Armer, kleiner Bruder
Bei einem besonderen Ereignis durfte unser Autor vor einiger Zeit in Assisi sein. Dabei kam er dem hl. Franziskus ganz nahe – und berichtet nun für unsere Leserinnen und Leser von dieser Erfahrung.
Br. Marco Moroni, Kustos des Sacro Convento in Assisi, hatte es bereits während des Generalkapitels unserer Gemeinschaft vor knapp einem Jahr angekündigt: Das Jahr 2026 wird anlässlich des 800-jährigen Gedenkens an den Tod des hl. Franziskus 1226 mit einer Besonderheit aufwarten. Erstmals werden über eine längere Zeit die Gebeine des Ordensgründers ausgestellt werden – eine Ostensione ist in Vorbereitung! Mit einem Vorlauf von ungefähr zwei Jahren wurde dieses Jahrhundertereignis geplant. Als größte Hürde musste dafür zunächst die Erlaubnis des Heiligen Stuhls eingeholt werden. Vom Papst wurde schließlich auch der Zeitraum festgesetzt: Vom 22. Februar bis 22. März 2026 konnten die sterblichen Überreste des Poverello gezeigt werden.
Einmalige Gelegenheit
Mein Terminkalender über die Fastenzeit war eigentlich bis in die Karwoche hinein mit Kursen und Verpflichtungen voll. Meinem Guardian Br. Mateusz Kotyło habe ich es zu verdanken, dass ich doch noch knapp vier Tage nach Assisi fahren konnte – kurz bevor die Ostensione zu Ende ging. Mit von der Partie waren zwei Brüder aus Sambia, die vor kurzem zum Sprachkurs nach Deutschland gekommen sind und die bislang noch nie die Gelegenheit hatten, Assisi, den Ort unserer Gründung, zu besuchen. Zusammen mit Br. Davies Chileshe und Br. Raymond Mpundu ging es also auf nach Assisi. Unserem deutschsprachigen Mitbruder Thomas Freidel haben wir es zu verdanken, dass wir uns gleich am Ankunftstag in die Schar derer einreihen konnten, die die Gebeine des hl. Franziskus verehren wollten. Dafür hatten die Brüder auf der Piazza vor der Franziskus-Basilika ein großes Zelt aufgebaut. Vorab konnte man im Internet kostenlose Tickets reservieren, was dann größeres Chaos vor Ort verhinderte. Denn mit dem Ticket hatte man ein festes Zeitfenster, um sich auf den Pilgerweg zu Franziskus zu machen. Vor dem Eintreten in die Unterkirche der Basilika erhielt jeder ein kleines Pilgerheft. Das sollte deutlich machen: Es geht hier keineswegs um eine spektakuläre Leichenschau, wie manch ein Kritiker monierte, sondern um ein geistliches Geschehen. In einer langen Reihe schlängelten sich die Gläubigen nach vorn zum Altar, vor dem die Reliquien des hl. Franziskus unter Panzerglas aufgestellt waren. Das alles ging mucksmäuschenstill vonstatten. Fotos, geschweige denn Selfies, wurden von den Pilgerinnen und Pilgern nicht gemacht. Vor den Gebeinen waren Ordner positioniert – die ganzen vier Wochen lang waren 15 Mitarbeitende einer Security-Firma im Einsatz, aber vor allem 110 freiwillige Helferinnen und Helfer, um die Pilgernden um den Sarkophag herumzuleiten. Ein paar Sekunden hatte jeder die Zeit, zum Gebet zu verweilen.
Franziskus auf Augenhöhe
Ich muss gestehen: Ich war innerlich nicht sonderlich vorbereitet. Ich war weder „dafür“, noch „dagegen“, eine solche Ostensione zu machen. Aber ich hatte in diesem kurzen Augenblick nicht das Gefühl, bei einer „Leichenschau“ zu sein. Der Anblick des hl. Franziskus kam mir auch nicht so befremdlich vor wie in manchen Kirchen der Anblick frühchristlicher Märtyrer, die in Glassärgen von Seitenaltären noch hier und da ausgestellt werden. Der Gedanke, der mir in diesem Moment ganz unbedarft in den Sinn kam: „Armer, kleiner Bruder.“ Denn da liegen die Knochen eines rein äußerlich kleinen Mannes. Franziskus wird auf 1,60-1,65 Meter geschätzt. Es sind die bloßen Knochen. Für mich sieht nichts nach Leiche aus. Aber da ist nun „etwas“ vor mir – sichtbar, nahezu greifbar – „etwas“ von einem Mann, der vor 800 Jahren mit seiner Einfachheit, seiner Demut, seiner Radikalität Menschen in seinen Bann gezogen hat – und dem bis heute „die ganze Welt nachläuft“.
