Gott wohnt da, wo man ihn einlässt

30. Juli 2004 | von

Vieles bewegt Menschen heute mehr als ihr Glaube, so sie denn noch einen haben. Der Alltag überflutet sie mit Zwängen, Eindrücken, Zerstreuungen – für Gott bleibt ihnen vermeintlich keine Zeit mehr. Vielleicht reservieren sie ihm noch eine Stunde am Sonntag. Das Auseinanderfallen von Glauben und Leben ist ein Grundproblem vom Christsein im Alltag – dabei ist es leicht zu überwinden: durch Offenheit für Gottes Gegenwart.


Wir leben in einer Welt mit einer kaum zu überbietenden Fülle von Dingen, von Zeit und Raum, Erfindungen und Neuschöpfungen, von Erkenntnissen und Entdeckungen. Diese Vielfalt bringt Probleme, Schwierigkeiten und Gefahren mit sich und wirft nicht absehbare Fragen auf. Für uns gibt es eine Menge an Möglichkeiten, und wir müssen uns entscheiden: Wie will ich mein Leben gestalten? In dieser Situation brauchen wir Orientierung, einen Halt, einen roten Faden, der sich durch das Ganze zieht.
Wir müssen uns abgrenzen gegen die Fülle und uns auf das beschränken, was uns wirklich möglich ist zu tun. Mit dem Alltag schaffen wir uns einen Rahmen für unser Leben: mit Regeln, Gewohnheiten, mit unserer Tätigkeit, mit Ruhe und Erholung. All das, was wir häufig als eintönig, sich ständig wiederholend, immer gleich beklagen, hilft uns in seiner positiven Dimension – als Ritual – unser Leben zu bewältigen. Durch Rituale finden wir im Alltag Halt, ein Stück Sicherheit und Vertrauen.

Alltag fern vom Herrn. Und dennoch klaffen Ideal und Wirklichkeit oft wesentlich auseinander: Wir bekommen unseren Alltag nur schwer mit unserem Glauben zusammen. Es sind oft zwei Welten: hier Gott, dort Alltag. Kaum, dass wir die Kirchentüren wieder Richtung Alltag durchschritten haben, fühlen wir uns fern von Gott, ohne jede innere Verbindung zum Himmel. Wo sind die Christen, wenn montags der Dienst beginnt?
Wir erfahren uns seltsamerweise oft nur stundenweise als Gläubige. Wo ist das Feuer des Glaubens zwischen den Sonntagen? Es gibt in der Tat Nischen in unserem Leben, die vom Wasser der Taufe nicht erreicht werden. Damit meine ich nicht nur Zeiten, in denen unsere Sündhaftigkeit die Gegenwart Gottes verschleiert. Ich denke vielmehr an Alltagssituationen wie wir sie erleben beim Einkaufen, bei der Hausarbeit, beim Schwatz über den Gartenzaun, wenn das Kind schreit, wenn wir im Büro arbeiten, uns mit den Kollegen austauschen, sowie bei Spiel und Spaß. Da ist Gott oft weit entfernt und kaum spürbar – so ganz anders als im Gottesdienst, beim feierlichen Gebet, da sind wir ganz nah beim Herrn und erfahren ihn.

Religiöse Heimat. Man kann aber nicht nur manchmal glauben – entweder man glaubt immer oder gar nicht. Diesen Zwiespalt zwischen Alltag und Glauben hat es sicher auch früher gegeben. Aber damals hatten die Menschen bewährte Formen und Ausdrucksmöglichkeiten, die ihnen halfen, ihr Leben christlich zu orientieren, teilweise haben diese Zeichen auch heute noch einen festen Platz. Bildstöcke und Wegkreuze lenkten die Gedanken auf Gott und ließen ein Gebet sprechen. Die Glocken riefen zum Gottesdienst oder mahnten zum Gebet. Beim Läuten der Abendglocke beteten die Menschen den “Engel des Herrn“. Im Mai gingen sie täglich zur Maiandacht. Ich erinnere mich an meine Kindheit: Damals bauten wir uns zu Hause einen kleinen Maialtar: ein Bild der Gottesmutter mit Jesuskind, mit Blumen und frischem Maigrün geschmückt. Hier sprachen wir unser Abendgebet. In der Fastenzeit beteten wir den Kreuzweg und im Oktober den Rosenkranz. Dieser wurde auch während eines Gewitters gemeinsam gebetet. Da meistens der Strom unterbrochen war, zündete man eine – an Mariä Lichtmess geweihte – Kerze an. Das gemeinsame Gebet in der Familie war ein festes Ritual. Die Mutter machte stets ein Kreuzzeichen auf das Brot, bevor es angeschnitten wurde. Für mich ist das heute noch ein festes Ritual, bei dem ich Fürsprache einlege für jene, die davon kosten.
Die Sonntage und Feste des Kirchenjahres durchwirkten den Alltag. Religiöse Bräuche und Zeichen wurden im Alltag auf vielfältige Weise lebendig, und der Alltag war mit dem Glauben fest verbunden.

