Die Eidechsen des hl. Antonius

24. Juni 2026 | von

Wir blicken nach San Antonio Panzacola: Ein Ort der Antoniusverehrung, zwischen Kunst und Legende in Mexiko-Stadt.

In Mexiko-Stadt gibt es einige Kirchen, die dem hl. Antonius von Padua geweiht sind, aber besonders eine hat sich durch die Jahrhunderte hindurch eine geheimnisvolle Aura bewahrt. Sie befindet sich im Herzen des Viertels Coyoacán, das bekannt ist für seine gewundenen Kopfsteinpflastergassen, die prachtvollen Häuser aus der Kolonialzeit und die Museen, die emblematischen Figuren der neueren Geschichte Mexikos wie Frida Kahlo oder dem sowjetischen Revolutionär Leo Trotzky gewidmet sind. 
Bekannt ist sie als die Kapelle San Antonio Panzacola, ein Name, der sich zusammensetzt aus dem Namen des Heiligen, dem sie geweiht ist, und einer volkstümlichen Ortsbezeichnung – panzacola – was einigen Interpretationen aus der Nahuatl-Sprache zufolge „Ort, an dem es viele Eidechsen gibt“ bedeutet. Die kleine Kirche stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts und erhebt sich neben dem Fluss Magdalena, dem letzten noch fließenden Gewässer der Stadt, und einer der wenigen, heute noch intakten Steinbrücken aus der Kolonialzeit.

Vertrauter Ort
Für Socorro Velázquez, eine 83-jährige Antoniusverehrerin, die diesen Ort schon seit mehr als vier Jahrzehnten besucht, liegt der Zauber dieses Heiligtums in der geringen Größe der Kirche. „Es ist einladend und man spürt eine starke Verehrung. Hier gibt es nicht die Ablenkungen, die typisch sind für größere Kirchen, die von vielen Touristen auch während der Gottesdienste besichtigt werden oder wenn man beten möchte.“ „Hier sind wir fast immer dieselben Menschen“, erklärt Rosa María Cota, ihre gleichaltrige Freundin und seit 1980 die Küsterin von Panzacola. „Wenn wir uns auf der Straße begegnen, erkennen und grüßen wir uns!“
Es ist ein Sonntagmorgen Ende März, und in der bescheidenen Sakristei, die mit einer muschelförmigen Nische verziert ist, unterhalten sich die beiden, während sie auf den Beginn der Messe warten. In der Gemeinde gibt es keine Fremden, sagt die Sakristanin, die von allen liebevoll Rosita genannt wird. Die Zeit hat aus der Bekanntschaft fast so etwas wie Familie gemacht, sodass jeder leere Platz Anlass zu gemeinsamer Sorge wird. 

Legendärer Ursprung
Rund um die Gründung dieser Kirche mit ihrer auffallend lachsroten Fassade ranken sich verschiedene Legenden. Man erzählt, dass Pedro de Alvarado, ein spanischer Kolonialsoldat, ihren Bau kurz nach der Invasion beauftragte, aber diese Version hat einige historische Haken: Alvarado starb im Jahr 1541, aber die Kirche stammt auf jeden Fall aus späterer Zeit. Eine andere Legende berichtet, dass die Kirche von einer Mutter in Auftrag gegeben wurde, aus Dankbarkeit gegenüber dem hl. Antonius, weil er ihre Söhne vor dem Gefängnis bewahrt hatte. Diese widmeten sich dem Schmuggel von Waren und Spirituosen und sollen dank der angeblichen Fürsprache des Heiligen unversehrt durch die Kontrollen eines nahegelegenen Zollpostens gekommen sein. Der Ort, an dem die Kapelle von Panzacola steht, war nämlich ein Durchgangsort, an dem die Vizeköniglichen Behörden die Lieferungen überwachten, die von Coyoacán in Richtung der alten Siedlung Tenanitla transportiert wurden, die von Vulkangestein umgeben und heute als San Ángel bekannt ist. 
Als ich sie nach diesen Legenden frage, antwortet Rosita etwas kurzangebunden: „Da ist nichts dran, das sind alles nur Mythen!“ Aber sie erklärt uns, dass es dennoch Traditionen der Volksfrömmigkeit gibt, die immer noch lebendig sind, wie jene, sich an den Heiligen mit der Bitte um eine gute Verlobung zu wenden: „Viele Menschen, sowohl Frauen als auch Männer, kommen am Antonius-Fest am 13. Juni und spenden ihm ihre obligatorischen 13 Münzen, damit er ihnen helfe.“

