Neue Heilslehre Körperkult

21. Oktober 2003 | von

Wir leben in einer Zeit , in der um Schönheit und Fitness ein regelrechter Kult betrieben wird. Viele sehen in einem perfekten Äußeren und einem reibungslos funktionierenden Organismus Garanten eines glücklichen Lebens – und streben danach bis hin zur Selbstverstümmelung. Was sie nie erreichen werden: echte Erfüllung und Selbstannahme.        



Bei den Recherchen für einen solchen Artikel steht man zunächst schon sehr ratlos vor diversen Metern Buchrücken in der Fachabteilung der Bibliothek. Was hier allein an diesem Ort an “Wissen“ über das Thema Gesundheit angehäuft ist, lässt schon die Brisanz dieser Thematik für uns Menschen erahnen.



Angst vor Vergänglichkeit. Die fast schon manische Angst vor der Vergänglichkeit ihres Körpers zieht bei einer zunehmenden Zahl von Mitmenschen ein Streben nach geradezu perfekter Gesundheit nach sich. Eine Art von Ersatzreligion hat sich etabliert – mit nicht nur einer Bibel, dafür aber Ratschlägen und Ratgebern in Zeitschriften und in Buchform – und in unüberschaubarer Zahl. Vom “Bodyguide“ für Männlein und Weiblein, über “Gesund mit Bier“, “Poweratem“, “Schach dem Dicksein“ bis hin zu “Super Callanatics“ und Ayurveda wird angehäuft, was kein Mensch lesend bewältigen könnte. Sinnvolles und unsinnig Ordinäres in gedruckter (und damit für viele “wahrer“) Form.

Ein erfülltes Leben mit makellosem und reibungslos funktionierendem Körper und eine Gesundheit, die durch nichts getrübt sein darf, ist für viele das Maß aller Dinge. Eine Krankheit oder gar Behinderung ist angesichts dieser Prämissen natürlich vollkommen inakzeptabel. In dieser “Gesundheitsreligion“ sind die Wallfahrtsstätten die Praxen der Schönheitsoperateure, den Kirchen entsprechen die Wellnesstempel. Vitalität heiligt die Mittel.

Was viele mit ihrem Körper anrichten, um schöner zu werden, um sich selbst mehr akzeptieren zu können, grenzt oft schon an Selbstverstümmelung. Dazu im Folgenden mehr.

 

Gebräunte Haut steht als Synonym für strotzende Vitalität. Das Wohlstandssystem der “Bräune“ gilt nach wie vor als Schönheitsideal. Trotz immer lauter werdenden Warnungen der Mediziner vor der Gefahr, an Hautkrebs zu erkranken, wird braune und verbrannte Haut stolz zur Schau gestellt.

Noch vor 100 Jahren war noble Blässe das Nonplusultra. Zumindest in den gehobenen Schichten wurde krampfhaft versucht, jede Bräune zu vermeiden, um ja nicht in den Verdacht zu geraten, zum (im Freien) arbeitenden Volk zu gehören. Nicht von ungefähr prägten riesige Hüte und Handschuhe bis zum Ellenbogen die damalige Damenmode.

In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts änderte sich mit der Zeit des Wirtschaftswunders diese Einstellung grundlegend. Der Urlaub in Italien - später der Trip in die Dominikanische Republik - und der damit suggerierte aufwendige und teure Lebensstil soll seitdem den “armen“ Daheimgebliebenen mittels mitgebrachter Bräune bewiesen werden. Dass die Einheimischen in den Urlaubsländern ob der Unvernunft, in der Sonne zu braten, fassungslos sind, stört dabei in keiner Weise, denn wozu gibt es denn Sonnenblocker und andere Verteidigungsmittel. Leider merkt sich die Haut jeden Sonnenbrand und paradoxerweise altert die doch (noch) so gesund aussehende Haut sehr viel schneller. Nichtsdestotrotz lässt man sich kurz im Solarium “kross“ rösten oder hilft mit Karotinbräuner nach, wenn gerade kein Urlaub ansteht.

