Die Geburt der Religionsfreiheit

18. Dezember 2012 | von

Gemeinhin gilt er als Freund und Förderer des Christentums. Und zweifelsohne können die Ergebnisse seiner Religionspolitik auch so verstanden werden. Doch die Forschung kommt zu einem differenzierteren Bild von Kaiser Konstantin dem Großen. Nach ihm ist die Konstantinische Wende benannt, die vor 1700 Jahren dem Christentum im Römischen Reich zum Durchbruch verhalf und eine neue Epoche einleitete.



Viergeteilt, eine Tetrarchie, ist das Römische Reich seit dem Jahr 286 n. Chr. Es wird von vier Tetrarchen regiert, die jeweils für ein spezielles Gebiet zuständig sind. Konstantin hingegen, der Herrscher des Westens mit Sitz in Trier, vollzieht einen Bruch mit dieser Regierungsform, will sich mit Licinius verbünden und sich die Welt mit ihm aufteilen. Gleichzeitig strebt er danach, sowohl Maxentius zu beseitigen, der im Jahre 306 die Macht über Italien und Afrika an sich gerissen hat und dessen Ziel ebenfalls die Herrschaft im Westen des Römischen Reiches ist, als auch Maximinus im Osten auszuboten. Auch die Münzprägung verrät es: Die Götter Jupiter und Herkules verschwinden vom Bildprogramm der Münzen. Stattdessen lässt sich Konstantin als Zwilling des „Sol invictus“ prägen, denn er hatte sich den „unbesiegbaren Sonnengott“ als neuen Schutzgott erwählt.

Bei der Schlacht an der Milvischen Brücke im Oktober 312 besiegt Konstantin seinen Rivalen Maxentius. Von nun an ist er der unangefochtene Alleinherrscher über die Westhälfte des Imperium Romanum. Sein Sieg wird in der Tradition mit einer christlichen Vision und der Hinwendung zum Christentum in Verbindung gebracht. Unter diesen zahlreichen prochristlichen Berichten findet sich vor allem die Kirchengeschichte des Bischofs Eusebius von Cäsarea, der den Sieg Konstantins zum Beispiel als Antwort auf die Gebete interpretiert, die Konstantin Gott dargebracht habe. Doch schon Zeitgenossen bestreiten diese frühe Anhängerschaft an Christus und datieren sie viel später. Immerhin zeugen die Münzprägungen Konstantins mit dem Christusmonogramm von einer Hinwendung des Kaisers zum Christentum, dessen wahre Motive allerdings umstritten sind.



PRIVILEGIEN STATT VERFOLGUNG

Der Bund zwischen Konstantin und Licinius kommt 313 zustande: Licinius kann Maximinus schlagen und wird zum Herrscher der Osthälfte des Reiches. Immer stärker begünstigt derweil Konstantin das Christentum, das bis wenige Jahre zuvor noch starke Verfolgungen und Unterdrückung erlitten hatte. Er erhält den Titel des „pontifex maximus“ und hat damit auch weiterhin die Oberaufsicht über die „heidnischen“, also die nicht-christlichen religiösen Kulte. Er lässt Bischöfen Geld zukommen, verleiht den Klerikern Privilegien und sorgt für die Rückerstattung kirchlicher, in der Verfolgung verloren gegangener Güter. Seine Politik erfährt eine deutliche, prochristliche Akzentsetzung. Die kirchliche Reaktion darauf ist positiv.

Ein und vermutlich der Grund für diese religionspolitischen Maßnahmen war die Herrscherpflicht der Kaiser, für das Wohl des Reiches zu sorgen. Und das konnte nur geschehen, wenn das Wohlwollen der Gottheit durch den Kult sichergestellt wurde. Da das Christentum sich schnell ausbreitete, war es daher für die Stabilität des Reiches unbedingt von Nöten, es als für den Staat bedeutende Religion anzuerkennen. Besser, sich der Macht des christlichen Gottes zusätzlich zu versichern, als gar nicht um Schutz zu bitten. In der folgenden Zeit förderte Konstantin immer mehr den christlichen Kult, erklärte den Sonntag im Jahre 321 zum Feiertag und ließ schließlich zahlreiche Kirchen bauen. Auf ihn gehen die Errichtung der Grabeskirche Jesu in Jerusalem, der Geburtskirche in Betlehem, der Konstantinsbasilika in Trier oder auch des Vorgängerbaus des Petersdoms in Rom zurück.



