Hilfe, die Touristen kommen (nicht)!

06. September 2021 | von

Von der „Sehnsucht nach Urlaub“ haben wir in unserem Sommerheft getitelt. Unser „Thema des Monats“ über das Übermaß an Touristen will Urlaubern nicht im Nachhinein ein schlechtes Gewissen machen, zeigt aber ein vielschichtiges Problem auf, für das es keine ganz einfache Lösung gibt.

Die Italienische Reise des großen Dichters Johann Wolfgang von Goethe beginnt am Morgen des 3. September im Jahr 1786 um 3.00 Uhr. In Karlsbad steigt er in die Postkutsche, allein und ohne Gepäck. Niemand weiß Bescheid, wohl aus Angst, man würde ihn zurückbeordern. Sein Aufenthalt dauert bis zum Mai 1788 – und damit etwa eineinhalb Jahre. Er bereist unter anderem Padua, Venedig, Bologna, vor allem Rom, auch Neapel und Sizilien.

Für den „normalen“ zeitgenössischen Menschen war damals an Reisen, sei es nun zu Forschungs-, Erkundungs- oder gar Erholungszwecken, nicht zu denken. Dass heute im Prinzip fast jeder regelmäßig in Urlaub fährt (oder zumindest die Möglichkeit dazu hat), ist eine relativ moderne Erfindung, die in die Zeit der Industrialisierung in Europa zurückreicht. Prof. Hasso Spode, der Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus an der Technischen Universität in Berlin, kennt die damaligen Tricks: „So um 1850 fing diese Mode an. Da sind die zu einem Arzt gegangen, haben sich ein Attest besorgt und gesagt, oh, wir sind krank, wir müssen uns irgendwie erholen. Und sind aufgrund dieses Attestes dann eben in den Urlaub gefahren.“

Reisen als Massenphänomen

Die Erfindung der Eisenbahn in dieser Zeit ermöglicht als Nebenprodukt den „Pauschaltourismus“. Das Verreisen in den Urlaub wird massentauglich. Prof. Spode erzählt, was sich Reiseorganisatoren wie der Engländer Thomas Cook (1808-1892) zunutze machten: „Die Eisenbahngesellschaften haben natürlich gesagt, wenn ihr uns den Zug hier vollmacht, dann kriegt ihr dafür einen Rabatt. Und dadurch konnte er diese Reisen billiger anbieten, wenn auf einen Schlag 500 bis tausend Leute ans Meer fuhren.“ Seine erste Fahrt organisiert er am 5. Juli 1841: Sie führt von Leicester ins nur 20 Kilometer entfernte Loughborough. Die Reise gibt es zum Sonderpreis von gerade einmal einem Schilling. Enthalten ist nicht nur die Hin- und Rückfahrt, sondern auch ein Schinkenbrot und eine Tasse Tee. 14 Jahre später bietet der Tourismus-Pionier seine erste Reise aufs europäische Festland an. 1866 bringt Thomas Cook erstmals Touristen nach Amerika: Der Urlaub wird salonfähig und immer erschwinglicher.

In Deutschland wird nach 1945 der Urlaubsanspruch gesetzlich geregelt, zunächst sind es zwei Wochen. Heute sieht das Bundesurlaubsgesetz mindestens vier Wochen als bezahlten Urlaub vor. Dieser Urlaub dient der Erholung und ist mittlerweile für viele Arbeitnehmer/innen und Familien der Höhepunkt des Jahres.

Urlauber bringen Wohlstand

Für geografisch günstig gelegene und landschaftlich gesegnete Länder wie Österreich ist der Tourismus zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden. Etwa zehn Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in der Tourismusbranche. Die Alpenrepublik bringt es jährlich auf etwa 150 Millionen Übernachtungen – bei einer Einwohnerzahl von knapp neun Millionen. In- und ausländische Besucher geben im Urlaub und auf Ausflügen über 40 Milliarden Euro aus. Bei etwas über sieben Prozent liegt der Anteil der Umsätze der Tourismuswirtschaft am Bruttoinlandsprodukt. In Ländern wie Kroatien, Spanien oder Portugal liegt der entsprechende Anteil bei um die zwölf Prozent. Tourismusagenturen bewerben Urlaubsreisen weltweit. Ständig werden neue attraktive Angebote entwickelt, denn der Kunde will nach seiner Rückkehr ja schließlich etwas zum Erzählen haben, was neu und aufregend ist. Aber nicht nur Abenteurer kommen auf ihre Kosten. Wer es ruhiger mag, bucht ein Wellness-Wochenende. Der „Urlaub auf dem Bauernhof“ ist mindestens ebenso beliebt wie die Flusskreuzfahrt. Für jeden Geschmack und (fast) jeden Geldbeutel ist etwas dabei.

Angst vor Touristen?