 

Der Markt boomt. Da laut der einen Umfrage jeder Vierte, gemäß einer anderen jede zweite Frau mit ihrer Figur unzufrieden ist (20 Prozent sind stark übergewichtig) verwundert es nicht weiter, dass sich ein milliardenschwerer Markt aufgebaut hat, um mit Mittelchen jeglicher Art jedem zu seinem persönlichen (körperlichen) Glück zu verhelfen. Da werden in praktisch jeder Zeitschrift Wunderkuren zum Abnehmen und Jungbleiben angepriesen, etwa unter dem Titel  “Die Vier Buchstaben, die über Ihr Alter entscheiden können“ oder mit dem reißerischen Slogan: “Entscheiden Sie selbst, wie alt Sie sich fühlen und auf andere wirken...“. Alles, was das Herz beziehungsweise unser Körper begehrt, gibt es hier für mehr oder minder teures Geld zu kaufen: den “Fettverbrenner“ mit Kombiwirkstoffen oder das Hormongel für “Frühlingsgefühle“. Wer eher einen “Frühlingsputz für den Körper“ benötigen sollte, kann selbigen mit der angepriesenen Trennkost oder mit der Italia-Diät in Schwung bringen. Den Drang nach Süßem verhindert selbstverständlich das “Bikini-Figur Duft- und Hautöl“ (denn sein Vanilleduft auf dem Handrücken dämpft die Lust auf Schokolade, so verspricht der Hersteller). Diese Liste ließe sich noch seitenweise fortführen. Auffallend ist, dass bei jedem Wundermittel ein “Dr. Sowieso“ mit Kompetenz um Vertrauen wirbt und jede Wirksamkeit durch Erfahrungsberichte zufriedener Kunden untermauert wird!

Kostenlose Tipps hingegen gibt es in der Rubrik “Gesundheit und Wohlfühlen“ in jeder Frauenzeitschrift abzuholen. Artikel über Heilpflanzen preisen die neuesten Erkenntnisse zur Abwehr von Energieblockaden an oder nennen uns Helfer gegen die “Leiden des Sommers“, wenn Klimaanlagen unser Immunsystem attackieren. In welcher Qualitätskategorie man die “Hausfrauen-Wellness“ mit ihrer empfohlenen “Staubsauger-Gymnastik“ oder dem grandiosen “Power-Shopping“ (= gezieltes Einkaufstütenschleppen) ansiedeln soll, überlasse ich lieber dem geneigten Leser.



Fasten für Leib und Seele. Das große Thema, das offensichtlich so viele unter uns bewegt, ist das Fasten. Nicht etwa in seinem ursprünglichen Sinn des In-sich-Gehens und der inneren Sammlung wie Jesus es mit seinem vierzigtägigen Fasten in der Wüste zur Vorbereitung auf seinen schweren öffentlichen Weg tat. Es wird auch nicht als Weg der Heilung verstanden, wie ihn Hildegard von Bingen gegen krank machende Laster empfahl. Nein, Fasten soll einzig und allein missliebige Fettreserven verbrennen, die uns in Form von “Rettungsringen“ oder Cellulitis-Dellen an Hüfte und Oberschenkel auf dem Weg zur überall propagierten Idealfigur des schlanken Menschen im Wege stehen beziehungsweise hängen.

Unzweifelhaft nützlich für Geist und Körper (vor allem, um Giftstoffe zu entschlacken) sind die klassischen, in zahllosen Fastenkliniken buchbaren Fastenkuren etwa nach F. X. Mayr (Milch-Semmel-Fasten), das Heilfasten nach Buchinger oder die Schrothkur, um nur die bekanntesten zu nennen. Doch auf die Einstellung kommt es halt besonders an, denn Fasten soll auch die Seele reinigen.



