Wie ein Christ ins neue Jahr geht

01. Januar 2018 | von

Wir haben den Bamberger Erzbischof gefragt, was er denn einem Christen unserer Tage im Blick auf das neue Kalenderjahr empfehlen kann: Wie stellt man sich dem, was da kommt? Was wären „christliche Prinzipien“ für 2018? Wir haben eine sehr persönliche und lebendige Antwort erhalten. Doch lesen Sie selbst... 

In meiner oberhessischen Heimat gab es in meiner Kindheit und Jugend den feststehenden Ausdruck: „Laustage“. Dieses Wort wurde und wird aber auch anderswo gebraucht, manchmal zusammen mit dem Begriff „Rauhnächte“. Gemeint sind die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, die auch bis Dreikönig am 6. Januar gehen können. Die Kulturhistoriker und Brauchtumsforscher interpretieren die Bedeutung der „Laustage“ unterschiedlich, zum Beispiel als Synonym für lustige Tage – zwischen Weihnachten und Neujahr wurde in früheren Zeiten wenig gearbeitet und viel gefeiert. Eine andere Deutung vertritt: „Laustage“ sei eine Abwandlung vom Wort  „Lostage“, im Sinn von los- und entlassen – Knechte und Mägde wurden an Weihnachten entlassen und an Neujahr oder Dreikönig beim gleichen „Herrn“ oder bei einem anderen wieder angestellt.

Guter Abschluss – guter Neubeginn
Ich erinnere mich noch, dass ich meine Eltern fragte, warum denn diese Tage „Laustage“ heißen. Die kindgerechte und mich überzeugende Antwort war: In diesen Tagen sucht man die Läuse des alten Jahres am eigenen Körper, in der Wohnung und im ganzen Umfeld, um sie zu töten, damit man befreit von allen Läusen, die zwicken und stechen, belästigen und Krankheiten übertragen, ins neue Jahr gehen kann. Mir ging – beim Erleben der Tage zwischen Weihnachten und Neujahr vor 60 Jahren – auf, dass der so verstandene Begriff „Laustage“ ein sinnvoller Ausdruck dafür ist, was die Leute zwischen Weihnachten und Neujahr bei uns machten beziehungsweise erreichen wollten. Jede und jeder versuchte, das alte Jahr gut abzuschließen, in Ordnung zu bringen, was zu ordnen war, Liegengebliebenes aufzuarbeiten und zu begleichen, was ausstand. So wurden zum Beispiel möglichst alle anstehenden Rechnungen beim Schuster, beim Schreiner, beim Metzger oder in der Gastwirtschaft bezahlt. Es war wichtig, ohne Schulden ins neue Jahre zu gehen, denn wer mit Schulden das neue Jahr beginnt, der hat keinen guten Start – die Läuse des alten Jahres werden ihn zwicken! Wichtig war vielen auch, sich in den „Laustagen“ wieder zu versöhnen. Streitigkeiten in der Familie, Nachbarschaft und Verwandtschaft wurden beendet; versöhnt wollten die Leute das neue Jahr beginnen.

Zeit für Gemeinschaft
In den Tagen „zwischen den Jahren“ ruhte die Arbeit; nur das Nötigste wurde im Stall und in der Scheune getan. Dafür nahmen sich die Menschen verstärkt Zeit für das Gemeinschaftsleben. Nachbarn besuchten sich und veranstalteten sogenannte „Spinnstuben“; man kam zusammen, um die Wolle, die im Frühjahr beim Scheren der Schafe gewonnen und im Sommer gereinigt, gekämmt und gebleicht worden war, auf dem Spinnrad zu Fäden zu spinnen oder schon aus den Fäden Strümpfe und Jacken zu stricken und um dabei viel miteinander zu reden. Die Männer spielten Skat oder es gab Würfelabende. Die Kinder gingen von Haus zu Haus, um die Weihnachtskrippen zu besuchen; das Gemeinschaftsleben wurde von allen auf verschiedene Art und Weise gepflegt. Manches, was im Laufe des Jahres zu kurz gekommen war am Miteinander und Füreinander in der Familie, in der Nachbarschaft und im ganzen Dorf wurde nachgeholt und die Gemeinschaft erneuert. Auch die Vereine, die Kolpingfamilie, die KAB, die Feuerwehr, der Gesangverein trafen sich in diesen Tagen zur „Jahreshauptversammlung“; auch dabei wurde das alte Jahr aufgearbeitet und abgeschlossen, um neu, gut motiviert und organisiert ins neue Jahr zu gehen. 