Leichterer Zugang
Wenn man einen Moment innehält, um die Fassade von San Antonio Panzacola zu betrachten, wird das Gefühl, sich an einem Kreuzungspunkt zu befinden, auch heute noch deutlich: Die Wallfahrtskirche liegt an einer der verkehrsreichsten Straßen der Gegend, der Avenida Universidad, die einen starken Kontrast zur Ruhe der Straßen von Coyoacán bildet. Ungefähr vor 30 Jahren sah es hier noch anders aus. Eine Mauer schirmte den Eingang der Kapelle ab, die tiefer als die Straße liegt und deshalb teilweise verborgen blieb. Der Zugang war nur über einen Pfad möglich, der zu einem Seiteneingang führte. Die Situation wurde noch schwieriger, als man noch montagsabends Gottesdienst feierte und es dunkel war. Deshalb hatte Rosita vorgeschlagen, die breiten Stufen zu bauen, die die Kirche heute mit der Straße verbinden. „Wir haben alle erforderlichen Unterlagen und Dokumente für den Bau der Treppe vorgelegt, sowohl um den Zugang zu erleichtern, aber auch aus Sicherheitsgründen, denn wir hatten Probleme mit Dieben bekommen, die in Kirchen einbrachen“, berichtet sie uns.

Anziehungspunkt für Künstler
Die Kapelle und ihre Umgebung inspirierten Künstler wie den Italiener Eugenio Landesio, der 1855 nach Mexiko kam, wo er sich der Akademie von San Carlos anschloss und zur Verbreitung der Landschaftsmalerei beitrug. Landesios Lehrmethoden revolutionierten die Arbeitsweise der Akademie und führten die Studenten auf wissenschaftliche Exkursionen zur Beobachtung hinaus aus den Unterrichtsräumen.
Eines der ersten Gemälde, das Landesio schuf – ein Ölbild mit dem Titel El puente de san Antonio en el camino de San Ángel, junto a Panzacola – stellte ebenjene Kapelle in einem ländlichen Kontext dar: Ihre runde Apsis ist von Kakteen, Agaven und Eschen umgeben, während Frauen im Fluss Wäsche waschen und sich am Horizont die Bergkette des Ajusco abzeichnet. Auch wenn es sich dabei um eine idealisierte und romantisierte Darstellung handelt, gibt uns das Bild dennoch nützliche Informationen zu den damaligen ökologischen und hydrologischen Merkmalen von Coyoacán. Im 16. Jahrhundert wurde der Fluss Magdalena als „Gran río de Coyoacán“ bezeichnet und entlang seines Laufs befanden sich zahlreiche Siedlungen der Tepaneka-Kultur sowie Opfergaben für eine der bedeutendsten mesoamerikanischen Gottheiten: Tláloc, den Gott des Regens, des Blitzes und der Fruchtbarkeit der Erde. 

Ort des Lebens
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Mexiko-Stadt noch seinen Flusscharakter bewahrt: Rund 50 Flüsse durchzogen das Stadtgebiet. Doch im Namen der Illusion des Fortschritts und infolge kurzsichtiger städtebaulicher Entscheidungen wurden diese Wasserläufe systematisch zubetoniert. Mit seinen 12 von insgesamt 22 Kilometern, die noch im Freien fließen, ist der Fluss Magdalena der letzte, der nicht vollständig „gezähmt“ wurde. Leider kommt das Wasser voller chemischer Substanzen, Plastikrückständen und anderen Schadstoffen in die Stadt. Die Erinnerung an saubereres und weniger übelriechendes Wasser  begleitet den 58-jährigen Rafael Rivera Cota, der San Antonio Panzacola seit seiner Kindheit besucht, als seine Mutter Rosita ihn zur Messe mitnahm. „Wir sind seit über 40 Jahren mit dieser Kapelle verbunden“, sagt er und grüßt herzlich die letzten Gläubigen, die nach dem Gottesdienst gehen. „Hier habe ich meine Kinder taufen lassen, hier habe ich geheiratet, hier liegt mein ganzes Leben. Die Pflege dieses Ortes ist eine große Verantwortung und wir hoffen, dass wir das noch lange tun können.“
P. José Esteban Cruz Salinas, Franziskaner und seit 2023 der Pfarrer von San Antonio Panzacola, verbirgt seine Sorge wegen der aktuellen Säkularisierungsprozesse nicht, aber er vertraut darauf, dass die Kapelle auf jeden Fall eine rosige Zukunft haben wird. Dies, so betont er, natürlich „unter der Voraussetzung, dass wir Gott bitten, uns neue Arbeiter und geweihte Priester zu senden, und dass wir gemeinsam mit den Laien eine neue Evangelisierung im synodalen Geist in Angriff nehmen“. 

 

Zuletzt aktualisiert: 24. August 2026
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