Niemand kennt den Vater, nur der Sohn

01. Januar 1900 | von

Dem Sohn Gottes widmet das Glaubensbekenntnis sechs Artikel, die Hälfte von allen. Das Christentum ist das Bekenntnis zu einem Menschen, den das Konzil den vollkommenen Menschen nennt. Bei ihm als Meister sollen Menschen das Wichtigste lernen, das es zu lernen gibt: wie man anfängt, recht und gut Mensch zu sein, damit das Leben glückt. Jesus trägt ein abgründiges Geheimnis in sich. In kühnem Vorwärtsdrängen lässt das Glaubensbekenntnis die ganze Geschichte der Schöpfung hinter sich und steuert geradewegs auf diesen Höhepunkt der Schöpfung zu: Der Ausgangs- und Mittelpunkt christlichen Glaubens ist der Glaube an Christus (O. Cullmann).

Verheißungsvoller Name. Der Name Jesus war in Israel keineswegs selten. Der Nachfolger des Mose und Führer ins verheißene Land hieß Josua. Es ist derselbe Name.
Der Name Jesus (Jeshua) bedeutet: JHWH ist Heil; Heiland also, weil JHWH rettet und erlöst. Das Erste der vier Evangelien macht auf die Bedeutung dieses Namens aufmerksam. Jesus heißt so, weil er sein Volk von seinen Sünden erlösen wird (Mt 1,21). Bedeutungsvoll ist der Name auch deshalb, weil Gott selbst es ist, der den Namen gibt.   Von ihm erhalten Josef (Mt 1,21) und Maria (Lk 1,31) den Auftrag: Ihm sollst du den Namen Jesus geben.
Israel durfte Gott JHWH nennen (Ex 3,14), das war ein Zeichen seiner intimen Nähe und Vertrautheit mit Gott. Der Name ist eine Verheißung, denn er bedeutet: Ich bin der, der da ist und da sein wird für euch. Der heilige Gottesname JHWH ist im Namen Jesus enthalten. Gott ist da und wird da sein in seinem Sohn.

Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen, sagt Jesus (Joh 14,9). Für Jesus selbst wurde sein Name zum Programm seines Lebens und für die Menschen zur Verheißung. In der Kraft Gottes, des Schöpfers, richtete er die durch den Ungeist verwüstete Schöpfung wieder auf.  Wie er damals heilend (vgl. Apg 10,38) zu den Menschen seines Volkes unterwegs war, so ist er seit der Vollendung seines Lebens unterwegs mit der ganzen Menschheit. Christen haben von Anfang an seinen Namen angerufen und heilig gehalten. Man stellte Häuser und Geräte unter seinen Schutz und schmückte sie mit den ersten drei (griechischen) Buchstaben des Namens Jesu: IHS.

Wer ist dieser? Diese Frage, die sich häufig in den Evangelien findet, wurde nicht erst von den Christen nach Ostern gestellt, sondern schon von den ersten Augen- und Ohrenzeugen, die Jesus und seine machtvolle Verkündigung kennen lernten. Das tiefe Geheimnis seiner Person bleibt vor Ostern auch seinem engsten Jüngerkreis noch weitgehend verborgen. Doch sein machtvolles Auftreten und Lehren verweisen direkt darauf, dass er in einer einzigartigen Nähe zu Gott stehen muss.
Gott kommt – in diesem Satz ist der Kern der Botschaft Jesu enthalten. Die Rede vom Reich Gottes hat immer schon Gott selbst gemeint. Dieses persönliche Moment gewinnt durch die Verkündigung Jesu eine neue Dimension: Das Wirken Gottes ist untrennbar mit seiner Person verbunden. Jesus verkörpert Gottes liebende, vergebende Zuwendung zu allen Verlorenen, zu den als Sündern Gebranntmarkten, denen die Hoffnung, das Heil zu erlangen, abgesprochen wurde. Die Zusicherung des Erbarmens Gottes gibt den Menschen Kraft, ein neues Leben zu beginnen. Die Vergebung, die Gott schenkt, fordert zur Nachahmung heraus; sie zielt ab auf unsere Bereitschaft zu vergeben.