Religiöse Prägung
Auch der Glaube, die Religion und die Kirche spielten in den „Laustagen“ eine wichtige Rolle. Das „Fest der Unschuldigen Kinder“ wurde am 28. Dezember begangen. An diesem Tag stand das Gedenken an die in Betlehem auf Geheiß von König Herodes ermordeten Kinder im Mittelpunkt (vgl. Mt 2,16). Die Tradition nimmt an, dass es sich um Tausende Kinder gehandelt hat. Es war ein Gedenktag nicht nur für die Kinder; die Erwachsenen sagten halb im Ernst und halb im Scherz, dieser Tag wolle auch die Unschuld der Erwachsenen – durch Bekehrung und Erneuerung im christlichen Leben – wiederherstellen, sie zu unschuldigen Kindern machen; Versöhnung und Friede sollten einkehren. 
Am Fest des Apostels und Evangelisten Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu, am Tag zuvor, am 27. Dezember, wurde der Johanniswein gesegnet. Die Weinsegnung basiert auf der Legende, Johannes habe einen Becher vergifteten Weines gesegnet, worauf dieser seine tödliche Wirkung verloren habe. Bei uns war der Johanniswein zumeist Apfelwein, den wir selber im Herbst produzierten; echten Wein aus Trauben gab es sehr selten. Silvester war ein stiller Tag bis zur Jahresschlussandacht, in der der Pfarrer das alte Jahr Revue passieren ließ, wobei er auch unangenehme Dinge ansprach; vielleicht deshalb die Stille im ganzen Dorf. In jedem Jahr wurden die wichtigsten Ereignisse wie Erstkommunion, Firmung, Hochzeiten, Kirmes etc. aufgezählt und aller Verstorbenen gedacht. Mit der Aussetzung des Allerheiligsten, dem Te Deum und dem sakramentalen Segen wurde für das alte Jahr gedankt und Segen für das neue erbeten. Danach feierte man in der Familie oder im Freundeskreis ins neue Jahr hinein. 

Als Christ ins neue Jahr...
Die Tradition der „Laustage“ hat mich geprägt. Ich erinnere mich jedes Jahr an die wesentlichen Inhalte dieser Tage, mit denen meine Landsleute während meiner Kindheit und Jugend ins neue Jahr gingen. Ich meine, sie könnten uns allen – auch heute – viel geben. Die „Laustage“ haben mich gelehrt, wie ein Christ ins neue Jahr geht: 

1. ABGESCHLOSSEN UND DANKBAR
Das alte Jahr muss abgeschlossen werden. Schulden müssen beglichen sein, Streit und Zerwürfnis beendet, Leid und Trauer angenommen und dadurch auch überwunden werden. Das ist nicht einfach, aber möglich. Einen irischen Segenswunsch mit dem Titel „Zum Jahresbeginn“, der für Freud und Leid dankt, lese ich jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr und sende ihn auch an viele Menschen, von denen ich meine, dass er ihnen guttun würde. Einige Verse möchte ich zitieren: 

Mein Wunsch für dich ist:
Dass du in deinem Herzen immer die leuchtende Erinnerung
an jeden reichen Tag deines Lebens bewahrst.

Dass du tapfer bist in der Stunde der Prüfung,
wenn das Kreuz auf deine Schultern gelegt wird,
wenn der Berg, den du besteigen musst, überhoch scheint
und das Licht der Hoffnung sehr fern.

Dass jede Gabe, die Gott dir schenkt, wachse mit den Jahren
und dass sie dir dazu diene, die Herzen derer, die du liebst,
mit Freude zu erfüllen.

Dass du in jeder Stunde einen Freund hast,
der der Freundschaft wert ist,
dem du vertrauend die Hand reichen kannst, 
wenn es schwer wird,
mit dem du den Stürmen trotzen 
und die Gipfel der Berge erreichen kannst.

Und dass in jeder Stunde der Freude und des Leides 
das freudebringende Lächeln 
des menschgewordenen Gotteskindes
mit dir sei und dass du in Gottes Nähe bleibst.
Das wünsche ich dir für alle Tage des neuen Jahres.

