Wie Indien Antonius zum Staunen bringt …
Wahrscheinlich kann nicht einmal Antonius selbst glauben, was um ihn herum passiert, was er alles auslöst und bewirkt. In Kerala, dem südlichsten Bundesstaat Indiens, ist die Bekanntheit und die Verehrung des hl. Antonius wirklich erstaunlich. Jeden Dienstag werden „seine“ Kirchen von tausenden Gläubigen jeder Religion geradezu bestürmt. Hindus, Moslems, Christen haben Vertrauen in ihn.
Br. Michael Earaly, Provinzialminister der indischen Provinz der Franziskaner-Minoriten, hat eine Überraschung für uns. Direkt nach unserer Ankunft an einem Montagmorgen in Kochin, der wirtschaftlichen Hauptstadt Keralas im Südwesten Indiens, teilt der 48-jährige Ordensmann uns mit, dass wir am nächsten Tag in die Berge fahren würden. Dienstag ist Antonius-Tag. Deshalb war ich mir sicher, dass er uns in die Kirche von Kaloor, einer Vorstadt von Kochin, begleiten würde. Man hat mir erzählt, dass dies das wichtigste und am meisten besuchte Heiligtum der Katholiken Indiens ist: Nur die Antonius-Basilika in Padua könne mehr Pilgerinnen und Pilger vorweisen, so erzählt man sich vor Ort. Aber da lag ich falsch. Br. Michael bringt uns, nach vier Stunden sehr kurvenreicher Autofahrt, zu Rina und Tom, Freunden von ihm. Am Eingang ihres Hauses befindet sich eine Art geometrisches Regalsystem, auf dem unzählige sakrale Objekte stehen: Marienbildnisse, Figuren des hl. Antonius. Wir halten für ein kurzes Gebet inne, dann gibt es Reis, Gemüse, Tapioka und Eier. Wo bitte schön sind wir gelandet?
Lebendige christliche Wurzeln
Kerala, das „Land der Kokosnüsse“, ist eine Ausnahme auf dem indischen Subkontinent. Vor allem in den mittleren Teilen dieses Staates gibt es an fast jeder Straßenecke eine Gebetsstätte für den hl. Sebastian oder den hl. Thomas, für die Gottesmutter Maria oder den hl. Antonius. Katholische Gotteshäuser gibt es zuhauf. Hier zeigt sich ein Indien, das von unserer westlichen Vorstellung dieses Landes abweicht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind Hindu, über 27% Moslems, aber es gibt auch fast 20% Christen, deren Anteil in anderen Bundesstaaten bei nur gut 2% liegt. In Kerala sind die Christen eine stolze Gruppe …
„Das Christentum kam über das Meer“, schreibt Arundhati Roy, eine bekannte Schriftstellerin aus Kerala. Kerala liegt an der Küste, mit fast 600 Kilometern Strand und Lagunen, Häfen und Anlegern. Es war der Eingangshafen für Weltentdecker, Händler, Kolonialherren, feindliche Heere. Und natürlich für Missionare. Hier landete der Überlieferung nach, kurz nach der Auferstehung Jesu, der Apostel, der nicht daran glauben wollte: Im Jahr 52 nach Christus kam der hl. Thomas nach Indien. Er traf dort bereits auf eine kleine jüdische Gemeinde: die Nachkommen derjenigen, die im Jahr 587 v. Chr. die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar überlebt hatten. Die Predigten des hl. Thomas fielen, wie die Samen der vielen Gewürze, auf fruchtbaren Boden und schufen starke Wurzeln für ein östliches Christentum. Darüber war auch der hl. Franz Xaver, der Gründer der Gesellschaft Jesu, der nach einer einjährigen Reise im Jahr 1542 Indien erreichte, erstaunt. Ihn erwarteten Christen, die bereits seit mehr als 1.000 Jahren den Glauben und die Liturgie der Syrischen Kirche kannten und praktizierten. Einige Jahrzehnte zuvor, Ende des 15. Jahrhunderts, waren bereits portugiesische Missionare mit Vasco da Gama im Westen Indiens gelandet. Die südwestliche Küste Indiens wird „Malabar“ genannt. Die Christen dieser Region wurden zur syro-malabrischen Kirche, einer östlichen Form des Christentums, die letztendlich den Primat der römisch-katholischen Kirche akzeptierte. Und mit den Portugiesen ging in gewisser Weise auch der hl. Antonius dort an Land.
