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Jul/Aug 2004
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n. 7


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Kunst und Kultur

Kunst

Klassenkämpfer mit Kreide und Kohle

Der deutsche Zeichner, Maler und Fotograf Heinrich Zille wurde durch seine Berliner Milieustudien bekannt.

Von Bernhard Dagner

Der deutsche Zeichner, Maler und Fotograf Heinrich Zille wurde durch seine Berliner Milieustudien bekannt. In verschiedenen künstlerischen Techniken zeigte er die existentiellen Abgründe, aber auch den liebenswerten Alltagshumor des Berliner Proletariats auf. Seine Triebfeder war dabei stets die Liebe zum Mitmenschen.       


Man schmunzelt zunächst beim Anblick dieser Bilder: Kinder mit rotzigen Nasen, darunter ihre trotzig-frechen Sprüche im Berliner Dialekt. Doch der Erheiterung folgt die Nachdenklichkeit auf dem Fuße, wenn zwischen den Linien dieser gezeichneten Momentausschnitte die ganze Drastik eines harten Daseins zu spüren ist. Der Schöpfer, Heinrich Zille, ein humorvoll-unerbittlicher, zugleich aber einfühlsamer Chronist seiner Zeit, starb vor 75 Jahren.

Anwalt der Armen. Zille war mit künstlerischen Mitteln der Anwalt derer, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Trotz all seines Erfolges vergaß er seine eigene harte Kindheit nie. Er war in erbärmlichen Verhältnissen, in einer feuchten und finsteren Wohnung aufgewachsen. Nichtsdestotrotz wurde Zille schon als Kind von unersättlicher Neugier getrieben und hatte einen suchenden Blick - Charaktereigenschaften, die ihn ein ganzes Leben lang begleiten sollten.
Am 10. Januar 1858 wurde er in Radeberg in Sachsen geboren. Als Neunjähriger siedelte er mit seiner Familie nach Berlin über. Die Liebe zum Zeichnen packte ihn bereits mit zwölf Jahren, und schon 1872 stand für Zille fest: Ich will Künstler werden. Seine Eltern hatten indes andere Pläne und nötigten ihn zu einer Fleischerlehre. Nur einen “blutigen“ Tag lang hielt es Zille bei seinem Lehrherren aus...

Zeichnen auf der Straße. Sein Zeichenlehrer, bei dem er zweimal die Woche mit selbst verdientem Geld Unterricht nahm, konnte die Eltern überreden, den Jungen in eine Lithographenlehre zu geben. Vom angestrebten freien Künstlerdasein war diese Tätigkeit noch weit entfernt. Deshalb belegte Zille noch zusätzlich Aktzeichenkurse. Einer der Lehrer ermunterte ihn zum “Zeichnen auf der Straße“, ein Anstoß, der Zille Jahre des unermüdlichen “Forschens“ bescherte. Er begann voller Elan das Leben mit seinem Zeichenstift festzuhalten. Damit wurde er zum Chronisten seiner Zeit, der schonungslos unmenschliche Wohnverhältnisse und tragische Schicksale festhielt. 1877 wurde Zille Geselle bei der Photographischen Gesellschaft, bei der er 30 Jahre lang bis zu seiner Entlassung arbeiten sollte.

Bescheidenes Glück. Durch die Heirat mit seiner geliebten Hulda gründete er 1883 auch eine Familie, deren Zusammenhalt und Harmonie ihm sein Leben lang Rückhalt bieten sollte.
Als überaus bescheidener Mensch, der sich immer als ein Suchender und Lernender empfand, mied er lange den so genannten Kunstbetrieb und beteiligte sich erst 1901 zögernd an einer ersten Ausstellung. Nach anfänglichem Unverständnis wurde er aber sehr bald zum Liebling des Publikums.
Diverse Male zog er bis 1892 innerhalb Berlins um. Dann fand er in Charlottenburg endgültig seinen “Kiez“ (=Stadtteil). Hier malte er abwechselnd im Wohn- und Schlafzimmer – ein eigenes Atelier besaß er zeitlebens nicht-, hier sammelte und drapierte er aufs Üppigste seine “Schätze“ – von Büchern bis zu Schmetterlingen. Auf Äußerlichkeiten legte der Künstler keinen Wert. Er liebte die Musik, gutes Essen und Trinken, war ein fürsorglicher Vater - und vernarrt in seinen Kanarienvogel, den er “Pumpelmeier“ nannte. Sich selbst gönnte Zille wenig, seinen Mitmenschen jedoch schenkte er großzügig - und er hörte und sah ihnen zu. Seine Eindrücke übersetzte er in ganze graphische Serien, von den  “Stammtischgesprächen“ über “Kindergespräche“ bis hin zu den “Gaunergesprächen“ – den Stoff dazu fand er in unzähligen (verrufenen) Kneipen, auf Rummelplätzen und in Freibädern. 

Als “Pinselheinrich“ oder auch “Vater Zille“ wurde er durch seine zeichnerischen Spaziergänge überall bekannt und beliebt. Um seine Ausdrucksmöglichkeiten zu erweitern, photographierte Zille auch unentwegt. Erst in den späten 60iger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde sein intensives und zugleich qualitätsvolles Werk entsprechend gewürdigt. Doch zurück zu den Anfängen:
Ab dem Jahr 1902 begann für Zille eine rege Ausstellungstätigkeit. Schlagartig bekannt wurde er aber erst 1910, als er bei einem Wettbewerb der “Berliner Illustrierten“ mit der Zeichnung eines Droschkenunfalls den ersten Preis gewann. Mit der Veröffentlichung seiner rund 20 Bücher (“Rund ums Freibad“ etwa) wurden seine markanten Figuren so populär, dass sogar “sozialkritische“ Filme gedreht wurden. Diese entsprachen aber nicht Zilles Idealismus, sondern vermarkteten effektheischend Menschen in Not.

Zu wenig ernst? Zille war alles andere als nur der Witzeerzähler. Er war eine Vaterfigur, denn eine tiefe Liebe verband ihn mit den Menschen. Ein Umstand, der ihn auch anderen Künstlern zu “volksnah“ und damit zu wenig “ernst“ erscheinen ließ. Sein schnörkelloses und unaffektiertes Zeichnen wurde gar bisweilen als “Rinnsteinkunst“ diffamiert. Eine Kritik, die seinen eigenen Zweifeln um sein künstlerisches Schaffen natürlich noch Vorschub leistete.
1919 starb Hulda, ein Schicksalsschlag, der den Künstler für geraume Zeit vollkommen aus dem Gleichgewicht brachte und auch seinen Gesundheitszustand (Gicht und Zucker plagten ihn) verschlechterte. 

Gefeiert und betrauert. Mit 66 Jahren war Zille auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit und Karriere angelangt. Auf Empfehlung seines Freundes, des Akademiepräsidenten Max Liebermann, wurde ihm 1924 eine Professur angeboten, die er erst nach anfänglicher Ablehnung annahm.
Mit den Jahren wurde Zille immer schwächer und konnte seine Wohnung kaum mehr verlassen. Nach mehreren Schlaganfällen starb er am 9. August 1929. “Der Liebling der Berliner ist tot“, so lautete eine der unzähligen Schlagzeilen.
Zu seiner Trauerfeier kamen Abertausende, viele Prominente wie etwa sein Freund Hermann Frey, ein gefeierter Schlagertexter seiner Zeit, aber auch eine unüberschaubare Zahl derer, die er so geliebt hatte: der Armen und Verwahrlosten aus “seinem Milljöh“.



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