Jungbrunnen. Dem Alter das sprichwörtliche Schnippchen schlagen und für immer jung bleiben – diesem uralten Traum der Menschheit wird heute unter dem Schlagwort “Anti-Aging“ (natürlich aus Amerika stammend) Rechnung getragen. Leider lässt sich der Alterungsprozess von Körper, Haut und Haaren nicht gänzlich aufhalten, aber länger jung zu bleiben durch eine gesunde Ernährung ist immerhin möglich. Das Aberwitzige ist, dass der moderne Mensch, obwohl ihm wirklich keine Nahrungsmittel fehlen (im Gegensatz zur Dritten Welt) trotzdem einen Mangel an Nährstoffen durch oft einseitige Ernährung hat. Aber wozu gibt es denn Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminpräparate zum Nachbessern. Die natürlichen Wege und Mittel, unser Wohlbefinden zu verbessern, finden immer mehr Anhänger – ganz nach dem Motto “Wer heilt, hat Recht“ und “Was hilft, ist nützlich“.

Weniger Salz und Zucker essen (inkl. der Lebensmittel, in denen  diese oft in erheblichen Mengen versteckt sind – Stichwort Cola), unseren Alkoholkonsum einschränken, viel Obst essen und sehr viel mehr Wasser trinken sind da schon sehr nützliche Ratschläge, auch wenn wir dem Schönheitsideal des “Hungerhakens“ (die meisten Models haben nach medizinischen Gehsichtspunkten betrachtet dramatisches Untergewicht) nicht unbedingt nacheifern sollen. Da Schokolade bekanntermaßen glücklich macht, kann man sich bei so viel Disziplin auch durchaus einmal mit einem Stück dieses süßen Stimulators belohnen. Mittlerweile gibt es nämlich auch schon wieder durch Untersuchungen erhärtete Ergebnisse, die besagen, dass ein übertrieben gesundheitsbewusstes Leben letztendlich alles andere als glücklich macht.



Asiatische Heilslehren. Klassische Heilslehren werden zunehmend propagiert, wie das etwa vor 3.000 Jahren in Indien entstandene Ayurveda, eine Art Selbsthilfemethode für körperliches und seelisches Wohlergehen. Körper und Seele müssen im Einklang sein. Störungen dieses Gleichgewichtes kann man durch Sinnestraining beseitigen.

Neue Erkenntnisse um Verspannungen und Energieblockaden liefert seit einigen Jahren auch die Lehre der Kinesiologie.

In die weihevollen Kochtöpfe der asiatischen Küche wird ebenfalls oft sehnsüchtig geschaut, da es in diesem Teil der Welt doch nur so wenig übergewichtige Menschen gibt. Das muss ja wohl daran liegen, dass bestimmte Teesorten zur “Fettverbrennung“ (man beachte die Wortwahl) eingesetzt werden, Kombucha (ein Getränk, das mit  speziellen Tee-Pilzen hergestellt wird) den Körper entgiftet, Reis im Allgemeinen entwässert, Ginseng mehr Energie liefert und Ingwer die Verdauung fördert.



Wider die Falten. Jenseits der Vierzig – bisweilen auch schon davor – beginnt sich das Leben im Gesicht jedes Einzelnen in Form von Falten einzugraben. Was für den einen Abbild von Lebenserfahrung und gereifter Individualität ist, lässt die älter werdende Frau und zunehmend auch den Vertreter des “starken“ Geschlechts voller Gram ob der Knitterfältchen um Mund und Auge und der Tränensäcke in den Spiegel blicken.

Oh wie gut, denken sich da nicht wenige, dass es doch diese neue elegante Behandlungsmethode mit einer Substanz namens Botox gibt. Letzteres ist ein Nervengift, das, in hoher Verdünnung unter die Haut gespritzt, Nervenimpulse beeinflusst und dadurch gezielt Muskeln entspannt. Der Effekt: Die so genannten “Krähenfüße“ verschwinden mehrere Wochen lang.

