Vom Esel, der die Windel frisst

23. Dezember 2019 | von

Auf manchen mittelalterlichen Weihnachtsbildern hält Josef sich im Hintergrund, als würde ihn das ganze Geschehen überhaupt nicht interessieren. Bisweilen kehrt er dem Neugeborenen und seiner Mutter gar den Rücken zu. Irgendwie erweckt er den Eindruck, völlig unbeteiligt zu sein.

Der Augenschein trügt. Vielmehr handelt es sich um das in der Kunstgeschichte bekannte Motiv vom Josefszweifel. Josef ist keineswegs abwesend; er grübelt nach. Bedenken bezüglich der Schwangerschaft Marias, von denen der Evangelist bereits vor Jesu Geburt berichtete, scheinen sich erneut zu regen in seinem Herzen (vgl. Mt 1,18-24).

 

Ältlich, gutmütig, ohne Hosen

Von einer ganz anderen Seite präsentiert sich uns der Nährvater Jesu auf dem weltberühmten, nach seinem Schöpfer benannten ‚Multscher Altar‘ im südtirolischen Sterzing (entstanden um 1456). Zu sehen ist ein ältlicher, eher gutmütig als besorgt dreinschauender Josef, der sich gerade seiner Beinkleider entledigt. Die Absicht, die er dabei verfolgt, verrät ein altes Weihnachtslied eines unbekannten Dichters, das die Klage Marias beschreibt, die weder einen Zipfel bunten Stoffes noch einen Fetzen grauen Tuchs besitzt, um das Kind zu wickeln: „Nun hab ich weder Bundt noch grah, / das ich Gott den Herrn darin schlag (wickle).“ Das Leid der Gottesmutter und ihr Mitleid mit ihrem Sohn veranlassen Josef, seine Hosen zu opfern, damit das Krippenkind nicht länger frieren muss: „Wie baldt dass Joseph die Redt vernahm, / sein hosen von seinen Beinen nam. / Er warff sie Maria in ihr schoß, / darin schlug sie gott den hern groß.“ Mit seiner Darstellung illustriert Hans Multscher, was im Matthäusevangelium der Weltenrichter von sich sagt: „Was ihr für einen der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

 

Tiere als Vorbild

Weniger seelengut und dafür umso angriffslustiger tritt Josef auf dem Weihnachtsbild eines unbekannten Meisters in der Kirche Sogn Gieri in Rhäzüns in Erscheinung. Entstanden ist das Fresko in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die im Kindsbett liegende Maria wendet den Blick dem Neugeborenen zu, während Josef dem Esel an der Krippe die Windel entreißt, die dieser zu verschlingen droht. Hat der Künstler sich einen Scherz erlaubt? Oder handelt es sich um eine verdeckte Anspielung?

Die Frage ist zunächst, wie Ochs und Esel in den Stall kamen, zumal sie in keinem der vier Evangelien erwähnt werden. Bei Lukas ist lediglich von einer Futterkrippe die Rede. Diese Letztere war es, welche den Kirchenschriftsteller Origenes († 254) veranlasste, einen Jesajaspruch mit Jesu Geburt in Verbindung zu bringen: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht“ (Jes 1,3). Im Klartext: Die aufmüpfigen Israeliten sollen sich die Treue der beiden Tiere zum Vorbild nehmen und sich ihrem Herrn, Jahwe, wieder zuwenden. Die Krippe bildet also gleichsam die Brücke, über die Ochs und Esel den Weg zum Stall von Betlehem fanden. Gleichzeitig erlaubt sich Origenes, den besagten Jesajatext auf eigenwillige Weise umzudeuten. Ihm zufolge steht der Ochse für die Juden, die Jesus als Messias ablehnten. Der Esel, der als unreines Tier galt, steht für die übrige Menschheit. Ohne Bild: Während die Heidenvölker sich zum Erlöser bekennen, wenden die Juden sich von ihm ab. Daran aber hat der Rhäzünser Meister wohl kaum gedacht. Vermutlich wollte er dem Weihnachtsgeschehen mit dem windelfressenden Esel einen etwas heiteren Anstrich verleihen. Dabei haben wir es übrigens nicht mit einer Ausnahmeerscheinung in der Kunstgeschichte zu tun. Das Motiv findet sich schon rund zwei Jahrzehnte früher auf dem Glasfenster der Schmiedezunft im Freiburger Münster. Allerdings ist es dort der Ochse, der sich an der Windel vergreift. 

Zum Schmunzeln Anlass geben gelegentlich auch Darstellungen, auf denen die Künstler (unbewusst?) auf überzeugende Weise das Dogma von der Menschwerdung des Gottessohnes illustrieren – so etwa, wenn Maria dem Jesuskind die Brust reicht (ein Motiv, das auf die den Horusknaben stillende altägyptische Göttin Isis zurückgeht), oder wenn Jesu Mutter ihr Söhnchen auf zärtliche Art bei Laune zu halten sucht. Eine diesbezügliche sympathische Darstellung findet sich ebenfalls im Freiburger Münster, und zwar auf einem Teilstück des dortigen berühmten Schnewlin-Altars. Im Mittelteil der vom Straßburger Bildschnitzer Hans Wydyz um 1515 geschaffenen Skulptur Die Heilige Familie auf der Flucht sehen wir, wie Maria das Jesuskind mit einem Schnuller beruhigt. Dabei handelt es sich um einen Lutschbeutel aus Stoff, der mit einer gesüßten Masse aus Brot, Zwieback oder Brei gefüllt ist. Gelegentlich wurden diese Sauglappen um einer gewiss nicht besseren, wohl aber schnelleren Wirkung willen auch in Branntwein getunkt, was dem geistigen Fortkommen der Kinder kaum förderlich gewesen sein dürfte.

Im 15. und 16. Jahrhundert taucht auf manchen Weihnachtsbildern ein neues Motiv auf. Während Maria sich dem Kind zuwendet, betätigt Josef sich als Koch. Damit wird jene theologische Lehre ins Bild umgesetzt, der zufolge Josef nicht der leibliche, sondern der Nährvater Jesu ist. Diesen Sachverhalt unterstreichen manche Künstler noch zusätzlich, indem sie den kochenden Josef in einen Mantel hüllen. Im Mittelalter wurde eine Adoption vielerorts dadurch vollzogen, dass der Adoptivvater das Kind mit einer symbolischen Geste unter seinen Mantel nahm. Auf dieses damals übliche Ritual beziehen sich die Maler und führen den Betrachtenden so auf anschauliche Weise vor Augen, dass Jesus ein „Mantelkind“, will sagen der Adoptivsohn Josefs ist.

Zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2019
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