Das jüdische Ghetto
Das Viertel, das von den Paduanern immer noch Il Ghetto genannt wird, liegt südlich der Piazza delle Erbe. Von dort aus erstreckt sich ein Labyrinth von kleinen Sträßchen mit eleganten Geschäften, Handwerksbetrieben, Weinlokalen und Cafés. Seine malerische Atmosphäre macht es zu einem der reizvollsten Viertel der Altstadt.
Im 12. Jahrhundert sind in Padua mehrere jüdische Siedlungen entstanden. Die Gründung der Universität hat dann einen großen Teil dazu beigetragen, dass weiterhin viele jüdische Familie in die Stadt des hl. Antonius kamen. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Universitäten in Europa nahm die Paduaner Hochschule nämlich Studenten aller Religionen auf, so dass hier auch Menschen jüdischen Glaubens studieren konnten. Mit der kontinuierlichen Entwicklung Paduas zur Handelsstadt wuchs die Attraktivität für Verkäufer und Geldwechsler. Das angestammte jüdische Viertel bei San Leonardo wurde bald zu klein und war vor allem zu weit entfernt von der Piazza delle Erbe, dem Handelszentrum, und der Universität. So zogen die jüdischen Bewohner nach und nach in die Innenstadt.
Unwürdige Isolation
Ab dem 16. Jahrhundert wurden in Europa Ghettos eingerichtet, um die Juden zu isolieren und sie von der lokalen Bevölkerung zu trennen. Sie standen wegen ihrer großen wirtschaftlichen Macht, ihres gewachsenen Einflusses auf den Handel und ihrer finanziellen Erfolge in der Kritik, wurden argwöhnisch beobachtet und mussten immer wieder als Sündenböcke für eine Gesellschaft herhalten, in der es große soziale Ungleichheiten gab. In Padua ordnete schließlich die Republik Venedig die Absonderung der jüdischen Gemeinde an: Von 1603 bis 1797 waren die Paduaner Juden in ihr Ghetto verbannt, bis sie erst mit der Ankunft Napoleons und dem Sturz der Serenissima wieder für frei und gleichberechtigt erklärt wurden.
Im Ghetto befanden sich etwa 60 Läden, meist in hoch gebauten Gebäuden. Die eher ungewöhnliche Höhe der Häuser ist darauf zurückzuführen, dass die Juden nirgendwo anders als im Ghetto leben durften. Wenn sie expandieren und Wohnraum vergrößern wollten, blieb ihnen nichts anderes übrig, als in die Höhe zu bauen. Denn das Ghetto selbst war eng begrenzt und wurde jede Nacht an den vier Toren abgeriegelt. Gemäß der Bekanntmachung von 1603 galt nämlich das Ghetto als „Loco stabile et separato, deputato agli Ebrei; né alcun cristiano in quello possi star, overo tegnir botéga“, also als ein umgrenzter Ort, der den Juden vorbehalten ist – ein Ort, an dem Christen sich weder aufhalten noch Geschäfte treiben dürfen. Entsprechend wurden die Tore nachts bewacht: von jeweils einem Juden und einem Christen, den die jüdische Gemeinde zu bezahlen hatte.
Touristenziel
So tragisch die Entstehungsgeschichte, so sehenswert ist das Ghetto, das im Lauf des 19. Jahrhunderts zu einem festen Bestandteil des Stadtlebens wurde und vor allem bei Studenten beliebt war, bis heute. Der Reiseführer empfiehlt vor allem einen Blick auf das Haus von Palla Strozzi, der 1434 von Florenz nach Padua übersiedelte. Es befindet sich in der Via San Martino e Solferino Nummer 37. Man erzählt sich, dass der alte Kaufmann seine Gehilfen, die einen Stand auf der Piazza delle Erbe hatten, vom kleinen Balkon unter dem Portikus aus kontrollierte. Hausnummer 21 gehört heute dem Hotel Toscanelli, einstmals Sitz der rabbinischen Akademie. Nicht weit davon entfernt ist die 1584 errichtete Synagoge. Sie wurde – nach dem Bau einer neuen Gebetsstätte – 1892 geschlossen. Weil diese neue Synagoge dann aber von den deutschen Besatzern im 2. Weltkrieg gebrandschatzt wurde, musste die alte Synagoge wieder in Betrieb genommen werden. Das barocke Gotteshaus hat eine Grundfläche von 18x7 Metern; der reich verzierte Toraschrein stammt aus dem 16. Jahrhundert.
Wer am jüdischen Leben näher interessiert ist, wird das Museum des jüdischen Padua nicht verpassen wollen. Unter den zahlreichen Sammlungsobjekten sind traditionelle Haushaltsgegenstände wie Kerzenleuchter, Gewürzbehälter, Pessachgeschirr und Gegenstände im Zusammenhang mit den Ritualen in der Synagoge zu sehen. Eine Videoinstallation mit dem Titel „Generazione va, generazione viene“ erinnert an Menschen, die Teil der jüdischen Gemeinde waren, die das Judentum in Padua geprägt haben – und die von einer Generation zur nächsten den Glauben bewahrt haben. Im Zusammenhang mit dem Besuch des Museums ist auch eine Führung auf dem jüdischen Friedhof möglich. – Und im Anschluss an den Besuch dieser historisch durchaus belasteten Orte darf sich der Tourist dann gewiss in einem der Lokale eine kulinarische Abwechslung gönnen.