Bei Bedarf geht es erneut zur nächsten Botox-Party, wo bei Häppchen und Sekt im Kreise Gleichgesinnter wieder Smalltalk und Gesichtsglättung betrieben wird. Wie alle anderen “kulturellen Errungenschaften“ aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat uns auch diese Welle schon mit Wucht erreicht: 50.000 deutsche Frauen ließen sich heuer bereits ihre Falten wegspritzen. Tendenz steigend.



Body-Styling. Wem die Motivation fehlt, seinen schlaffen Körper mit Wundermitteln oder auf Foltergeräten im Fitness-Center zu sanieren, für den gibt es die schnelle Methode, sich einen Astralleib zu formen - vorausgesetzt seine Geldbörse ist halbwegs prall gefüllt.

Einen perfekten Körper können sich mit Problemzonen Behaftete nämlich auch gegen gutes Geld durch Chirurgenhand modellieren lassen. Durch eingescannte Fotos lässt sich das Wunschaussehen schnell kreieren und als Skizze und Anschauungsmaterial für das fertige (Menschen-)Bild benutzen. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr 400.000 Schönheitsoperationen durchgeführt – heuer werden es wohl eine Million werden.

Eine kleine Hitliste gefällig: bei 25 Prozent aller Operationen wurde Fett abgesaugt, bei 15 Prozent die Brust vergrößert oder verkleinert (Kostenpunkt 5.000 bis 10.000 Euro), bei 10 Prozent eine Nasenkorrektur vorgenommen. Ein Fünftel aller Operationen betrifft wohlgemerkt die Männerwelt – speziell Doppelkinnentfernung und Bauchstraffung (für den ersehnten “Sixpackbauch“) ist hier besonders angesagt. Mehrfachoperationen sind zudem nichts ungewöhnliches.

Viele Jugendliche wollen endlich schlanker – schöner – straffer sein und würden sich lieber heute als morgen auf den Tisch des Schönheitsoperateurs legen. In den USA bekommt man so eine Verschönerung durchaus als Belohnung für ein gutes Zeugnis von den Eltern geschenkt! Dass es dabei zu schwerwiegenden Beschwerden und Nachwirkungen kommen kann, zumal in “Billig-Operationsländern“, wird gerne verdrängt. Auch in Deutschland sind immer wieder “Nachbesserungen“ nötig, da von den etwa 8.000 (selbst ernannten) Schönheitschirurgen nur 800 eine fachliche Ausbildung zum  plastischen Chirurgen haben.



Verherrlicht Gott in eurem Leib! Man sieht – der Beauty-Markt boomt und arbeitet zugleich sehr effektiv mit der Angst der Menschen, in den Augen der anderen nicht schön (genug) zu sein. Doch das biologisch Unvermeidliche wird uns immer einholen, da können wir uns noch so sehr durch Arznei oder Skalpell runderneuern lassen oder noch so viel gemeinsam im Fitnesstempel schwitzen. Mit dieser bewussten Wortwahl des „Tempels“ werden die Übungen zur Stählung des Körpers von den Betreibern in die Nähe einer Ersatzreligion gerückt. Aber brauchen wir denn einen solchen Tempel, wo doch laut Paulus unser Leib schon ein Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor. 6,19) ist? Sicher, wir sollen achtsam mit unserem kostbaren Körper umgehen, das fordert ja auch der Apostel: „Verherrlichet also Gott in eurem Leib“ (1 Kor. 6,20). Wir sollten uns aber auch allzeit bewusst sein, dass dieser unser Körper in seiner Einmaligkeit von Gott gewollt ist. Er nimmt uns bedingungslos an mit all unseren Stärken und Schwächen, er schenkt uns unsere unverwechselbare Individualität, an der wir im Innern arbeiten und nicht durch „Flickversuche“ an der äußeren Hülle nachbessern sollten. Denn jeder, der sich von Gott angenommen weiß und mit Selbstbewusstsein seine Einmaligkeit bejaht, wird nie auf die Idee kommen, seine äußere Erscheinung künstlich „aufzustylen“ – im Irrglauben falschen körperlichen Glücks.

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016