Eindimensionale Realität. Wie aber sieht die Wirklichkeit heute für die meisten von uns aus? Glockengeläut in Neubaugebieten gibt es nicht mehr, weil die Anwohner von Kirchen Klage erheben, denn sie fühlen sich am Sonntagmorgen gestört. Kreuze am Straßenrand haben heute einen traurigen Anlass: Sie markieren eine Stelle, an der ein Mensch tödlich verunglückt ist. Das Tischgebet hat kaum noch eine Chance, weil die Familie die Mahlzeiten selten zusammen einnehmen kann. Wer denkt heute noch an den Ritus der Haussegnung? Da die alten Menschen nicht mehr in unserer Mitte leben und sterben, ist auch der Versehgang fremd geworden. Selbst der Brauch, Messintensionen für Verstorbene in Auftrag zu geben, scheint für die jüngeren Generationen verloren zu gehen. Es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder getauft werden. Wo erinnert das Lernen in der Schule an die Gegenwart Gottes, wenn wir über die Präsenz von Kreuzen diskutieren müssen.
Es sind nicht nur viele traditionelle Zeichen unseres Glaubens aus dem Alltag verschwunden. Wir atmen inzwischen eine geradezu religiös keimfreie Luft ein: in der Berufswelt, in der Öffentlichkeit, in der Ausbildung und Schule. Unsere Welt ist eindimensionaler geworden, hat ihre spirituelle Seite verloren. Ja, auch wir selbst sind davon betroffen: Wann haben wir (jede/r frage sich das persönlich) zuletzt mit einem anderen Menschen über Glaubensfragen gesprochen? Warum schämen wir uns, voreinander dem Glauben an Gott und seine Verheißungen Ausdruck zu geben? Warum fällt es uns so schwer, persönliche Glaubenserfahrungen miteinander zu teilen? Selbst das Bekenntnis zum Glauben scheint für viele ein unüberwindliches Hindernis zu sein. Da lebt man jahrelang nachbarschaftlich nebeneinander und weiß nicht, ob der Nachbar gläubig ist, zur Kirche geht oder gar nichts mit Religion am Hut hat. Aber aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass dieses Bekenntnis ein langer Prozess ist und eine geistige Reife erfordert. Bei jungen Menschen habe ich das immer als eine problematische Phase erlebt: Auf der einen Seite waren sie durchaus offen und religiös, haben bei entsprechenden Gelegenheiten die religiöse Grundlage aus ihrer Kindheit zugelassen, waren dankbar, mit Gott wieder in Berührung gekommen zu sein, konnten sich aber vor anderen nicht dazu bekennen. Sie zogen es vor, im Strom mitzuschwimmen, um nur ja nicht aufzufallen. Liegt unsere Zurückhaltung an unserer Unbeholfenheit oder an der dünnen geistigen Luft unserer Zeit?

Gottesbegegnung heute. Es stellt sich die Frage, ob wir verstanden haben, dass eine Veränderung der Lebensumstände auch Veränderungen in Glaubenserfahrungen mit sich bringt. Und dass sich daraus möglicherweise Situationen neuer Gottesbegegnungen erschließen. Wir sollten uns austauschen über neue Akzente und Möglichkeiten der Gestaltung und Ausprägung der Frömmigkeit. Wir brauchen Phantasie und Kraft, um neue Lebens-, Wohn- und Arbeitsverhältnisse vom Glauben her zu durchleuchten. Erkennt unser Glaube, dass Gott sich uns anders und in überraschender Weise zeigt? Wir suchen Gott vielleicht in der Nostalgie und bemerken nicht, dass er uns in einem vereinsamten Menschen oder einer bestimmten beruflichen Situation herausfordern möchte. Wir sollten die Möglichkeiten der Gottesbegegnung erkennen und nicht meinen, wir könnten den Herrn nur im Weihrauchduft und im Orgelklang finden. Wir bedürfen dringend einer Frömmigkeit mitten in der Welt, hier an Ort und Stelle. Da wo ich gerade stehe, muss ich nach dem Wasser graben, um die Gegenwart des manchmal fernen und doch so nahen Gottes zu finden.