Von Gott erwählt
Diese Formulierung kenne ich aus den Franziskanischen Quellenschriften. Die Fioretti berichten Folgendes: „Eines Tages kehrte der heilige Franziskus aus dem Wald vom Gebet zurück. Als er gerade aus dem Wald heraustrat, wollte Bruder Massäus ihn prüfen, wie demütig er sei, ging ihm entgegen und wiederholte gleichsam sprichwortartig: ‚Warum dir? Warum dir? Warum dir?‘ Der heilige Franziskus entgegnete: ‚Was willst du damit sagen?‘ Bruder Massäus antwortete: ‚Ich frage, warum dir die ganze Welt nachläuft und scheinbar jedermann dich zu sehen, zu hören und dir zu gehorchen begehrt? Du bist kein Mann von schöner Gestalt, kein Mann der Wissenschaft, du bist kein Adeliger. Wie kommt es, dass gerade dir die ganze Welt nachläuft?‘ Als der heilige Franziskus das hörte, jubelte er im Geiste, erhob sein Antlitz zum Himmel und verharrte so lange Zeit mit der Seele zu Gott entrückt. Als er wieder zu sich kam, fiel er auf die Knie und erwies Gott Lob und Dank. Dann wandte er sich glühenden Geistes an Bruder Massäus und sagte ihm: ‚Willst du wissen, warum mir? Willst du wissen, warum mir? Willst du wissen, warum mir die ganze Welt nachläuft? Das habe ich mit den Augen des allerhöchsten Gottes gesehen, die allerorten auf die Guten und Bösen schauen: Diese heiligsten Augen haben nämlich unter den Sündern keinen elenderen, unnützeren und größeren Sünder gesehen als mich. Um jenes wunderbare Werk zu vollbringen, das er zu tun gedenkt, hat er auf Erden kein geringeres Geschöpf gefunden. Deshalb hat er mich erwählt, um das Vornehme und Großartige, das Starke und die Weisheit der Welt zuschanden zu machen, damit man erkenne, dass jede Tugend und alles Gute von ihm stammt, und nicht vom Geschöpf, und damit sich kein Mensch vor seinem Angesicht rühmen kann. Wer sich aber rühmt, der rühme sich des Herrn, dem alle Ehre und Herrlichkeit sei in Ewigkeit.‘“ (Fior 10, FF 1363)
Momente der Stille
Ich glaube, in diesem kurzen Moment am „Sarg“ des Franziskus wird mir mehr deutlich als bei der Lektüre vieler spiritueller Bücher (auf die ich freilich auch nicht verzichten möchte). Doch es ist eine ganz andere Erfahrung, den Poverello auf diese Weise zu „verstehen“. Es geht ihm nicht, damals nicht und heute nicht, um Glanz und Gloria – so prachtvoll die Basilika in Assisi auch sein mag. Er ist der arme, kleine Bruder, der sich nicht selbst groß machen muss. Denn Gott hat ihn erwählt. Deshalb ist er groß. Deshalb ist er groß bis heute, auch wenn er nur mit „seinen paar Knochen“ da liegt.
Ich genieße das Privileg, dass ich nicht nur das eine „Zeitfenster“ habe, um kurz an den Reliquien vorbeizulaufen. Bevor das Eingangsportal der Basilika um 7:00 Uhr geöffnet wird, haben die Brüder jeden Tag ab 6:00 Uhr Zeit zum Gebet. Mit ein paar anderen nutze ich diese Gelegenheit. Es ist kaum eine Menschenseele in der Basilika – das Gefühl der tiefen Stille und des echten Friedens ist auch jetzt wieder da. Selbst als die Polizei kurz vor 7:00 Uhr kommt und die ganze Kirche von einem Sprengstoffhund abgeschnüffelt wird, entsteht keine Aufregung: eine besondere, einmalige Atmosphäre!
