Ein Missionar hat zehn Berufe

23. Dezember 2004

Du bist jetzt seit fünf Jahren in Peru. Erzähle bitte unseren Lesern, was du dort bislang gemacht hast.
Zunächst war ich in Lima, zu einer allgemeinen Einführungsphase, und um unsere damaligen beiden Postulanten zu  begleiten. Danach in den Anden in Pariacoto mit fünf Pfarreien und 73 Dörfern, auf zwischen 500 und 4000 Metern Höhe. Dann wurde ich zum Ökonom, der für die Finanzen zuständig ist, gewählt: nicht nur, um das Geld zu zählen, sondern auch, um es zu beschaffen. Und das sollte ich dann von Chimbote aus tun: eine arme Stadt, sechs Stunden nördlich von Lima an der Küste gelegen, die vom Fischfang lebt. Dort bin ich seit drei Jahren tätig.
Als ich mich damals aus Deutschland verabschiedete, warnte mich ein Freund: “Dass du mir niemals Baumeister wirst!“ Und ich sagte: “Nein, das interessiert mich nicht, ich bin zur Pastoral aufgebrochen.“ Jetzt nach fünf Jahren und einem frisch eingeweihten Pastoral- und Sozialzentrum sehe ich das Ganze etwas anders: Diese Pfarrei, die mir übergeben wurde, war sehr schlecht ausgestattet. Der Pfarrsaal hatte ein Dach aus Stroh, und da sammelt sich bei unserer Hitze und dem Staub allerlei Getier an. Das kann man aber nicht von Deutschland aus feststellen, sondern da muss man dort mit den Leuten leben und sehen, was nötig ist.

Das heißt, dein Schwerpunkt ist das Leben mit den Menschen.
Mission gehört für mich zu den ganz, ganz schwierigen Worten. Mir hat doch tatsächlich mal jemand eine Spende gegeben mit der Anmerkung: “Für die Mission, für deine Wilden“. Das hat mich zutiefst getroffen. Wir gehen dort nicht hin zu “den Wilden“. Mission ist als Austausch zu verstehen. Ja, ich sehe unseren Dienst als ein Leben, auch ein Sich-Identifizieren mit den Menschen, als Unterstützung. Unsere Diözese hat zum Beispiel nur 30 Diözesanpriester. Sie werden unterstützt von 40 ausländischen Priestern. Ohne uns geht´s zurzeit noch nicht.
Die sozialen Aufgaben wachsen mit dem Dort-Sein. Wir haben in der Diözese ein katechetisches Institut, das einen Zwei-Jahres-Kurs für Katecheten zur Vertiefung ihrer Kenntnisse und zur besseren Arbeit in den Pfarreien anbietet. Da gewähren wir Stipendien. Darüber hinaus haben wir zwei Absolventinnen zwei weitere Jahre unterstützt, damit sie ihr Studium fortsetzen konnten und nun als ausgebildete Religionslehrerinnen arbeiten können. Den Kredit werden sie zurückzahlen, damit auch andere in den Genuss kommen. Diese beiden Mädchen hätten aus eigener Kraft nie studieren können.
Es gibt überhaupt eine große soziale Not. Täglich kommen mindestens zehn Leute an die Pforte, die Unterstützung brauchen bei Arztrezepten, Nahrung, Beerdigungen.

So liegen deine Aufgabe mehr im sozialen Bereich als bei dem, was man früher unter “Bekehren“ verstanden hat?
Manchmal sage ich scherzhaft: “Ein Missionar hat zehn Berufe.“ Also: Fahrer, Konstrukteur, Sozialarbeiter, Organisator, Umweltprojektleiter....
Natürlich sitze ich auch im Beichtstuhl und halte Gottesdienste, oft drei bis vier an einem Sonntag. Das heißt, die “normale“ Seelsorge ist der Hauptschwerpunkt. Aber vor der sozialen Herausforderung können wir uns nicht verschließen. Wir haben uns die Bildungsarbeit zur Aufgabe gesetzt in der Pfarrei und im Orden. Deshalb ist das neue Großprojekt ein Bildungs- und Exerzitienhaus, denn die ganze Stadt Chimbote mit 400.000 Einwohnern hat so etwas nicht. Wohin mit den großen Gruppen von 200 Kommunionkindern oder 150 Firmlingen bei ihren Einkehrtagen? So wollen wir einen franziskanischen Beitrag für die lokale Kirche leisten.

