Stark für den Start ins Leben

21. Januar 2011 | von

In den Medien häufen sich Berichte von schweren Kindesmisshandlungen oder Kindstötungen. In Deutschland sterben etwa zwei Kinder pro Woche infolge familiärer Gewalt. Rund fünf Prozent der Neugeborenen sind potenziell oder tatsächlich gefährdet. Leider kommt die mediale Aufmerksamkeit für die Kinder und ihre Eltern meist zu spät. Sie setzt erst dann ein, wenn der Konflikt bereits eskaliert ist.



Manche schnell getroffenen Schuldzuweisungen greifen dann zu kurz, und wer auf vermeintlich Schuldige mit dem Finger zeigt, merkt häufig nicht, dass dabei drei Finger auf ihn selbst zurückweisen.

Der helfende Zugang zu den betroffenen Familien ist allerdings tatsächlich nicht immer leicht. Studien zeigen, dass Mütter und Väter, die ihre Kinder vernachlässigen oder misshandeln, nur schwer durch Hilfsangebote zu erreichen sind. Oft haben diese Eltern bereits Erfahrung von unzureichender Hilfe gemacht. Oder sie erleben das konkrete Hilfeangebot als staatliche Kontrolle mit wenig Respekt und Einfühlungsvermögen für ihre psychische Notsituation. Zudem leben diese Familien häufig sehr isoliert und verfügen über kein tragfähiges soziales Netz. Die Konfrontation der Familie mit Problemen auf ganz unterschiedlicher Ebene – etwa in der Partnerschaft, durch Arbeitslosigkeit oder bedingt durch Armut – kann zur Resignation führen. Häufig fehlt dann jeglicher Mut, sich an eine Hilfe anbietende Institution zu wenden.



Keiner fällt durchs Netz

Wie können Familien in den umrissenen schwierigen Lebenssituationen darin unterstützt werden, eine sichere Bindung zu ihrem neugeborenen Kind aufzubauen? Dies ist eine entscheidende Frage. Denn eine sichere Bindung ist nachgewiesenermaßen die beste Vorbeugung gegen eine Gefährdung des Kindswohles innerhalb der Familie. Die dazu angebotenen Hilfen müssen möglichst früh bei dem Kind und seiner Familie ankommen – noch bevor es zur Gefährdung des Kindes kommt. In diesem Sinne arbeiten mittlerweile bundesweit verschiedene, auch von Bürgernetzwerken angebotene Initiativen, z. B. sogenannte Familienpatenschaften, in denen Ehrenamtliche den jungen Müttern das erste halbe Jahr nach der Geburt mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Das Projekt „Keiner fällt durchs Netz“, das in Hessen und im Saarland erprobt wird, versucht unter wissenschaftlicher Begleitung auf die spezielle Problemlage junger Familien einzugehen und Lücken im bestehenden Netz zu schließen. Die Hebamme ist in diesem Modell die zentrale Bezugs- und Unterstützungsperson in einem Drei-Stufen-Plan. Sie baut den Zugang zu den Risikofamilien sehr früh auf. Die Geburtsstationen im Krankenhaus vermitteln denjenigen Eltern Hebammen, die sich nicht bereits aus eigener Initiative um Unterstützung durch eine Hebamme bemüht haben. In einem zweiten Schritt folgt die Elternschule „Das Baby verstehen“. Damit wird versucht, die Eltern sicherer im Umgang mit ihrem Säugling zu machen, denn manche Eltern verstehen die Signale des Babys nicht. Sie sind selbst unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen und mussten den eigenen Schmerz verdrängen, um in der Familie weiter leben zu können. Später kann sich daraus ein gestörtes Verhältnis zum Schmerz des eigenen Kindes entwickeln, nach dem Motto „Es hält das schon aus – ich musste es ja auch!“.



Halt und Hilfe durch Hebamme

Bei besonders belasteten Familien kommen Hausbesuche durch eine Familienhebamme über das gesamte erste Lebensjahr hinzu. Die Hebamme unterstützt in diesen Kontakten die grundlegenden elterlichen Kompetenzen, etwa in Fragen des Stillens oder der Körperhygiene. Stellt die Hebamme im Laufe ihrer Hausbesuche eine Risikokonstellation fest, werden die Familien im Schritt drei des Projekts an eine bestehende Hilfseinrichtung vermittelt. Die Hebamme muss also nicht nur in der Lage sein, Risiken bei Kind und Eltern in ihrem häuslichen Umfeld zu erkennen, sondern sie muss auch Ängste und Schamgefühle vor dem Annehmen von Hilfeleistungen abmildern. Da bei den Familien auch Probleme am Arbeitsplatz, mit der Gesundheit oder mit der Familie hinzukommen können, wird die Hebamme von einer anderen Fachkraft, z.B. einer Sozialarbeiterin, unterstützt, die als Koordinatorin weitergehende Hilfeangebote im „Netzwerk für Eltern“ vermittelt. Das Netzwerk für Eltern ist ein Arbeitskreis mit Mitgliedern aller an den Hilfestellungen in der frühen Kindheit beteiligten Institutionen und Berufsgruppen am Projektstandort. Dazu zählen etwa Kinderärztin, Psychologen oder Sozialarbeiter.

Dergestalt dicht vernetzte Hilfsprogramme unterstützen junge Eltern in schwierigen Lebensverhältnissen, sich ihrer Aufgaben verantwortungsvoll zu stellen und soziale Kompetenzen weiterzuentwickeln. Sie stärken die Bindung zum Baby und helfen, Überforderungen durch die neue Elternrolle zu vermeiden – damit der neue Erdenbürger tatsächlich die besten Chancen für einen guten Start ins Leben erhält. 

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016