2. REALISTISCH UND OPTIMISTISCH
Die Menschen, bei denen ich aufgewachsen bin, waren sehr realistisch. Oft habe ich den Ausspruch gehört: „Das Leben ist, wie es ist.“ oder „Das Leben ist wie gutes Kochfleisch, gut durchwachsen.“ und „Du musst die Menschen nehmen wie sie sind, andere gibt´s nicht.“ Dabei klang kein Hauch von Pessimismus oder Resignation mit, sondern Optimismus. Der Rückblick in den „Laustagen“ auf das alte Jahr zeigt, dass Freud und Leid zum Leben dazugehören, ob wir wollen oder nicht und zugleich: Wenn wir auch im neuen Jahr Freud und Leid – gut durchwachsen – erwarten und sie aus Gottes Hand annehmen, können wir optimistisch ins neue Jahr hineingehen. Denn auch in den kommenden 365 oder 366 Tagen wird es ein gutes Gemisch an Höhen und Tiefen, Freud und Leid, Glück und Unglück, Fortschritt und auch Rückschritt geben, die zum Leben dazugehören und es ausmachen. Der Realismus bewahrt vor überzogenen Erwartungen und ist der Nährboden für die Zufriedenheit. Wer das Unmögliche erwartet, wird enttäuscht. „Wer nach den Sternen greift, verliert leicht den Boden unter den Füßen“ – auch ein Sprichwort aus dem Erfahrungsschatz meiner Heimat. Genau dieser Realismus war auch der Motor für den Optimismus als Lebensgestaltungselement. Blauäugige und unrealistische Einstellungen verhindern effektive Lebensgestaltung, realistische hingegen beflügeln den Optimismus im wahrsten Sinn des Wortes. 
Das Tuwort zu optimistisch und Optimismus ist optimieren. Das Vergangene des alten Jahres betrachten, was meine Landsleute in den „Laustagen“ realistisch taten, hilft das, was im neuen Jahr an Freud und Leid, Arbeit und Freizeit, in Familie und Nachbarschaft auf uns zukommt, optimistisch anzugehen, es hilft, nicht bei allem zu zaudern und alles anzuzweifeln beziehungsweise alles ständig vor und zurück zu überlegen und ängstlich zu fragen, was alles kommen kann und schief gehen könnte. Im Leben kommt es ohnehin meist anders als geplant. Wer realistisch – optimistisch in die Zukunft geht, der ist sich bewusst, dass er sein Leben optimieren kann und muss. Er hat den Willen, aus allem das Beste zu machen. So kann er auf das Unbekannte des neuen Jahres realistisch und optimistisch zugehen. 
Am besten fand und finde ich diese Haltung in dem Lied, „Das alte Jahr vergangen ist,“ ausgedrückt. Gott sei Dank findet es sich auch heute in vielen Anhängen des katholischen Gebet- und Gesangbuches „Gotteslob“ (in der Ausgabe für die Erzdiözese Bamberg, Nr. 772). Mit großer Inbrunst sangen die Leute in meiner Kindheit bei der Jahresschlussandacht und in der heiligen Messe am 1. Januar alle sechs Strophen. Die erste, dritte und fünfte Strophe scheinen mir bis heute besonders wichtig: 
Das alte Jahr vergangen ist, wir danken dir, Herr Jesu Christ, ach, nimm sie an, die kurze Zeit, schenk uns dafür die Ewigkeit.
/ Im neuen Jahr, nach deiner Treu, uns wieder Hilf und Rat verleih, dass alles, was wir fangen an, durch deine Gnad sei recht getan. / Behüte uns im ganzen Jahr, vor allem Schaden uns bewahr; gib jedem, Herr, den besten Teil und allen einst das ewge Heil!

3. BITTEND UND HOFFEND
Zwischen den Jahren wurde zu Hause auch mehr gebetet. Die Gebete waren einfach; vor allem das Vaterunser wurde gesprochen. Im Vaterunser, dem Modell allen christlichen Betens, sind die beiden ersten Worte am wichtigsten: Sie lenken den Blick auf Gott. Sie sprechen ihn als Vater an und mahnen uns alle, unsere Gebete als wirkliches Beten zu vollziehen, das heißt als Gespräch mit Gott. Mit ihm können wir sprechen, obwohl er so ganz anders ist als jeder menschliche Ansprechpartner. Wir können ihm unsere Bitten, unsere Sorgen und Nöte vortragen, weil wir ihm vertrauen dürfen. Wenn wir beten, werden in uns Hoffnung und Zuversicht geweckt, denn wir sprechen den an, der all unser Vertrauen verdient: Gott, unseren Vater. Das Gebet lässt die Zuversicht und das Vertrauen wachsen, dass Gott und auch gute Menschen es auch im neuen Jahr gut mit uns meinen werden. So können wir hoffend ins neue Jahr eintreten und mit der Zuversicht, die Flügel verleiht. Mit Hoffnung, die aus den Bitten an Gott entsteht, ins neue Jahr und durch das neue Jahr zu gehen, ist eine weitere Einsicht der „Laustage“. 