Was ist das speziell Franziskanische an eurer Arbeit?
Für unser neues Pastoral- und Sozialzentrum hat ein polnischer Franziskaner ein wunderbares Glasbild gestaltet: Franziskus inmitten der Schöpfung. Missionarische Arbeit heute ist auch eine Erziehungsarbeit im ökologischen Bereich. Leider gibt es immer noch die für Lateinamerika üblichen Müllberge. Dagegen haben wir ein kleines Projekt: Eco-Silos, in denen die organischen Abfälle aus der Küche wieder in die Erde zurückgeführt werden können, um so den eigenen Humus zu bilden. Damit leisten bereits 30 Familien in der Pfarrei eine Verminderung des Mülls um bis zu 70 Prozent. Leider ist es ein langer Weg, um die Verantwortung für die ganz konkrete Umwelt auszubauen.
Ein zweiter Aspekt ist die Friedensarbeit. Wir selber haben uns identifiziert mit diesem Land, weil wir 1991 zwei Mitbrüder durch den Terrorismus verloren haben. Dieses Land ist jetzt auf dem Weg, sich wieder zu erholen und in Frieden zu leben. Es gibt viele Menschen, die den Frieden suchen in ihren Familien und im Sozialen. Aber viele Phänomene im Staat bremsen die Motivation: die Korruption in der Politik, die große Gewalt, die auch nach dem Terrorismus noch vorhanden ist, zudem ist Peru die Nummer zwei beim Kokainanbau. Das bedeutet für uns im Sinne des Franziskus eine große Herausforderung: Friedenserziehung, neue Wege zu finden in den Gemeinden und Familien.
In unseren Konstitutionen hat mich immer schon ein Satz sehr berührt, dass nämlich unser Leben etwas mit der Situation der Menschen zu tun haben soll. Deshalb haben Franziskaner von Anfang an ihren Platz bei den Kleinen und Armen gesucht. Jetzt haben wir in Peru folgendes Problem: Für die angenehmen Stadtpfarreien, wo ein Priester leben kann, suchen wir keine Pfarrer mehr. Die Stellen sind alle besetzt. Zum Glück haben wir in Lima auch einen Konvent, der uns ernährt. Aber die anderen beiden Konvente sind in armen Pfarreien, die uns nicht ernähren können. Rein vom wirtschaftlichen Denken her müssten wir diese Orte aufgeben. Doch das machen wir bewusst nicht. Auch wenn wir dadurch auf Spenden angewiesen sind, bleiben wir bei den Menschen, die uns nötiger haben.
Dieses Bei-den-Kleinen-Aushalten und sie ganz besonders zu fördern ist ein wesentlicher Punkt der franziskanischen Arbeit in einem so genannten Missionsland.
Man muss also vor Ort sein, Kontakt haben mit den Menschen, sich bekannt machen, damit eine Frucht wachsen kann. Die können wir gerade genießen: Wir haben seit Februar sechs Postulanten, sechs junge Männer, die zu uns gestoßen sind, um das Ordensleben bei uns kennen zu lernen. Darüber freuen wir uns alle, auch wenn nicht einmal unser eigener Unterhalt geklärt ist. Sie sind zwar eine Herausforderung für uns, Vorbild zu sein, aber auch eine Bestätigung dafür, dass unser Leben wohl interessant ist. Kritische Stimmen meinten: “Klar, dass die sich euch anschließen: Da haben sie doch finanziell ausgesorgt.“ Ich denke, wir werden im Laufe der Zeit schon sehen, welche Kandidaten sich nur ausruhen möchten, und welche bereit sind, sich in den Dienst der Franziskaner in Peru zu stellen. Wenn es das Werk Gottes ist, wird er dafür sorgen, dass unser Projekt am Leben bleibt. Wir sind ja nicht wegen eines Spleens hier oder aus Abenteuerlust, sondern aufgrund eines Rufes Gottes. Das gibt mir immer wieder neuen Mut.

Ihr erfüllt also wichtige Aufgaben in Peru. Trotzdem könnte man doch sagen: Auch Deutschland ist inzwischen ein Missionsland geworden, schon allein aufgrund des Priestermangels. Macht es dann Sinn, dass du und andere Deutsche ins Ausland gehen?
Muss ich mich dafür verteidigen? Wenn ihr mir dieses Urteil erlaubt – mit fünf Jahren Abstand von der Heimat: Der Deutsche neigt ja schon stark zum Jammern – wie arm er geworden ist, beim Arzt muss er jetzt 10 Euro dazubezahlen, und außerdem fehlen ja die Priester! In unserer Diözese Chimbote haben wir, wie gesagt, nur 30 peruanische Priester. Daran sieht man schon, wie sehr wir in diesem Land noch Ausländer brauchen. Unsere Idee für die Zukunft ist, Peruaner dort auszubilden, damit wir uns dann später einmal verabschieden können. Im Moment sind wir aber dort nötiger als hier in Deutschland, das sehe ich eindeutig so.

Du hast anfangs Mission als Austausch definiert. Was ist es denn, dass du von den Peruanern bekommst? Was könnte aus diesem Land zu uns kommen?
Wir haben immer wieder Besuch von Freiwilligen, die für eine längere Zeit bei uns bleiben. Diese Leute gehen stets sehr bereichert nach Hause, weil sie Gastfreundschaft erleben, weil sie eine junge Kirche erleben, die sie begeistert. Es ist etwas Faszinierendes, die Jugend zu erleben, die so ihren Glauben feiert. Diese Begeisterung erlebt man in Deutschland ja nicht immer, täte uns hier aber gut und ist auch notwendig für unseren Glauben.


Wenn Sie Bruder Michael und die Arbeit der Minoriten in Peru unterstützen möchten, spenden Sie an:
Deutsche-Franziskaner-Minoriten-Provinz
Kontonummer: 30 16 404
Bank:  Liga Würzburg, BLZ 750 903 00
Verwendungszweck: Peru-Mission, Bruder Michael

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016