„Eingebunden in das Bündel des Lebens“

21. November 2022 | von

Es hat lange gedauert, bis die Basler Juden ihre Verstorbenen auf einem Friedhof innerhalb der Stadt bestatten konnten. Erst im Jahr 1903 wurde ihnen ein eigenesGräberfeld zugestanden.

Das Städtchen Hégenheim befindet sich gleich hinter Basel, allerdings bereits auf französischem Gebiet. Am Ortsausgang liegt der israelitische Friedhof.

Das Gräberfeld macht einen verlassenen Eindruck – vielleicht auch deshalb, weil es ziemlich vernachlässigt ist. Die örtlichen Behörden scheinen sich um die Erhaltung wenig zu kümmern. Und bis zum Kultusministerium in Paris ist es weit.

Hier scheint man sich mit der Vergänglichkeit und dem sie begleitenden Verfall abgefunden zu haben. Dennoch riecht die Luft nicht nach Tod. Gebüsch und Sträucher überall, alte Bäume wachsen in den Himmel, junge Pflanzen sprießen, Brombeergestrüpp und Brennnesseln wuchern, und wenn gerade kein Flieger den nahen EuroAirport ansteuert, hört man das leise Rauschen des Lertzbachs, der sich am Rand des Gräberfeldes dahinschlängelt. Dort liegt auch der älteste Teil des Friedhofs, der unter häufigen Überschwemmungen, aber auch unter Diebstählen und vorsätzlichen Zerstörungen besonders gelitten hat.

Inschriften vergangener Jahrhunderte

Nur im neueren Bereich befinden sich manche Grabsteine noch in einer Reihe. Im alten Bezirk sind sie zu Gruppen geordnet. Die meisten dieser Monumente stehen schief, viele sind umgestürzt, manche unter Moder und Morast verschüttet. Andere sind von Moos bedeckt oder von Thuja und Efeu überwuchert, als wollten sie ihr Geheimnis wahren.

Aber dieser Eindruck trügt. Wer genau hinsieht, findet sich plötzlich in Gesellschaft einer ganzen Schar von beredten Geschichtszeugen. „Hier ist begraben und geborgen mein Herr Vater. Tränenströme entfließen meinen Augen. Ein frommer Mann. Alle seine Tage wirkte er in Treue. Den Geboten nachzuleben war er bestrebt, Levi Jakob, Sohn des Nathan, ein Mann, ein schlichter, war er genannt seinem Namen nach. Er starb am Schebat. Seine Seele möge eingehen in den Bund des Lebens, in den Garten Eden. Amen.“ Die hebräische Inschrift auf dem Grabmonument stammt aus dem Jahr 1673, in welchem der Friedhof angelegt wurde. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die meisten jüdischen Einwohner des Sundgaus, der Region Basel, des Berner Juras und teilweise sogar der Westschweiz dort beigesetzt.

Ehrwürdige Ruhestätten

Das erste Stück Gemeindeeigentum, das Juden sich seit dem Frühmittelalter erwarben, wenn sie irgendwo ansässig wurden, war ein Friedhof. Der früheste erhaltene in Deutschland befindet sich in Mainz. Er wurde um 900 angelegt; der älteste Grabstein, der auf uns gekommen ist, stammt aus der Zeit um 1000. Die von der Berliner Gemeinde im Jahr 1880 in der Vorstadt Weißensee eröffnete Begräbnisstätte mit ihren 115.000 Gräbern war die größte dieser Art in Europa. Berühmter, weil historisch noch bedeutsamer, ist der Alte Jüdische Friedhof im Prager Stadtteil Josefov. Der geht auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts zurück. Trotz seiner kleinen Fläche enthält er über 12.000 Grabsteine und vermutlich die Gebeine von 100.000 Menschen.

Heute geben diese Friedhöfe Aufschluss über die Wanderungen jüdischer Gruppierungen, über ihr Empfinden, über die Art ihrer Frömmigkeit und über die soziale Struktur der Gemeinden.

Von den insgesamt gut 7.000 Gräbern in Hégenheim sind heute nur noch rund 200 Gedenksteine erhalten. Manche von ihnen erlauben sogar eine ungefähre Rekonstruktion der Persönlichkeit der Bestatteten. Ein Kännchen beispielsweise weist auf einen Abkömmling des Hauses Levi hin; bekanntlich waren es die Leviten, die den Tempelpriestern bei ihren rituellen Waschungen zur Hand gingen. Zwei gespreizte Hände kennzeichnen die Kohanim, die Nachfahren der Priesterklasse, welche einstmals für den Tempeldienst zuständig waren. Einzelne Inschriften wiederum heben besondere Charakterzüge hervor, so etwa wenn eine verstorbene Frau als „Krone ihres Gatten“ bezeichnet wird: „Sie sorgte gut für die Kinder, kümmerte sich um die Armen und beherbergte viele Gäste…“ Häufig mündet die Schilderung in einen Segensspruch: „Seine/Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens.“

Respektvolle Totenruhe

Während die Grabsteine in früheren Zeiten ausschließlich in Hebräisch beschriftet waren, änderte sich das in neuerer Zeit. Immer öfter tauchten nun auch deutsche und französische Hinweise auf die Bestatteten auf.

An das furchtbare Los unzähliger Juden erinnern einige neuere Gedenksteine: „En souvenir de nos chères sœurs et tantes Estelle e Jenny Dreyfus de Uffheim, déportées en 1944.“ Was das bedeutet, erzählt das Mahnmal hinter der Leichenhalle, in welches die Namen von 45 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde von Hégenheim und Umgebung eingemeißelt sind, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Nicht nur vor dieser Gedenkstätte, sondern auch auf vielen Gräbern haben die Angehörigen Kieselsteine niedergelegt. Der Brauch hat nicht den Zweck, einen Gräberbesuch zu dokumentieren, sondern geht auf die Zeit des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten zurück, als man über den in der Wüste Verstorbenen und dort Begrabenen Steine aufschüttete, um die Toten vor dem Zugriff wilder Tiere zu schützen.

Für jüdisches Empfinden ist schlicht unfassbar, was andere Kulturkreise praktizieren, nämlich dass man die Gebeine der Toten umbettet oder die Begräbnisstätten einfach einebnet, um das Gelände anderweitig zu nutzen. Friedhöfe oder Grabstellen dürfen niemals angetastet werden. Der letzte Ruheplatz gehört den Heimgegangenen bis zum Ende der Zeiten – und das heißt bis zur Ankunft des Messias.

Die Grabdenkmäler vergegenwärtigen eben nicht nur die zu Stein erstarrten Träume der Toten; bei den Hinterbliebenen nähren sie auch die Hoffnung auf die Erfüllung uralter Ver-heißungen.

 

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2022
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