Das ist mein Leib. Beim letzten Aufenthalt Jesu in Jerusalem anlässlich des Paschafestes kam es zur Konfrontation mit der religiösen Führerschaft. So musste Jesus realistisch mit der Möglichkeit eines gewaltsamen Todes rechnen. Diese Todesgewissheit mit dem Ausblick auf die Errettung durch den Vater hat sich beim letzten Abendmahl verdichtet (vgl. Mk 14,25). So konnte Jesus in den Deuteworten über Brot und Wein, das ist mein Leib........ das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird (Mk 14,23f.) seinen Leib anbieten und fürbittend für die Menschen hingeben, in der festen Zuversicht, dass Gott dieses Angebot annehmen und bestätigen werde. Das Wie der Verwirklichung der Gottesherrschaft, für die er bereit war zu sterben, legte er in Gottes Hand.

Ostererfahrung. Seine Geschichte geht weiter. Er zeigte sich wiederholt seinen Jüngern als der in der Vollendung Lebende. Gott hat Jesus von den Toten auferweckt; mit diesem Bekenntnis hat die Urkirche an die fünfzig Mal in den neutestamentlichen Schriften ihren Glauben ausgedrückt (z.B. Röm 10,9).  Der Auferstandene sammelt seine Jünger aufs Neue, und rasch wächst die Gemeinde der Seinen über Jerusalem, Judäa und Samaria hinaus, bis an die Grenzen der Erde (Apg 1,8).
Die ersten Zeugen nach Ostern konnten an Jesu machtvolle Verkündigung, an Worte und Taten Jesu, sowie an sein einmaliges Nahverhältnis zum Vater anknüpfen und so allmählich das Geheimnis Jesu tiefer erfassen. Die Titel, die im Neuen Testament Jesus von Nazaret gegeben werden, lassen zugleich den Weg der frühen Kirche zum Glauben an ihn erkennen. Drei Hoheitsaussagen sind es, die schon im NT auch rein zahlenmäßig allen anderen den Rang ablaufen: Christus – Sohn – Herr. Das Glaubensbekenntnis hat gerade diese drei aufgegriffen. Diese Titel stammen aus der heiligen Tradition Israels; auf Jesus übertragen, bekommen sie von seiner Person her einen neuen Sinn.

Christus, der Gesalbte. Aus Berufsbezeichnungen sind oft Namen geworden. Mit Christus war es nicht anders. Christus ist ein zweiter Eigenname für Jesus geworden. Was bedeutet dieser Name? In biblischer Zeit wurden Priester, Propheten und Könige für ihren Dienst an der Gemeinschaft mit Öl gesalbt. Die Kraft, mit der sie gestärkt werden sollten, war Gottes Heiliger Geist. Das Öl war Symbol der Kraft, Macht und Stärke. Die Erwartung eines Gesalbten, eines Idealkönigs aus Davids Geschlecht war zur Zeit Jesu besonders lebendig, da man von ihm die Befreiung vom Römerjoch und eine tief greifende religiöse Erneuerung erhoffte. Das hebräische Wort für Gesalbter ist Messias, das griechische Wort (mit lateinischer Endung) ist Christus.
Heilbringer. Jesus hat messianisch gewirkt, sich selbst aber nicht Messias (Christus) genannt. Er hat sich bewusst von den politischen Erwartungen distanziert, die mit dem erhofften Messias verbunden waren. Trotzdem wird Jesus in den Schriften des NT Sohn Davids und Messias genannt. Jesu Tod und Auferstehung, sein einmaliges Sohn-Verhältnis zum Vater, das unpolitische Verständnis der Erlösung als Vergebung der Sünden haben die Messiashoffnungen des Alten Testaments gesprengt. Gott erfüllt die Hoffnung auf Heil, aber anders als viele es für möglich hielten.
Wenn die Urkirche nach Ostern Jesu als den Messias – den Christus – verkündet, so kommt darin die zentrale Erfahrung der ersten Christen zum Ausdruck: Er ist der, auf den sie gewartet haben; er hat tatsächlich ihre Hoffnungen überbietend erfüllt – freilich anders, als sie vermutet hatten. Christus ist der mit dem Heiligen Geist Gottes Gesalbte. Jesus selbst hat es in der Synagoge seiner Heimatstadt bezeugt: Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt (Lk 4,18). Der Geist Gottes hat ihn von den Toten erweckt (Röm 8,11); erhöht zur Rechten Gottes, hat er vom Vater den verheißenen Heiligen Geist empfangen, um ihn als Erlösungsgabe auszugießen (Apg 2,33). Jesus ist ganz und gar der Christus, der Gesalbte.

