Spirituelle Auftankstelle

18. Mai 2026 | von

Seelsorge fordert – und manchmal überfordert sie auch. Damit seelsorglich arbeitende Menschen selbst wieder Kraft schöpfen können, gibt es seit vielen Jahren das Recollectiohaus in der Abtei Münsterschwarzach. Ein Bericht aus erster Hand gibt einen Einblick in die Zielsetzung dieser Einrichtung, die sich längst auch für weitere Berufsfelder geöffnet hat.

Vor 35 Jahren wurde das Recollectiohaus auf Anregung von Dr. Wunibald Müller von der Abtei Münsterschwarzach im Gespräch mit einigen Diözesen gegründet. Seit 2019 hat Frau Dr. Corinna Paeth die psychologische und organisatorische Leitung, während P. Anselm Grün seit Anfang als geistlicher Leiter tätig ist. In diesen 35 Jahren haben mehr als tausend Gäste die Kurse besucht und neue Hoffnung für ihr Leben geschöpft. 

Kirchenfrust und mehr
Was sind die Erfahrungen, die die Gäste hier im Recollectiohaus machen und welche Erfahrungen haben die Teammitglieder in diesen 35 Jahren mit den Gästen gemacht? Viele Gäste sind gerade in den letzten Jahren häufig mit einem Kirchenfrust ins Recollectiohaus gekommen. Sie leiden darunter, dass die Pfarrverbände immer größer werden, dass die Seelsorge, für die sie angetreten sind, immer weniger möglich wird. Und sie leiden oft auch unter der mangelnden Wertschätzung von Seiten der kirchlichen Leitung. Die Studien über den sexuellen Missbrauch in der Kirche haben die Stimmung in der Gesellschaft der Kirche gegenüber eingetrübt. Auch das beeinträchtigt die Psyche der Seelsorger und Seelsorgerinnen. So kommen sie mit ihrer Unzufriedenheit ins Recollectiohaus, aber auch mit psychischen Problemen wie einem Burnout-Syndrom, Depressionen oder Ängsten. Viele sind durch Konflikte in der Gemeinde aus der Bahn geraten und brauchen Hilfe. Manche leiden auch an ihrer Lebensform. 

Gemeinsam unterwegs
Im Recollectiohaus erfahren sie, dass sie nicht alleine stehen mit ihren Problemen. Sie erfahren eine Atmosphäre, in der sie offen über ihre Situation sprechen können, in der sie nicht bewertet werden. Gerade wenn sie die Schwierigkeiten anderer Gäste in den psychologischen Gruppensitzungen erleben, wächst in ihnen die Bereitschaft, sich selbst zu öffnen und die eigene Lebenssituation ehrlich zu schildern. In der gemeinsamen Zeit im Recollectiohaus wächst das Zusammengehörigkeitsgefühl. Viele sagen am Schluss: „Jetzt habe ich Kirche anders erfahren. Diese neue Erfahrung von Kirche macht mir Mut, auch weiterhin in der Kirche und für die Kirche zu arbeiten.“ Hilfreich ist für die Gäste auch, dass das Recollectiohaus eingebunden ist in das Leben der Abtei. So können sie teilnehmen am Chorgebet der Mönche, wenn sie möchten. Und sie erleben die Infrastruktur der Abtei, mit Küche, Bäckerei und den verschiedenen Werkstätten wie Schreinerei, Schlosserei, Gärtnerei und Fairhandel. 

Geweitete Zielgruppe
Seit einigen Jahren nehmen wir ins Recollectiohaus immer mehr auch spirituell interessierte Menschen auf, z.B. Führungskräfte, Lehrer und Lehrerinnen, Caritas- oder Diakoniemitarbeiter/innen. Da die Zahl der Priester und Ordensleute abnimmt, haben wir das Haus bewusst für alle Männer und Frauen – katholisch oder evangelisch – geöffnet, die eine therapeutische und geistliche Begleitung suchen. Und auch immer mehr Pfarrer und Pfarrerinnen aus der evangelischen Kirche sind willkommene Gäste. So wird Ökumene konkret gelebt. Daher kommen sie gerne ins Recollectiohaus. Und das Miteinander von hauptamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und den aus weltlichen Berufen Kommenden ist für alle Gäste immer befruchtend.