Im Hier und Jetzt. Die religiöse Autorin Ida Friederike Görres sagte einmal: “Wenn irgendwo eine Frau nur Geschirr spült, Windeln wäscht, ein Kind badet, ein Zimmer abstaubt, so wird in diesem Winkel durch sie und den Heiligen Geist das Antlitz der Erde erneuert.“
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber erzählte 1947 in einem Vortrag eine kleine chassidische Geschichte zu der Frage: Was ist das Wichtigste, das ich in meinem Leben tun kann, und wann soll ich es tun?
“Bald nach dem Tode Rabbi Mosches von Kobryn wurde einer seiner Schüler vom alten Rabbi Mendel gefragt: Was war für Euren Lehrer das Wichtigste? Er besann sich und sagte: Womit er sich gerade abgab.“ (aus: Martin Buber, Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre) So liegt es an uns, in der Gegenwart zu leben und Situationen den rechten Stellenwert zu geben.
Wir Christen machen gleiche Erfahrungen wie Ungläubige. Unser Glaube verzaubert diese Erfahrungen nicht automatisch, das heißt Kummer bleibt Kummer, Schmerz bleibt Schmerz. Aber unsere Christusnähe und die Botschaft des Evangeliums sind so stark, dass diese Erfahrungen in einem anderen Licht stehen.

Glauben gestalten. Wir sollten es vermeiden unsere Frömmigkeit an Heiligenfiguren und Kirchenbesuch festzumachen. Wir können eine neue Frömmigkeit im Alltag einüben, indem wir Gott im Alltag finden, dort wo wir stehen: Im Eisenbahnabteil, im Auto auf dem Weg zur Arbeit, in zufällig aufgeschnappten Wortfetzen, in Fernsehbildern und nicht zuletzt in Trends in der Öffentlichkeit und Gesellschaft.
Ich bin nicht überzeugt, dass unser Glaube schwächer ist als früher. Ich meine eher, dass wir zu wenig Mut und Phantasie haben, unserem Glauben überzeugend Gestalt im Hier und Heute, in unseren beruflichen und sonstigen Lebensverhältnissen zu geben. Gott will mit Aufmerksamkeit und Hingabe in allen Situationen gesucht werden und selige Freude schenken, wenn der Mensch ihn findet.
Eine altjüdische Geschichte erzählt: Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suchte. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Großvaters gelaufen und beklagte sich über den bösen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: “So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“ (Nach M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1984, S. 191).

Verheißung. Jeder von uns hat mehr oder weniger damit zu tun, dass er den Alltag bewältigt. Wie kann er darüber hinaus noch Gott suchen und finden? Ich denke, es ist nicht möglich, ohne Gnade dem Alltag mehr Tiefe und unserem Beten mehr Raum zu geben.
“Rabbi Mendes von Kozk überraschte einst einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren, mit der Frage: ‘Wo wohnt Gott?’ Sie lachten über ihn: ‘Wie redet Ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!’ Er aber beantwortete die eigene Frage: ‘Gott wohnt, wo man ihn einlässt.’ Das ist es worauf es letztlich ankommt: Gott einlassen. Man kann ihn aber nur da einlassen, wo man steht, da wo man lebt, wo man ein wahres Leben lebt.“ (aus: Martin Buber, Der Weg des Menschen in der chassidischen Lehre).
Wenn ich Gott einlassen kann, kann ich ihn auch aussperren, dort wo ich stehe. Ich entscheide selbst darüber, ob mein Alltag ein heilloser Alltag ist. Wir haben die Verheißung Gottes: “Wenn ihr mich sucht aus ganzem Herzen, werde ich mich finden lassen.“ Dies gilt für jede Zeit, für jeden Menschen, für jede Tätigkeit. Ob ich ihn finden werde, hängt davon ab, ob ich offen bin für die wichtigsten Dinge, für die wichtigste Zeit, für das Endgültige im Vergänglichen, für das Geheimnis des Unscheinbaren.

 

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016