Die Kehrseite der Medaille kursiert seit einigen Jahren unter dem Schlagwort „Overtourism“. Auch wenn der Tourismus in vielen Ländern ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden ist: Einheimischen wird es bisweilen einfach zu viel. Allein ein Blick auf entsprechende Zeitungsüberschriften schärft die Aufmerksamkeit für das neue Problem: „Die dunkle Seite des Tourismus: Bewohner von Dubrovnik sehen im TV, ob sie raus können“, „Hallstatt wäre so schön – wenn die Touristen nicht wären“, „Die Zahl der Touristen auf Island explodiert – wird die Insel das verkraften?“, „Jetzt kommt die Obergrenze für Touristen“. Und unter der Überschrift „12 destinations travelers might want to avoid“ nennt CNN sogar Städte, um die man lieber einen großen Bogen macht, falls man nicht mit den Massen durchgeschoben werden möchte.

Gloria Guevara, seit 2017 Präsidentin des World Travel & Tourism Council (WTTC), dem 189 Nationen angehören, schlägt die Alarmglocke: „Wir müssen nach Lösungen suchen, bevor es zur Touristenphobie kommt!“ Angst vor den Touristen? Die Beratungsgesellschaft McKinsey versucht, diese Angst in Zahlen zu messen: Größter Handlungsbedarf, gegen den „Overtourism“ etwas zu tun, scheint gegeben, wenn 930.000 Menschen pro Quadratkilometer und pro Jahr einen Ort besuchen. Dann wird das Gedränge für Anwohner und Besucher unzumutbar. Infrastruktur, Sehenswürdigkeiten und nicht zuletzt auch die Umwelt kommen an ihre Grenzen – und möglicherweise sogar schon darüber hinaus. 

Ständig neue Expansionen

So wie die Erfindung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert den Massentourismus möglich gemacht hat, so haben ihn Billigfluggesellschaften zusätzlich expandieren lassen. Günstige Tarife erlauben der Reisekasse nahezu jedes Ziel. Seit Mitte der 90er Jahre befindet sich außerdem die Kreuzfahrtbranche auf einem Höhenflug. Von 1995 bis 2019 erzielte sie beispielsweise in Deutschland ein Passagierplus von mehr als 900 Prozent. 2019 machten weltweit etwa 30 Millionen Passagiere eine Reise mit einem der ungefähr 400 exklusiven Kreuzfahrtschiffe. Bordausflüge schwemmen die Touristen dann an Land.

Das Online-Portal „airbnb“, kurz für „airbedandbreakfast“ („Luftmatratze und Frühstück“), bringt private Wohnungsinhaber und Suchende von Übernachtungsmöglichkeiten zusammen. Wer nicht den Komfort eines möglicherweise ausgebuchten und obendrein teuren Hotels in Anspruch nehmen möchte, findet auf diese Weise bei Privatpersonen eine in der Regel deutlich günstigere Unterkunft. Allein in Deutschland werben 160.000 Unterkünfte auf der Plattform. Seit Gründung des Unternehmens im Jahr 2008 bis zum Beginn der Corona-Krise hat „airbnb“ nach eigenen Angaben über 500 Millionen Übernachtungen vermittelt. Soziale Netzwerke wie Instagram, auf denen „Influencer“ mitunter ein Millionenpublikum erreichen, sorgen mit dafür, dass auch bis dato unbekannte Orte aufgrund eines einzigen spektakulären Fotos zum Touristenmagnet werden: Jeder will jetzt an dieser Stelle ein mindestens ebenso aufregendes Foto schießen.

Touristen da, Einheimische weg

Venedig ist eines der Paradebeispiele für einen seit Jahrhunderten faszinierenden Ort mit seit Jahrzehnten nahezu exponentiell steigenden Besucherzahlen. Mittlerweile sind es Jahr für Jahr etwa 22 Millionen Besucher, davon ein großer Teil Kreuzfahrttouristen, die dafür bekannt sind, kaum Geld in der Stadt zu lassen. Ihr Aufenthalt beschränkt sich oft auf wenige Stunden, in denen sie durch die engen Gassen der Lagunenstadt geschoben werden. Es verwundert kaum, dass der Exodus einheimischer Venezianer drastische Ausmaße angenommen hat: Lebten 1951 in der Innenstadt noch 175.000 Einwohner, sind es heute nur mehr knapp über 50.000. Lärm, Müll und hohe Preise haben die Einheimischen verdrängt. Mahner sprechen bereits seit Jahren vom „Tod Venedigs“. Vor allem die Kreuzfahrtindustrie gilt als ökologisches Desaster – wegen der enormen Menge an Abgasen (vergleichbar mit 15.000 Autos!), aber auch wegen der Beschädigungen am Fundament der Lagune durch die Schiffsantriebe, die Erosionsprozesse verstärken. Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro schreibt sich weiterhin das „offene Venedig für alle“ auf die Fahne. Vom „Eintrittsgeld“ für Tagestouristen, das eigentlich schon im vergangenen Jahr eingeführt werden sollte, ist er mit Sicherheit wenig begeistert. Wer Venedig besucht, soll künftig, falls die Gebühr jemals tatsächlich eingeführt wird, je nach Jahreszeit zwischen drei und zehn Euro Eintritt bezahlen.

