Wie Franziskus meine Identität suchen und leben

12. Oktober 2026 | von

Wer bin ich – und was macht mich zu dem Menschen, der ich bin? Die Frage nach der eigenen Identität beschäftigt nicht nur Psychologie, Philosophie und Gesellschaft, sondern ist auch eine geistliche Frage. Franz von Assisi zeigt auf eindrückliche Weise, wie Identität gesucht, gefunden und als Geschenk und Aufgabe Gottes gelebt werden kann.

Begriff und Thema Identität haben zurzeit Hochkonjunktur. Es werden dabei sowohl positive als auch negative Aspekte zur Sprache gebracht. Auch die diesjährigen Salzburger Hochschulwochen befassten sich im Sommer mit dem Thema unter dem treffenden Titel: „Wer wir sind und sein wollen – Identität: Superkraft und Problemzone.“ Namhafte Referierende beschäftigten sich aus psychologischer und soziologischer, philosophischer und theologischer Sicht mit der Thematik. Die Teilnehmenden diskutierten engagiert und oft kontrovers über ihre Auffassungen von Identität.
In der wissenschaftlichen Psychologie und in der praktischen Psychotherapie hat Identität einen hohen Stellenwert. Jeder Mensch muss seine Identität finden, um gut und zufrieden leben zu können, stellen die Fachleute für die Psyche des Menschen klar. Jede/jeder muss wissen, wer er ist, was er kann und für was er bestimmt ist. Die Philosophie teilt diese Auffassung.

Was ist Identität?
Die Psychologie lehrt, dass sich die Identität eines Menschen auf fünf Säulen aufbaut:
●    Körper und Geist, die mit Talenten und Begabungen ausgestattet sind
●    die sozialen Beziehungen
●    Arbeit und Leistung
●    materielle Sicherheit
●    Werte und Tugenden
Wer seine Identität gefunden hat, kann seinen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft leisten, kann gute Arbeit verrichten und am sozialen Leben teilnehmen. Nur solche Menschen können auch in den Unbilden, Unwegsamkeiten und Entwicklungen des eigenen Lebens sowie auch des Umfeldes und der Gesellschaft bestehen.
Identitätsstörungen haben weitreichende Folgen. Wer daran leidet, kann gewöhnlich keine gute Arbeit leisten, bei Beziehungen hat er Borderline-Symptome, er neigt zu Pessimismus und Depressionen und ist schlimmstenfalls suizidgefährdet.
Auf der anderen Seite stellt die Psychologie aber auch fest, dass Identität autistische Züge annehmen, unflexibel machen, zu Rechthaberei und autoritärem Verhalten führen kann. Unter den zeitgenössischen Philosophen und Theologen gibt es sogar einige, die Identität ablehnen, weil sie die Offenheit zu allem und jedem gefährde und somit unchristlich sei. Dem kann man nicht zustimmen. Das Streben nach Identität gehört zum Menschsein und ist wichtig für ein glückliches Leben.

Schwierige Prozesse
Nicht nur Personen suchen nach Identität, sondern auch Parteien, Vereine und gesellschaftliche Gruppen. Das erweist sich in unserer offenen, vielschichtigen Gesellschaft mit quasi unbeschränkten Möglichkeiten zunehmend als schwieriger. Das gilt ebenfalls für die Kirche, die Pfarreien, die Orden und kirchlichen Vereine. Oft läuft diese Suche unter dem Titel „Neuorientierung“.
Seit ein paar Jahren wird auch viel über die identitären Bewegungen gesprochen. Man bezeichnet damit rechtslastige bis rechtsextreme Gruppen, die zwar nicht rassistisch sein wollen, die aber der Ansicht sind, dass es verschiedene Menschengruppen auf dieser Welt mit unterschiedlichen Identitäten gibt. Euphemistisch nennen sie diese Auffassung Ethnopluralismus. Ethnien könnten und wollten sich nicht miteinander verbinden, weil sie unverträglich seien. Diese identitären Bewegungen fordern daher Remigration, damit jede Volksgruppe an ihrem Platz für sich lebt, weil das für den Frieden und das Gemeinwohl auf der Erde am besten sei. Diese Auffassung ist mit dem christlichen Gottesbild, das den einen Gott Vater und Schöpfer aller Menschen bekennt, und dem Menschenbild der Bibel unvereinbar.
Identität wird also sowohl positiv als Bedingung für ein zufriedenes und glückliches Leben sowie erfolgreiches Wirken jeder Person und jeder Gruppe betrachtet als auch negativ als Problem für Zusammenleben und Entwicklung.

