Letzter Garten für Dichter und Mimen

25. Oktober 2010 | von

Abseits der beliebten Münchner Spazier- und Radwege entlang der Isar liegt am Hochufer verborgen der kleine Bogenhausener Friedhof. Im Schatten der Rokokokirche St. Georg finden hier seit Mitte des 20. Jahrhunderts viele berühmte Münchner und Wahlmünchner ihre letzte Ruhestätte.



Als der kleine Gottesacker 1902 von der Stadt München übernommen wurde, hatte Bogenhausen bereits zehn Jahre zuvor seine Eigenständigkeit verloren und war von der Landeshauptstadt einverleibt worden. Doch der Symbiose von Kirche und Dorf schadete es nicht: Auch heute noch ist diese prägende Verbindung zu spüren, hat sich der dörfliche Charakter rund um den Kirchplatz bewahrt.

Mitten in der lärmenden Großstadt eröffnet sich hinter von Efeu und wildem Wein umrankten Friedhofsmauern und unter hohen Laubbäumen ein idyllisches Refugium. Seine Stille wird nur vom Rascheln der nach Nüssen suchenden Eichhörnchen, dem mehrklängigen Glockengeläut der alten Pfarrkirche St. Georg und den Besuchergruppen unterbrochen. Letztere kommen vor allem her, weil sie sich für die Grabstätten zahlreicher prominenter Münchner und Wahlmünchner interessieren.



Bei Künstlern beliebt

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Friedhof, der wahrscheinlich schon seit dem 9. Jahrhundert existiert, die letzte Ruhestätte von Schauspielern, Schriftstellern, Bildhauern, Malern, Unternehmern und Wissenschaftlern. Nur wer sich besonders um die Stadt München verdient gemacht oder mindestens 30 Jahre lang im Stadtteil Bogenhausen gelebt hat, kann laut Friedhofssatzung eine der begehrten Grabstellen erhalten.

Liesl Karlstadt, 1892 in München-Schwabing als Elisabeth Wellano geboren und als Volksschauspielerin und Partnerin von Karl Valentin von den Münchnern verehrt, wurde hier 1960 beigesetzt. Die Kabarettistin und zugleich tiefgläubige Katholikin hatte sich in den 30er Jahren für den Erhalt der abrissgefährdeten Friedhofskirche St. Georg (siehe Kasten) eingesetzt. Nur wenige Meter entfernt von ihrem Grab, das ein einfaches Eisenkreuz mit einem leuchtend roten, aufklappbaren Herz ziert, liegen die Gräber von Schauspielkollegen Walter Sedlmayr, Helmut Fischer, dem ewigen Stenz aus der Serie „Monaco Franze“, SOKO-Kommissar Werner Kreindl und dem „Alten“, ZDF-Kommissar Siegfried Lowitz.

Auch der berühmteste Regisseur des „Neuen Deutschen Films“, Rainer Werner Fassbinder, dessen schlichter Stein über seinem Urnengrab – versteckt unter einem dunkelroten Zierahorn – schnell übersehen werden kann, fand hier nach einem rastlosen Leben seine letzte Ruhe. In nur 14 Jahren hatte der Wahlmünchner bis zu seinem Tod 1982 mehr als 40 Filme und Fernsehproduktionen gedreht, stand selbst als Schauspieler vor der Kamera und auf der Theaterbühne.

Abseits der hohen Laubbäume finden sich zudem die schmiedeeisernen Tafeln und Kreuze von Erich Kästner (Kinderbuchautor, „Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“, „Die Konferenz der Tiere“) und der fast hundertjährigen Annette Kolb (Bücher: „Die Schaukel“, „Zarastro“ „Memento-Texte aus dem Exil“) sowie der Grabstein von Oskar Maria Graf. Der Schriftsteller war 1933 aus München vor den Nationalsozialisten geflohen und 1938 nach New York emigriert. Fern seiner bayerischen Heimat fühlte sich der Ur-Bayer, von dem Berthold Brecht als einem „verjagten Dichter – einem der besten“ sprach und von dem Schriftsteller Peter Härtling 1974 schreibt: „Er selbst hatte sich, allerdings nicht ohne Sarkasmus, ‚Provinzschriftsteller’ genannt. Um das zu unterstreichen, trug er in allerfeinster Gesellschaft, im In- und Ausland, daheim und später im Exil, Lederhosen und Trachtenwams ...“ 1967 verstarb Graf in der amerikanischen Metropole. Ein Jahr später wurde seine Urne nach München überführt und in Bogenhausen im Beisein seiner dritten Ehefrau, Dr. Gisela Graf, und des damaligen Münchner Oberbürgermeisters Hans-Jochen Vogel beigesetzt.



Licht und leicht

Eines der wenigen größeren Grabmäler auf dem Friedhof erinnert an den Astronom und Leiter der Sternwarte in Bogenhausen, Johann von Lamont (1805-1879). Ganz in der Nähe ruht der Weißbierkönig Georg Schneider. Trotz aller Prominenz der Verstorbenen nimmt sich der kleine Gottesacker, auf dem es insgesamt 208 Grabplätze gibt und der 1959 neu gestaltet wurde, vornehm zurück. Statt monumentaler und damit häufig düster und erdrückend wirkender Grabmäler dominieren auf dem Bogenhausener Friedhof das Lichte und Leichte. Eine Mischung aus rosenumrankten Tafeln, kunstvoll mit schmiede-

eisernen Blütenknospen, vergoldeten Blättern oder kleinen Engeln verzierten Kreuzen und schlichten Grabsteinen lassen Raum für Einkehr, Rückzug und Andacht. Das Gedenken der Lebenden an die Toten hat hier ausreichend Platz.

Davon zeugen nicht nur die noch immer liebevoll gepflegten Gräber oder die eine oder andere Rose auf den Grabsteinen von verehrten Persönlichkeiten. Der Bogenhausener Dorffriedhof ist auch ein Ort, an dem an die Widerstandskämpfer und Märtyrer Pater Alfred Delp, Kaplan Hermann Wehrle, Ludwig Freiherr von Leonrod und Franz Speer erinnert wird. Sie waren eng mit

St. Georg verbunden und wurden 1944 und 1945 von den Nationalsozialisten ermordet (siehe Kasten). Ihre vier Gedenktafeln, die sich an der Westseite der Friedhofskirche befinden, umschließt ein Kreuz. Es trägt als Inschrift ein Zitat von Ignatius von Antiochia an die römische Gemeinde: „Frumentum christi sum, dentibus bestiarum molar ut panis mundus inveniar“, „Ich bin ein Getreidekorn Christi, und durch der wilden Tiere Zähne muss ich gemahlen werden, damit ich als reines Brot erfunden werde“.

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016