen ermöglicht ein Gesamtbild aus Stimmungen, Zuständen, Gefühlen, aktuellen Situationen, Themen. Bei den Fluchpsalmen sind es vor allem Bilder der Angst. Die Bedrohung, Feinde, feindliche Menschen oder Völker werden beschrieben als wildes Tier, als Löwe und Drache. Es sind Bilder für vielfältige Bedrohungserfahrungen, die der Beter hat und die ihn in seinem ganzen Menschsein durchdringen. Deshalb sind die Beschreibungen der Bedrohungslagen auch so emotional und wenig nüchtern, weil eben Angst eine sehr starke Emotion ist.

Gewalt nicht ausblenden
Ein zweiter Aspekt: Die Bibel hat gerade auch in den Fluchpsalmen einen realistischen Blick auf die Welt. Sie ist eben kein Buch der vollkommenen Harmonie, sondern auch des Unfertigen, des Gewalttätigen. Es gibt Gewalt in der Welt und so gibt es auch Gewalt in der Bibel. Im Alltag eines jeden Menschen kommen Dinge vor, die er als Bedrohung, als Gewalt, als Gefahr erlebt. Die Bibel hat das in Sprache gefasst. Der Beter der Psalmen verschweigt seine Not nicht, sondern macht ihr Luft, bringt sie zur Sprache und ruft Gott an seine Seite. Vor Gott darf eben alles zur Sprache kommen, auch das, was unvollkommen und nicht perfekt ist, die Extreme menschlicher Existenz. Das Böse wird schonungslos beschrieben, aber nicht hingenommen. Menschen, die heute Opfer von Gewalt geworden sind, können sich in den Fluchpsalmen wiederfinden und sich deren Worte zu eigen machen gegen das Schweigen und Verschweigen. In den Fluchpsalmen geht es um Menschen, die tief verängstigt sind und von niemandem Hilfe erwarten können außer von Gott, denn er ist im Vertrauen des Beters kein weltferner Gott, sondern einer, der richtet. Der also den Bedrängten und Gewaltopfern Recht verschafft. 

Gott als Recht-Schaffer
Ein weiterer Aspekt, den ich für den wichtigsten halte: In den Psalmen holen die Beter Gott an ihre Seite. Sie erfahren Not, aber schlagen nicht selbst zurück. Sie holen nicht die gleichen Waffen heraus wie die Feinde, die sie bedrängen. Es ist eine gute Fortentwicklung, eben keine Lynchjustiz zu üben. „Wie du mir, so ich dir“ ist nicht nur ein Sprichwort, sondern für die meisten Menschen erschreckenderweise doch ein unbewusstes Handlungsmotto. Er grüßt mich nicht, dann grüße ich ihn auch nicht. Er macht das, dann mach ich das auch. Er tut mir dies an, dann tu ich ihm das auch an. Das lässt sich steigern bis hin zu den Kriegshandlungen in der Welt, derer wir zahlreiche kennen. In den Fluchpsalmen ist es anders: Gott wird angerufen als derjenige, der Recht verschaffen soll. Der Beter selbst zückt nicht das Messer zum Gegenschlag und verzichtet auf Gewalt. Er übt nicht selbst Vergeltung durch brutales Zurückschlagen, sondern legt Gott diese Aufgabe ans Herz – wenn auch mit drastischen Worten. Tatsächliche eigenhändige Gewaltanwendung ist für ihn selbst keine Option.
Es geht in den Fluchpsalmen um Rettung aus der uns in unseren Breiten unbekannten größten Gefahr, aus Todesnot, aus existenziellen Bedrohungen, die von Gott erwartet wird. Gott allein soll zum Eingreifen bewogen werden und dem bösen Tun der Feinde ein Ende setzen. Der Alttestamentler Theodor Seidl meint, die Feindpsalmen müssten als gewaltkritische Texte gesehen werden.

Gebet statt rohe Gewalt
Der Blick Erich Zengers auf Psalm 109 und seine abschließende Frage lassen sich vielleicht auf alle Fluchpsalmen und -verse erweitern: „Der Beter durchbricht den Teufelskreis der Gewalt mit seinem Schrei: ‚Für meine Liebe feinden sie mich an – ich aber bin Gebet.‘ Dieses Gebet ist unser Psalm selbst! Mit ihm beschwört er JHWH, ‚an die rechte Seite des Armen‘ zu treten, um ihn zu retten und sich öffentlich als der zu erweisen, als der er sich doch geoffenbart hat: also der Exodus-Gott JHWH. Ob dieser Psalm wirklich kein christliches Gebet sein darf?“

Unser Autor
Br. Konrad, Jahrgang 1986, trat 2009 in den Orden der Franziskaner-Minoriten ein. Nach seinem Theologiestudium war er als Kaplan in Gelsenkirchen tätig und absolvierte einen Lizenziats-Studiengang im Fach Kirchenrecht. Im Herbst 2016 hat er die Stelle als Kaplan auf dem Würzburger Käppele übernommen. In der Ordensprovinz ist er u. a. für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.

Zuletzt aktualisiert: 01. Mai 2018
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