Identitätssuche bei Franziskus
Franz von Assisi kann einen Weg zeigen, um aus diesem Dilemma herauszukommen. Seine Biografie zeigt, dass er seine Identität suchte, zuerst als reicher Kaufmann wie sein Vater Pietro Bernardone, als Gaukler und Anführer der Jugend in Assisi und schließlich als Soldat und Ritter. Alle diese Versuche scheiterten. Franziskus spürte, dass er dabei nur eine Kopie werden würde und nicht Original. Nach allem Scheitern ging er in die Einsamkeit und betete vor dem Kreuz in St. Damiano: „Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens, schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle.“
Dieses Gebet ist Suche nach Identität! Jedes Wort in ihm ist wichtig. Franziskus wendet sich nach seinen egozentrischen Versuchen an den höchsten, allmächtigen Gott. Er spürt, dass ihm seine Identität geschenkt werden muss vom höchsten, glorreichen Gott.
Er bittet um das Geschenk des wahren Glaubens, der gefestigten Hoffnung und der vollendeten Liebe. Er ahnt, dass Identität mit Glaube, Hoffnung und Liebe, die der Christ in der Taufe empfängt und die auch Geschenke Gottes sind, verbunden ist. Identität kommt aus dem Glauben an Gott, den Schöpfer der Menschen und aus dem Vertrauen auf den gütigen Vater Gott, der die Menschen liebt, ihrem Leben Sinn gibt und Vollendung verheißt. Franziskus erkennt auch, dass Identität etwas mit gefestigter Hoffnung zu tun hat. Denn Identität ist nicht statisch, sondern entwickelt sich. Für jede Entwicklung ist Hoffnung unerlässlich. Deshalb bittet Franziskus um gefestigte Hoffnung, die seine Identität wachsen und reifen lässt. Schließlich bittet er um vollendete Liebe, weil Identität immer mit Beziehung zu Gott und den Menschen zu tun hat und diese müssen Beziehungen der Liebe sein. So wird Identität nicht Abgrenzung von anderen, sondern ist offen für jeden Nächsten, ohne dass man sich dabei selbst aufgibt und verliert.

Offen auf Zukunft hin
Identität erweist sich schließlich in Arbeit und Leistung, im Beruf und in Ehrenämtern für Familie und Freundschaften, in Vereinen und in der Politik für das Gemeinwohl. Arbeit und Leistung lässt die eigene Identität als Gabe und Aufgabe Gottes, die jeder Mensch entfalten muss, erkennen. Deshalb betet Franziskus um das rechte Empfinden und Erkennen, damit er den heiligen Auftrag Gottes für sich erfüllen kann. Diesen sieht er und erfüllt er an den Aussätzigen, den Armen und im Einsatz für den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.
Mit Franziskus kann der Mensch seine Identität finden, sie als Geschenk Gottes erkennen, sie hoffnungsvoll entfalten und in Werken der Liebe wirken lassen. Sie bleibt lebenslang offen für neue Erfahrungen und Zukunft. Sie verschließt sich nicht. Sie weiß, dass es so viele Identitäten wie Menschen gibt, freut sich daran und ist dankbar dafür, weil in der Beziehung zum Du der Mensch zum Ich wird. Diese Sicht von Identität verneint auch nicht Irrtum und Versagen, sondern bezieht sie ein, im Vertrauen auf Gott, der die Identität geschenkt hat und sie vollenden wird.
Wie Franziskus soll der Mensch auf Jesus schauen und ihm nachfolgen. So bewahrt er in aller Offenheit und in aller Entwicklung seine Identität, bis er als neuer Mensch in den Himmel eingeht.

Zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2026
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