Unzählige Menschen
Br. Michael bringt uns in eine kleine Kirche. Sie kommt quasi ohne Wände aus, ist direkt neben einem kleinen Haus mit wenigen Zimmern, das als Konvent fungiert und von Kardamom-Plantagen umgeben ist. Es ist Dienstag, der Tag des hl. Antonius, und in der Kirche von Katappana, einer Kleinstadt mit 60.000 Einwohnern, die erst seit vor zehn Jahren die Stadtrechte erhalten hat, sind hunderte von Menschen. Die Gottesdienste, die Gesänge und Litaneien folgen dicht aufeinander, den ganzen Tag lang, bis tief in die Nacht. Sehr lange Messen mit doppelter Liturgie, der östlichen und der lateinischen. Der Priester ist während des Wortgottesdienstes der Gemeinde zugewandt, während der Eucharistie allerdings kehrt er ihr den Rücken – ein Kompromiss zu dem vorkonziliaren Ritus, der erst nach langem Ringen gefunden wurde, um einen andauernden Disput zwischen dem syro-malabrischen Klerus und dem Vatikan zu beenden.
Ein Bruder mit Mikrofon heizt die Menschen auf. Alle heben ihre Arme Richtung Himmel und bewegen sie wellenförmig hin und her. Dazu Gesänge und Musik. Es ist eine mitreißende Form der Verehrung, voller volkstümlicher Gesten. Tausende von Kerzen werden angezündet, Antonius werden Blumengirlanden aus künstlichen Blumen umgehängt. Eine Frau lädt mich ein, ihr zu folgen. Sie reicht mir eine Girlande, ich muss die Schuhe ausziehen und dann umarme auch ich den hl. Antonius mit meinem Blumenschmuck. Die Gläubigen bieten mir Wasser, Salz, Zitrone und Kardamom an. Viele Menschen legen kleine Gebetszettel an die Füße der Antonius-Statue. Man gießt Öl in eine kleine Wanne. Zu Hunderten reihen sich die Gläubigen geduldig in die Schlange zu den vier Brüdern ein, die sich nach dem Ende der Messe um den Altar herum verteilt haben. Man erbittet eine Gnade, beichtet eine Notlage, hofft auf Trost und Ermutigung. Die Brüder hören zu. Sie antworten, trösten, segnen. Besprengen mit Weihwasser. Der Menschenstrom reißt nicht ab, ununterbrochen kommen neue Menschen hinzu.
Christliche Prägung
Kerala ist in unseren westlichen Augen wirklich überraschend. Hier ist die Alphabetisierungsrate mit mehr als 90% nicht nur die höchste von Indien, sondern grundsätzlich von Süd-Ost-Asien. Man erzählt mir, dass es hier das Kastensystem eigentlich nicht gibt (aber das kann ich nicht so recht glauben). Arundhati Roy schreibt, dass „das alles an der großen Zahl der Christen im Land“ liegt, die dort seit fast 2.000 Jahren leben. Im Jahr 1876 waren es 200.000, heute sind es mehr als sechs Millionen bei einer Gesamtbevölkerung von 33 Millionen. Ein großer Teil der Schulen und medizinischen Einrichtungen werden von der Kirche geleitet. Aber es gibt ein scheinbares Paradox: Kerala ist das erste Land der Welt, in der eine kommunistische Regierung durch Wahlen an die Macht kam, und zwar im Jahr 1957. Und seither lösen sich kontinuierlich kommunistische und konservative Regierungen ab. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert, denn seit 2019 ist der Premierminister von Kerala aus der kommunistischen Partei, bereits im zweiten Mandat. Überall an den Straßenkreuzungen wehen die roten Fahnen mit Hammer und Sichel, direkt neben den Antonius-Statuen.
Vertrauen auf Antonius
Kerala ist ein buntes Mosaik: ein kommunistisch regierter Staat mit einer starken und einflussreichen christlichen und katholischen Minderheit, die mit großem Glauben Antonius verehrt. In Angalamy im Zentrum von Kerala, am Eingang des Ashrams Assisi Shanti Kendra, dem Sitz der Provinz der Franziskaner-Minoriten, gibt es eine Christus-Statue, die in der Sukhasana-Position sitzt, der typischsten Yoga-Position, bei der sich Daumen und Zeigefinger berühren. Sein Lächeln wirkt glücklich, ausgeglichen und beruhigend.
Die Fischer der Küste von Kerala brauchten das Christentum. Fischerei ist seit jeher einer der Reichtümer in diesem Teil Indiens, aber die Fischer gehörten zu einer niedrigen Kaste auf den untersten sozialen Rängen. Die Christen predigten die Gleichheit aller Menschen. Es war eine Illusion, aber auch eine Möglichkeit. Eine alte Volkszählung aus dem Jahr 2010 ergab, dass 43% der Fischer von Kerala Christen waren. Im Süden des Staates erreichte dieser Anteil sogar 80%. Ich glaube nicht, dass sich heute viel an dieser Situation geändert hat. „Jedes Mal, wenn wir aufs Meer hinausfahren, wissen wir, wie vielen Gefahren wir uns aussetzen, deshalb vertrauen wir auf Maria und den hl. Antonius“, erzählt mir ein Fischer.