Eine konkrete Einladung
Dass das, was ich erlebe, nicht nur eine Momentaufnahme ist, berichten mir mehrere Brüder aus dem Sacro Convento. Vom ersten Moment an war die Ostensione ein geistliches Geschehen, ein Ereignis, das den Menschen zutiefst berührt. In der Vesper, mit der die Ostensione begonnen wurde, betonte Kardinal Ángel Fernández Artime, Pro-Präfekt des Dikasteriums für die Ordensleute und päpstlicher Legat für die Basiliken San Francesco und Santa Maria degli Angeli in Assisi: „Die Aufbahrung seines Leichnams ist kein nostalgischer Blick in die Vergangenheit. Sie ist eine starke und konkrete Einladung für unsere Gegenwart. Dieser zerbrechliche und arme Leib erinnert uns daran, dass das Evangelium auch mit dem Leib gelebt wird, durch konkrete Entscheidungen, durch alltägliche Gesten. Franziskus liebte nicht eine bloße Idee von Christus: Er liebte den armen und gekreuzigten Christus, bis er dessen Zeichen im Fleisch trug. (…) Die Aufbahrung seines Leibes wird für uns daher zu einer stillen, aber äußerst kraftvollen Predigt. Sie erinnert uns daran, dass es sich um einen von der Liebe verzehrten Leib handelt, gezeichnet von den Stigmata, gebeugt von der Buße, aber strahlend vor Frieden. Diesen Leib zu betrachten bedeutet, zu erkennen, was das Evangelium bewirken kann, wenn es ernst genommen wird. (…) Wir sind nicht aus Neugier hier, sondern um uns herausfordern zu lassen. Was sagen mir diese Reliquien? Was muss in mir sterben, damit Christus wirklich lebt? Welche Wüste muss ich durchqueren? Die Heiligkeit des Franziskus ist für uns wie ein Kompass. Er weist uns den schmalen Weg, der zur Freude führt. Er erinnert uns daran, dass Heiligkeit möglich ist. Dass das Evangelium gelebt werden kann!“
Noch einmal zurück in die Geschichte
Freilich: Neben allen spirituellen Überlegungen ist man in Assisi immer auch eingeladen, sich mit der Historie zu befassen. Denn die Geschichte der Franziskus-Reliquien führt weit zurück und ist von Geheimnissen, Legenden und schließlich einer überraschenden Wiederentdeckung geprägt. Nach dem Tod des Franz von Assisi im Jahr 1226 wurde sein Leichnam zunächst provisorisch bestattet und 1230 in einer nächtlichen Prozession unter dem Hochaltar der neu errichteten Basilika beigesetzt. Br. Elias ließ das Grab bewusst sorgfältig verschließen und unkenntlich machen, um den Körper vor Diebstahl oder Entweihung zu schützen, da Reliquien im Mittelalter äußerst begehrt waren. In den folgenden Jahrhunderten geriet der genaue Ort des Grabes vollständig in Vergessenheit und es entstanden zahlreiche Legenden über den Verbleib des Heiligen. Manche erzählten von einem unversehrten, aufrecht stehenden Körper in einer geheimen unterirdischen Kirche, doch all dies blieb ohne verlässliche Grundlage. Zeitweise wurde die Suche nach dem Grab sogar streng verboten, sodass das Geheimnis über Generationen hinweg bewahrt blieb.
Erst im 18. Jahrhundert kam es zu ersten vorsichtigen Nachforschungen, die jedoch keine endgültige Klarheit brachten. Die entscheidende Wende erfolgte schließlich im Jahr 1818, als Brüder unter großen Mühen einen Tunnel unter der Basilika gruben und am 12. Dezember auf einen steinernen Sarkophag stießen. Darin befand sich ein menschliches Skelett, dessen Identität zunächst ungewiss war, da weder eine Inschrift vorhanden war noch die Funde den verbreiteten Legenden entsprachen. Auf Anordnung von Papst Pius VII. wurde daher eine gründliche Untersuchung eingeleitet, bei der sowohl die Fundumstände als auch die Knochen und Beigaben sorgfältig geprüft wurden. Die Ergebnisse sprachen zunehmend dafür, dass es sich tatsächlich um die sterblichen Überreste des Franziskus handelte: Der Fundort unter dem Hochaltar, die Art der Bestattung sowie datierbare Münzen passten eindeutig zu den historischen Überlieferungen. Schließlich bestätigte eine kirchliche Kommission 1820 offiziell die Identität der Gebeine.
Damit endete nach fast sechs Jahrhunderten die Ungewissheit und zugleich wurde deutlich, dass Franziskus die ganze Zeit über an dem Ort geruht hatte, an dem man ihn ursprünglich beigesetzt hatte. Für die Gläubigen wurde daraufhin eine Krypta geschaffen, die bis heute Ort der Verehrung ist.
Für Gegenwart und Zukunft
Wenn nun nach 800 Jahren seine Gebeine für einige Wochen sichtbar waren, dann schließt sich gewissermaßen ein Kreis: Was einst aus Sorge verborgen wurde, darf heute betrachtet werden – nicht aus Neugier, sondern als Einladung, tiefer zu verstehen, wie Gott gerade durch das Kleine, Verborgene und scheinbar Unbedeutende Großes wirken kann.
Nach der Statistik des Sacro Convento haben 370.000 Menschen die Gelegenheit in den vier Wochen der Ostensione während der diesjährigen Fastenzeit genutzt. 67 Prozent der Besucher/innen kamen aus Europa, vor allem aus Italien. Aus Deutschland pilgerten 1.145 zu den Franziskus-Gebeinen, aus der Schweiz 583 und aus Österreich 543. Ich bin dankbar, dass ich einer von ihnen sein durfte – und sicher, dass diese Momente in Assisi in mir noch lange nachklingen.