DAS EDIKT VON MAILAND

Doch werfen wir noch einmal einen Blick exakt 1700 Jahre zurück und verbleiben im Jahre 313, als die Grundlage für die Schaffung des Christentums als staatstragende Religion gelegt wurde. Ostkaiser Licinius und Westkaiser Konstantin treffen sich in Mailand, um das so genannte „Mailänder Edikt“ zu verabschieden. Da es sich jedoch nicht um ein Edikt im eigentlichen juristischen Sinne handelt, sondern nur um bestimmte Vereinbarungen bezüglich der Politik der beiden Kaiser, ist der Begriff „Mailänder Vereinbarung“ korrekter. In ihr sprechen die beiden Herrscher zum ersten Mal dem Imperium eine echte Religionsfreiheit zu. Das Christentum wird dabei zwar (noch) nicht begünstigt, aber mit allen anderen (heidnischen) Religionen in den Privilegien gleichgestellt. Jede Religionsgruppe erhält das Recht, ihre Glaubenspraxis in voller Freiheit auszuüben. Konstantin und Licinius glauben, „sowohl den Christen als auch allen anderen die Freiheit geben zu müssen, die religiöse Macht zu verehren, die sie wollen. So kann sich jede Gottheit auf dem Thron des Himmels uns und allen, die unserer Herrschaft unterworfen sind, gnädig und gewogen erzeigen. (…) Das wurde von uns so eingerichtet, damit keine Gottesverehrung und keine Religion von uns benachteiligt erscheint.“ Der christliche Kult, der den Schutz Gottes gewährleisten sollte, war unverzichtbar für die politische Stabilität des Reiches.

Deutlich wird hier die zweigleisige Politik erkennbar, die Konstantin noch verfolgte: Christentum und Heidentum. Kirchen und heidnische Tempel. Als Realpolitiker will er nicht bekehren, sondern die Einheit des Imperiums wahren. Erst nach und nach wird das Christentum immer mehr begünstigt. Im Jahr 380 schließlich wird es unter Theodosius I. zur Staatsreligion erklärt, so dass das Heidentum verboten und mit dem früher für das Christentum gebrauchten Titel der „religio illicita“ („unerlaubte Religion“) gebrandmarkt wird. Damit ist die Religionsfreiheit nach wenigen Jahrzehnten an ein Ende gelangt. Der Weg war bereitet für die Entwicklung des Christentums zu einer Weltreligion, die im Laufe der Jahrhunderte die Geschicke Europas prägte und in der Identifikation mit staatlichem Machtinteresse vor allem in den Konfessionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts viele ihrer ethischen Ideale vergessen ließ.



TAUFE AUF DEM STERBEBETT

Die Bewertung Konstantins ist in der heutigen Forschung ambivalent zu sehen. Sowohl Stimmen, die sich für ein klares Bekenntnis Konstantins zum Christentum aussprechen, als auch Einschätzungen, die die Gründe für Konstantins Begünstigung des Christentums eher in der Sicherung seiner politischen Macht suchen, sind zu hören. Es ist gut möglich, dass er sich als Christ verstand und sich spätestens ab der Erringung der Alleinherrschaft über das Gesamtreich 324 als Anhänger des christlichen Gottes präsentierte, auch wenn ihm die Tiefe des christlichen Erlösungsmysteriums vermutlich nicht recht aufgegangen zu sein scheint. Den christlichen Gott konnte er als Garant für seine Erfolge betrachten, der für das Wohlergehen des Reiches sorgte. Immer mehr nahm Konstantin Einfluss bei innerkirchlichen Fragen und Streitigkeiten und rief als Kaiser das Erste Ökumenische Konzil von Nicäa im Jahr 325 aus. Taufen ließ er sich erst auf dem Sterbebett. 

Von welchem Standpunkt man auch immer eine vorsichtige Bewertung versucht: die Konstantinische Wende ebnete den Weg für die vielfältigen, auch ambivalenten Entfaltungen der christlichen Religion.



Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016