4. ACHTSAM UND GELASSEN
Die „Laustage“ lehren auch, achtsam und gelassen in das neue Jahr zu gehen. Wer achtsam ist, nimmt sich und andere aufmerksam, wertschätzend und urteilsfrei wahr und merkt, was jetzt im Augenblick dran ist und getan werden muss. Dazu gehört auch die Selbstachtung, die man auch mit „geordnete Selbstliebe“ wiedergeben kann. Sie ist mit der Gottes- und Nächstenliebe das dritte Standbein des christlichen Lebens, ohne das die beiden anderen nicht „standfest“ sind. Nur wer achtsam mit sich selbst ist, kann auch anderen mit Achtsamkeit begegnen, nur wer sich selbst liebt, kann auch Gott und den Nächsten lieben. Deshalb dürfen die Gemeinschaft, das Gespräch, das Zusammenkommen und das Feiern im Laufe des Jahres nicht zu kurz kommen oder gar vergessen werden und ebenso wenig das Gebet und der Gottesdienst, andernfalls versauern wir bei Arbeit und Stress, Pflichten und Anforderungen des Lebens.
Die Gelassenheit ist ein Zeichen, dass man mit sich im Einklang ist. Wer gelassen ist, ruht in sich selbst, er ist getragen von innerer Stabilität und Ruhe, die helfen, auch schwierige Situationen zu meistern und mit schwierigen Menschen umzugehen. Achtsamkeit und Gelassenheit sind wie zwei Schwestern, die sich ergänzen. Sie helfen auch, den Humor zu bewahren. Er ist der „Schwimmgürtel auf dem Strom des Lebens“ und der „Bruder des Glaubens“. 

5. TEILNEHMEN UND MITGEHEN
In den „Laustagen“ tauschte man sich auch aus über das, was einen beschäftigte, bedrückte, freute oder ängstigte, über das, was ins neue Jahr hineingenommen werden solle oder am besten zurückgelassen wird. 
Jeder wusste und weiß auch heute, dass das „Vae soli – wehe dem, der allein steht“ der alten Römer zu allen Zeiten Gültigkeit hat. „Jeder braucht Freunde“ ist ein geflügeltes Wort und wer echte Freunde und Freundinnen hat, kann alles angehen. Freunde und Freundinnen sind die, die teilnehmen an den Freuden und Hoffnungen, der Trauer und Angst der anderen. Das ist für das Leben, das gelingen soll, äußerst wichtig. „Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude“, sagt der Volksmund zu Recht. Mit der Haltung „teilnehmen und mitgehen“ das neue Jahr zu beginnen, ist ein guter Vorsatz. Er schenkt die Erfahrung: Wer mit den Anderen geht, gewinnt auch für sich selbst gute Freunde. 

6. GUTE VORSÄTZE
Zu Hause fassten die Leute in den „Laustagen“ gute Vorsätze für das neue Jahr und teilten sich diese auch mit. Gute Vorsätze lassen mit positivem Denken ins neue Jahr gehen. Man kannte auch damals den Spruch, der noch heute oft ausgesprochen wird, dass „mit guten Vorsätzen der Weg zur Hölle gepflastert ist“. Ich antworte immer darauf: Aber ohne gute Vorsätze führt der Weg ohne jedes Hindernis direkt zur Hölle. Das ist Bildersprache, aber die Erfahrung zeigt: Gute Vorsätze, auch wenn sie nicht hundertprozentig umgesetzt werden, beflügeln zum Guten und hemmen Böses. Deshalb ist es vernünftig, realistische gute Vorsätze zu fassen, sie treu umzusetzen versuchen und sich positiv von ihnen beeinflussen zu lassen. 

Aus Erfahrung weiß jeder, dass bei allem im Leben die ersten Schritte die wichtigsten sind. Wenn sie gelingen, dann wachsen beim Gehen oder Laufen, beim Arbeiten und Ruhen die Kraft und die Weite. 
So wünsche ich Ihnen, dass das neue Jahr 2018 eine gesegnete  Zeit wird. Gehen Sie es gut an! Gott segne Sie.

 

Unser Autor: Ludwig Schick, Jahrgang 1949, ist seit 2002 Erzbischof von Bamberg und Metropolit der Kirchenprovinz Bamberg. Zuvor war er in seinem Heimatbistum als Lehrstuhlinhaber für das Fach Kirchenrecht, als Generalvikar und schließlich Weihbischof tätig. Vor elf Jahren wurde er zum Vorsitzenden der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Der franziskanischen Familie ist er eng verbunden – auch als Autor und Leser des Sendboten des heiligen Antonius. 

Zuletzt aktualisiert: 29. Januar 2018
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