Gottes reinster Tempel

24. Oktober 2008 | von

 Der Gedenktag „Unserer Lieben Frau in Jerusalem" wird am 21. November von der ka-tholischen und der orthodoxen Kirche gemeinsam begangen. Er bezieht sich auf eine außerbiblische Legende, die besagt, dass Maria im Alter von drei Jahren von ihren Eltern zur Erziehung in den Tempel zu Jerusalem gebracht wurde.



Ein uralter Marienfeiertag, der in der byzantinischen Kirche schon im sechsten Jahrhundert gefeiert wurde, hat den Liturgieexperten des Zweiten Vatikanischen Konzils Probleme bereitet. Soll man einen Gedenktag, der in der römischen Liturgie zwar auch schon einige Jahrhunderte gefeiert wurde, wegen seines legendenhaften Kerns nicht ersatzlos streichen? Die „Darstellung der seligen Jungfrau Maria im Tempel", auch „Mariä Opferung" genannt, verband sich mit der legendären Erzählung des apokryphen Jakobusevangeliums, einer Schrift, die keinen Eingang in den Kanon der Bibel gefunden hat.



Legendäres Marienleben. Das liturgische Gedenken, das in der Ost- und Westkirche am 21. November gefeiert wird, ist geprägt von der Erzählung, dass Maria seit Vollendung ihres dritten Lebensjahres im Tempel zu Jerusalem lebte. Aufgrund eines Gelübdes und von Gott geführt, hätten ihre Eltern das heiß ersehnte Kind dem Hohenpriester übergeben, damit es in Gemeinschaft mit den Tempeljungfrauen Tempeldienste leiste. Ganz Gott geweiht, wäre sie dort bis zu ihrem zwölften Lebensjahr geblieben und von Engeln mit Speise versorgt worden. Diese legendäre Thematik hat die ostkirchliche Kunst und die liturgische Feier der Griechen stark geprägt.Die Kenner ostkirchlicher Traditionen haben der vorgeschlagenen Abschaffung des liturgischen Gedenkens im römischen Festkalender heftig widersprochen. Ein Tag, der uns mit der Orthodoxie im Gebet vereint, soll nicht entfallen.

Zur Begründung des Festes besann man sich eines anderen, ebenfalls uralten Schwerpunktes der Feier: Am 21. November 543 wurde die „Neue Marienkirche", die „Nea", nächst der Jerusalemer Tempelmauer, unter Beisein Kaiser Justinians feierlich geweiht. Dieses alte Kirchweihfest ist verbunden mit der Überlieferung, dass hier das Haus der Eltern Mariens gestanden habe. Jetzt war es unmöglich, das Fest zu streichen. Man gab ihm den ansprechenden neuen Titel „Unsere Liebe Frau in Jerusalem".

Der heutige Name des Gedenktages – an Stelle des alten „Mariä Opferung" – ersetzt das dem Jakobusevangelium entnommene Bild des Tempels durch das Bild der heiligen Stadt Jerusalem; im Neuen Testament (z.B. Offb 21,2) ist es das „neue Jerusalem", das alle Sprachen und Nationen umfassende Volk Gottes in der Vollendung. Dem entspricht die Lesung aus Sach 2,14-17: „Juble und freue dich, Tochter Zion: denn siehe, ich komme und wohne in deiner Mitte!"



Vorbereitung der Erwählten. Im Protoevangelium des Jakobus lesen wir: „Und der Priester setzte das Kind auf die dritte Stufe des Altars, und Gott der Herr legte Anmut auf das Kind, und es tanzte vor Freude mit seinen Füßen, und das ganze Haus Israel gewann es lieb" (7,3). Diese letzte Wendung lässt an den vor der Bundeslade tanzenden David denken, der seine ihm von Gott zugedachte Aufgabe übernimmt, und dem das Volk zujubelt (vgl. 1 Sam 18,16). Der Tempelaufenthalt Mariens ist natürlich eine Legende, denn es gab in Jerusalem keine Tempeljungfrauen – kein Mädchenpensionat. Deshalb kann auch Maria nicht zu diesem Dienst dargebracht worden sein.

Die Erzählung wird in der Ostkirche so verstanden: „Die Einführung in die Sphäre Gottes soll uns ihre große Erwählung vor Augen führen. Die Gottesgebärerin ist selbst der reinste Tempel Gottes. In ihr wird das Wort Gottes wohnen. Als Vorbereitung auf dieses Geheimnis ist der einzig würdige Ort für sie das Haus Gottes in Jerusalem, über das sie selbst unendlich erhaben ist. Dies wird durch ihre Einführung ins Allerheiligste, durch ihr Wirken und Verweilen im Tempel und den Dienst des Engels an ihr ausgedrückt" (Johannes Krammer, in „Marienfrömmigkeit in Ost und West", S. 184, Pro Oriente Bd. XXX, Tyrolia).



Hauptfest der Ostkirche. Die „Einführung der allerheiligsten Gottesgebärerin in den Tempel" – so wird das Fest in der Ostkirche genannt – ist eines von den zwölf Hauptfesten des Kirchenjahres und wird ebenfalls am 21. November, dem Datum der Weihe der Marienkirche in Jerusalem, gefeiert.

„Als sie in den Tempel einzog, rief ihr Zacharias staunend zu: O Pforte des Herrn, dir öffne ich des Tempels Pforte, frohlockend juble ich, denn ich habe erkannt, dass die Erlösung Israels gekommen ist und aus dir Gott geboren wird, das Wort, das der Welt so große Gnade schenkt … Du Schatzkammer der Herrlichkeit Gottes, du himmlisches Zelt, von den Engeln besungen."



Ins Bild gebracht. Die religiöse Kunst der Westkirche hat die Bildmotive der byzantinischen Kirchenkunst, die sich an den Erzählungen des Jakobusevangeliums orientieren, aufgegriffen und interpretiert.

Die Bildfolge in der Arenakapelle in Padua, vom Florentiner Giotto um 1300 geschaffen, gehört zum ersten Freskenzyklus der Westkirche, der dem Leben Jesu die Geschichte der Eltern Mariens, Joachim und Anna, in eigenen Szenen vorangehen lässt. Die Themen, die Giotto ins Bild bringt, sind auf lange Zeit zu klassischen Vorbildern der italienischen Renaissancekunst geworden.

Zu Giottos Zyklen gehört auch Mariens Aufnahme im Tempel. Das Marienkind steigt die Stufen zum Tempeltor empor. Mutter Anna führt mit vornehmem Nachdruck das Kind dem wartenden Hohenpriester entgegen, während die Tempeljungfrauen ihre neue Gefährtin bestaunen.

Es lohnt sich, die russische Ikone, die etwa 500 Jahre später gemalt wurde, mit Giottos Darstellung zu vergleichen. Beide Bilder verkünden die Vorbereitung Mariens auf ihre Aufgabe, Mutter des Welterlösers zu sein.



Eine Mutter, die vereint. Wenn wir das Gedenken „Unserer Lieben Frau in Jerusalem" feiern, richten sich unsere Blicke der Heiligen Stadt zu. Bilder stehen vor uns auf, besonders wenn wir diese Stadt als Pilger kennen und lieben gelernt haben. Wir sehen die Lichter vor den Ikonen der Griechen, der Armenier, der Russen und der Kopten. In der Nähe der Tempelmauer, wo einst die „Neue Marienkirche" geweiht wurde, erbitten wir von Unserer Lieben Frau den Frieden für die Menschen in dieser Stadt, für Juden und Muslime, für Lateiner und Griechen. Mögen ihre Wege zueinander führen, zum Lobpreis Gottes.





 

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016