Licht und Schatten

Dass der „Overtourism“ nicht nur die großen Städte betrifft, demonstriert die kleine österreichische Gemeinde Hallstatt im Salzkammergut am Nordrand der Alpen. Der Ort zählt deutlich unter 1.000 Einwohner, bringt es aber auf jährlich ungefähr eine Million Besucher. Bürgermeister Alexander Scheutz, seit 2009 im Amt und erneut Kandidat bei der anstehenden Wahl im September, ist durchaus zufrieden: „Wir sind ein kleiner Ort, der vor einigen Jahren noch verschuldet war und Gefahr lief, eingemeindet zu werden. Jetzt haben wir einen Haushalt von 4,4 Millionen Euro mit rund 160.000 Euro Überschuss.“ Allein 150.000 Euro erwirtschaftet die Gemeinde dabei übrigens mit dem Betrieb öffentlicher Toiletten….

Warum nun aber so viele Menschen nach Hallstatt kommen, unter ihnen besonders chinesische Touristen? Für fast eine Milliarde US-Dollar wurde in der chinesischen Provinz Guangdong das österreichische Original-Hallstatt 1:1 nachgebaut. Das fernöstliche TV-Programm hat ein Faible für die österreichische Provinz, und dann wundert es nicht, dass betuchte Europa-Touristen einmal den Originalschauplatz inspizieren möchten.

Lenkung der Touristenströme

Bei allen willkommenen Einnahmen sucht die Gemeinde dennoch nach Wegen, dem Touristenansturm Herr zu werden. Reisebusse dürfen in Zukunft nur noch in fest gebuchten und limitierten Zeitfenstern ihre Gäste aussteigen lassen. Ein Mindestaufenthalt von 2,5 Stunden soll dafür sorgen, dass einiges an Geld ausgegeben wird – und auch bei den Parkgebühren langt man mit 80 Euro pro Bus mittlerweile ordentlich hin. Mehr als 54 Busse pro Tag sollen künftig nicht mehr zugelassen werden.

Orte, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen, stehen unter einem gewissen zusätzlichen Druck. Wird es mit den Touristen zu viel, droht die internationale Organisation bisweilen, den Welterbe-Status abzuerkennen. Dann gilt es, teils drastische Maßnahmen zur Regulierung der Besucherzahlen zu ergreifen. Im Salzburger Dom werden ab Mitte Oktober fünf Euro Eintritt kassiert: „Der Dom war zu gewissen Zeiten in seiner Würde nicht mehr erlebbar“, so Dietmaier Koisser, seit 1998 Sakristeidirektor und für das Gästemanagement verantwortlich. Es leide nicht nur die Stille und Andacht im Gotteshaus, sondern vor allem bei Regen und Schnee die Bausubstanz. Wer zum Beten in den Dom möchte, wird das weiterhin kostenlos tun könne – alle anderen werden zur Kasse gebeten.

Löst Corona das Problem?

Ob sich das Problem des „Overtourism“ durch Corona erledigt hat? Venedig atmet derzeit auf. Das Wasser ist so klar wie seit fast 60 Jahren nicht mehr. Angeblich wurden in der Lagune sogar schon wieder Delfine gesichtet. Doch das Ausbleiben der Touristen hat dramatische wirtschaftliche Folgen: Die 22 Millionen Besucher geben Jahr für etwa drei Milliarden Euro in der Stadt aus – Geld, das jetzt fehlt.

Nach Angaben der Vereinten Nationen könnten die Einbußen im Corona-geschädigten Tourismus-Sektor weltweit auf bis zu vier Billionen US-Dollar steigen. Zoritsa Urosevic von der Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) stellt fest: „Im internationalen Tourismus sind wir auf dem Niveau von vor 30 Jahren, also im Grunde in den 80er-Jahren. Viele Lebensgrundlagen sind wirklich bedroht.“ Auch in diesem Jahr werden die Tourismuszahlen voraussichtlich noch um bis zu 75 Prozent unter den Vergleichswerten vor der Pandemie liegen.

Der Tourismusforscher Harald Pechlaner glaubt aber nicht, dass der „Overtourism“ der Vergangenheit angehört. Die Sehnsucht nach Urlaub und Reisen bleibt. Und dennoch: „Ich glaube, dass sich (…) ein Trend zu bewussterem Reisen entwickelt. Die Menschen werden sich die Frage stellen: Muss man wirklich dreimal im Jahr an den Gardasee? Der Umstand, dass viele Urlauber in diesem Jahr neue Regionen im eigenen Land kennengelernt haben, führt dazu, dass man diese auch künftig als Alternative bei der Reiseplanung berücksichtigt.“ Überfüllte Strände, volle Innenstädte und Sehenswürdigkeiten mit strikten Zugangsbeschränkungen werden aber sicherlich auch künftig unser Urlaubserleben prägen.

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2021
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