Konkrete Frömmigkeit
Benny Vazhakkoottahill ist der Pfarrer von Chettikkad, einem wichtigen antonianischen Wallfahrtsort in der Nähe des Flusses Periyar: „Ich bin in einer Fischerfamilie aufgewachsen und kam immer zu Fuß in diese Kirche. Das sind drei Kilometer. Wir wussten, dass der hl. Antonius uns beschützt und dass er meinem Vater beim Fischen helfen würde.“ Auf dem unbefestigten Vorplatz befindet sich eine sehr hohe Antonius-Statue, eine rotgekleidete Frau fotografiert davor ihren in einen franziskanischen Habit gekleideten Sohn. In Pallipuram, einem Hafenort an der Küste, steige ich dann selbst auf ein Fischerboot: Auf dem Steuerruder sind Bilder von Antonius, Christus und der Heiligen Familie befestigt. Zusammen mit dem Segen zerbricht der Priester bei jedem Stapellauf eines neuen Schiffes eine Kokosnuss: eine Geste aus der religiösen Tradition der Hindu. Ich lese die Worte eines Fischers, der selbstbewusst verkündet: „Der hl. Antonius hat 13 Wunder gewirkt, das letzte war nur für uns, um uns nahe zu sein.“ Und dennoch ist es Antonius im Jahr 2012 nicht gelungen, zwei Fischer, Ajeesh Pink und Valentine Jelastine, vor den Kugeln, die von zwei Soldaten der italienischen Marine auf einem Öltanker abgefeuert wurden, zu retten. Ihr Fischerboot hieß „Saint Anthony“.
Religiöse Vielfalt
In Kerala ist Antonius allgegenwärtig. Ich habe dutzende ihm geweihte Kirchen besucht, vor allem im Inneren des Staates in der Gegend von Ernakulam, der wirtschaftlichen Hauptstadt der Region, und im Süden des Staates. Niemand kann mir sagen, wie viele Antonius-Kirchen es gibt. In Puntanchira, einem Küstenort, halte ich an einer solchen Kirche an. Sie ist neu und erhebt sich an der Kreuzung von Nebenstraßen. Ein Vordach schützt eine große Antonius-Statue, vor der ein Maultier aus dem Wunder von Rimini kniet, daneben weht die große rote Fahne mit Hammer und Sichel. Auf der anderen Straßenseite befindet sich ein hinduistischer „Tabernakel“. Der Tempel liegt nur einige hundert Meter entfernt.
Wunder für alle
Im Februar 2020 kamen Reliquien des hl. Antonius aus Padua nach Kerala. Heute werden sie in mindestens zwei Kirchen, in Koratty und in Chettikkad, aufbewahrt. Unsere Reise auf den Spuren des hl. Antonius begann in einer Pfarrei in den Bergen, nun geht es über den National Highway 544 zurück an die Küste.
Die große Kirche von Kaloor liegt an einer verkehrsreichen Straße, ihr Vorplatz ist eine Art Sammelstelle, an der tausende Menschen Tag und Nacht vorbeikommen. Nachts ist die Antoniuskirche von bunten Lichterketten beleuchtet. Ein Menschenstrom kommt und geht, die meisten bleiben zum Gottesdienst, aber auch vor den Beichtstühlen bilden sich lange Schlangen. Auf dem Bürgersteig gegenüber dem Eingang finden auch die eiligsten Passanten die Zeit, eine Kerze anzuzünden. Ununterbrochen gibt es Gesänge, Litaneien, Rosenkranzgebete. Ich höre einem Priester zu, der einer Gruppe Jugendlicher erklärt: „Saint Anthony ist a miracle worker“, Antonius ist ein „Wundermacher“. Ein paar Frauen und zwei Jugendliche rutschen auf Knien so weit wie möglich in die Nähe des Altars. Einige Menschen stehen, andere sitzen auf dem Marmorboden. Ich betrachte die Antonius-Statue, mittlerweile habe ich mich wohl an dieses bunte, festliche und sakrale Chaos gewöhnt. Ich schließe die Augen. Mit welchen Worten kann ich Ihnen von der Hektik und der Bewegung einerseits und dem großen Frieden andererseits berichten, die an diesem Ort herrschen?
Indien ist ein immenses Land, voller Widersprüche und für uns aus dem Westen voller Faszination, das bevölkerungsreichste Land der Welt, eineinhalb Milliarden Menschen, und mir scheint, als wären sie alle in dieser Kirche.
Antonius jedoch verliert seine Souveränität und seine Ruhe nicht und auch dem Jesuskind in seinem Arm entweicht ein Lächeln: Den beiden geht es richtig gut in Kaloor. Sie fühlen sich wohl in Kerala.