Der Sohn Gottes. Zur Zeit Jesu wurde die Bezeichnung Sohn Gottes in einem sehr weiten Sinn gebraucht, da jeder Gerechte Sohn Gottes genannt werden konnte. Im Alten Testament trägt das Volk Israel den Würdenamen Sohn Gottes, weil es durch die Befreiung aus Ägypten von JHWH ins Leben gerufen worden war. In besonderer Weise gilt der König als Sohn Gottes, dessen Zeugung durch Gott bei seiner Thronbesteigung besungen wird (vgl. Ps 2,7; 110,1-3). Doch ist er nicht Sohn durch physische Abstammung von Gott – so verstanden sich  die Könige der Antike –, sondern auf Grund des besonderen Amtes, das ihm von Gott übertragen wurde. – Diesen geläufigen Titel griffen die Christen nach Ostern auf. Der Evangelist Markus verkündet Jesus als den Sohn Gottes, der sich in machtvollen Taten offenbart (Mk 1,1), und doch unverstanden und noch unerkannt bleibt. Jesus selbst weiß sich als Sohn, wie niemand anderer Sohn ist: Niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will (Mt 11,27). Das Geheimnis seiner Person besteht darin, dass Gott in einmaliger Weise sein Abba-Vater ist und er – in Entsprechung dazu – in einmaliger Weise Sohn.
Die staunende Erfahrung mit dem Auferstandenen lässt die Christen allmählich begreifen, dass sein Geheimnis so absolut einzigartig ist, dass es nur in Gott selbst gründen kann: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit (Joh 1,14).
Sowohl der Vater als auch der Sohn haben ungeschaffenes Leben. Aber sie haben es auf verschiedene Weise: der Vater hat es als Schenkender, der Sohn als Beschenkter. Eines Wesens mit dem Vater, so sagt das große Glaubensbekenntnis, und die spätere Theologie wird den Sohn die zweite göttliche Person nennen.

Jesus, unser Herr. Im Bereich der griechischen Welt wurden mit den Titel Herr (Kyrios) vor allem die Götter angesprochen aber auch irdische Herrscher, die göttliche Ehre für sich beanspruchten. Für den biblischen Menschen ist JHWH allein der Herr Israels. Den Gottesnamen JHWH hat man in der griechischen Bibelübersetzung (2. Jh. v. Chr.) mit Kyrios wieder gegeben. So können wir ermessen, was die ersten Christen damit bekennen wollten, wenn sie Jesus ihren Herrn nannten. Es war ein Bekenntnis, das die Christen bald in Widerspruch zum römischen Kaiser bringen musste, der den Kyrios-Titel, und damit göttliche Verehrung für sich beanspruchte.
Wie die Gemeinde Israels das Herrsein JHWHs an bestimmten Wendepunkten der Geschichte besonders erfahren hat und ihre Existenz diesem einzigen Herrn verdankt, so weiß sich die Kirche als Geschenk ihres Herrn, des Auferstandenen. In ihm begegnet sie einem liebenden Herrn. Jesu Herrsein ist von anderer Art als das der Großen dieser Welt. Er bediente sich keiner Macht, um sich und seine Botschaft durchzusetzen. Daran wird die Kirche sich immer wieder orientieren müssen.

 

Endlich einer
Endlich einer, der sagt:
Selig die Armen! und nicht:
Wer Geld hat, ist glücklich!
Endlich einer, der sagt:
Liebe deine Feinde! und nicht:
Nieder mit den Konkurrenten!
Endlich einer, der sagt:
Selig, wenn man euch verfolgt! und nicht:
Passt euch jeder Lage an!
Endlich einer, der sagt:
Der Erste soll der Diener aller sein! und nicht:
Zeige, wer du bist!
Endlich einer, der sagt:
Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt? und nicht:
Hauptsache vorwärts kommen!
Endlich einer, der sagt:
Wer an mich glaubt, wird leben in Ewigkeit! und nicht
Was tot ist, ist tot!

Martin Gutl

 

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016