Ganzheitliches Angebot
Das Recollectiohaus bietet den Gästen wöchentlich ein therapeutisches und ein geistliches Gespräch an, sowie therapeutische Gruppenarbeit, Kreativarbeit, Entspannungsübungen und Sporteinheiten und verschiedene psychologische und spirituelle Workshops. Auf diese Weise wächst eine große Offenheit in der Gruppe. Die therapeutischen Gespräche und Gruppensitzungen führen die drei Therapeutinnen durch, die alle Psychologische Psychotherapeutinnen sind. Für die geistliche Begleitung sind einige Mönche und eine Ordensschwester verantwortlich. Außerdem arbeitet eine Therapeutin für kreatives Arbeiten mit den Gästen. Gerade in der kreativen Gestaltung – Malen, mit Ton arbeiten – kommen innere Themen zum Vorschein, die dann im psychologischen und geistlichen Gespräch oft näher angeschaut werden. Eine Physiotherapeutin bietet sportliche Übungen an, ein Feldenkraislehrer arbeitet mit dem Leib. So können wir ein ganzheitliches Angebot machen. Die Gäste erfahren, dass all die Angebote sich gegenseitig ergänzen, so dass all das, was in der Seele an Wunden, aber auch an heilenden Kräften verborgen ist, zum Vorschein kommen kann.

Heimat auf Zeit
Die Gäste sind dankbar, dass es das Recollectiohaus gibt. Sie erleben es als einen Ort der Hoffnung und Zuversicht und empfinden dann oft die Abtei Münsterschwarzach als ihre spirituelle Heimat. Sie erfahren die Notwendigkeit eines solchen Hauses gerade in unserer Zeit, in der die Kirche auf der einen Seite Mitglieder verliert, auf der anderen Seite aber die Pfarrverbände immer größer werden und in der die Situation der Gesellschaft ihnen zu schaffen macht. Im Recollectiohaus können sie für sich eine neue Orientierung finden und mit ihren inneren Quellen in Berührung kommen, um so einem Burnout-Syndrom vorzubeugen. Und sie erleben, wie die psychologische und spirituelle Begleitung sich gegenseitig ergänzen. Viele erkennen, dass ihr Selbstbild oft mit ihrem Gottesbild korrespondiert. Die Arbeit am Gottesbild ist daher immer auch Arbeit an uns selber und heilsam, um ein angemessenes Selbstbild zu erwerben.

Schatten aufhellen
Die Teammitglieder erleben in ihrer Arbeit mit den Gästen die Schattenseiten der Kirche und sie versuchen die Schatten aufzudecken und zu erhellen. Dabei leitet sie ihr Grundsatz: „Verstehen statt Bewerten“. Jede Belastung, die jemand mitbringt, hat immer einen Grund. Wenn wir den Grund erkennen und verstehen, lernen wir auch, dazu zu stehen und für uns einen neuen Stand zu gewinnen. Nur wenn sich jemand nicht bewertet fühlt, ganz gleich, was er von sich erzählt, vermag er sich zu öffnen und alles Verborgene anzuschauen. 

Ort der Hoffnung
Das Team unter der Leitung von Frau Dr. Corinna Paeth hat das Programm in den letzten Jahren immer wieder neu auf die Bedürfnisse der Gäste abgestimmt. In ihren Teamsitzungen überlegen sie immer wieder, wie wir auf die gesellschaftliche und kirchliche Situation reagieren und was wir den Gästen anbieten können, damit sie davon profitieren können. So schauen wir Teammitglieder und die vielen Gäste, die die Kurse besucht haben, dankbar auf den Segen zurück, der in diesen 35 Jahren vom Recollectiohaus ausgegangen ist. Sowohl das Team wie die vielen Gäste erleben das Recollectiohaus als einen Ort der Hoffnung für sich persönlich, aber auch für die Kirche. Gerade in unserer hoffnungsarmen Zeit brauchen wir solche Orte der Hoffnung, die Licht in das Dunkel unserer Zeit bringen und Zuversicht in die bedrückte Stimmung in der Kirche und Gesellschaft. 

Zuletzt aktualisiert: 18. Mai 2026
Kommentar