Zwei neue Selige

30. November 2015 | von

Am 5. Dezember 2015 werden in Peru zwei Brüder aus dem Orden der Franziskaner-Minoriten selig gesprochen: Br. Michał Tomaszek und Br. Zbigniew Strzałkowski. Der Generalminister der Gemeinschaft wirft in diesem Beitrag einen Blick auf das Leben und das Martyrium der beiden und betont deren aktuelle Bedeutung bis heute.




Es neigt sich seinem Ende entgegen, das „Jahr des Geweihten Lebens“. Unter diesem Motto haben wir versucht, tiefer zu begreifen, was es heißt, prophetisch im Herzen der Kirche und der Welt unterwegs zu sein. Wir stehen nun vor dem Beginn eines Jubiläumsjahres, das der Barmherzigkeit gewidmet ist. Kurz vor dessen Beginn werden zwei unserer Mitbrüder, Br. Michał Tomaszek und Br. Zbigniew Strzałkowski, seliggesprochen. Als Propheten, die erfüllt waren von Gottes Barmherzigkeit, gaben sie ihr Leben hin für Gott – und sie gaben es für die Armen, die Gott besonders liebt. Nur ein Viertel Jahrhundert trennt uns von ihrem Martyrium. Es ist also nicht eine Geschichte aus grauer Vorzeit: Es ist ein aktuelles, authentisches Zeugnis, durch und durch aus unserer Zeit. Es ist eine Geschichte, die unser Leben in der Mitte seiner Existenz berührt: Würde unser Leben ihrem Martyrium gerecht, dem höchsten Maß der Liebe?







Märtyrer als Vorbild



Als mich im Februar dieses Jahres die Nachricht erreichte, dass unsere beiden Brüder von Papst Franziskus seliggesprochen würden, hat mich das mit großer Freude erfüllt. Dann erinnerte ich mich aber auch der Worte des heiligen Franziskus, die er seinen Brüdern sagte, die das Martyrium der fünf so genannten franziskanischen Protomärtyrer, die am 16. Januar 1220 in Marokko ums Leben kamen, bejubelten, nämlich: „Jeder soll sich seiner eigenen und nicht fremder Leiden rühmen.“ (Chronik des Jordan von Giano, 8,1) – Mir ist deutlich geworden: Mehr als die Bewunderung der Märtyrer ist unser Auftrag, ihnen nachzufolgen auf ihrem Weg der radikalen Jesusnachfolge. 







Br. Michał und Br. Zbigniew



Dennoch habe ich die Brüder Michał und Zbigniew immer auch bewundert. Sie stammen beide aus der Krakauer Provinz unseres Ordens und wurden nach Peru geschickt, um dort unter den Armen das Evangelium zu leben. Zbigniew kam Ende 1988 dort an, Michał ein Jahr später. 



Michał wurde am 23. September 1960 in Łękawica in Polen geboren. Nach dem Philosophie- und Theologie-Studium wurde er am 23. Mai 1987 zum Priester geweiht. Zwei Jahre lang arbeitete er als Kaplan, bevor er nach Peru aufbrach. Er hatte ein sensibles und freundliches Wesen und einen tiefen Glauben. Er war mit ganzem Herzen ein Verkünder des Evangeliums! Er spielte gern Gitarre und hatte dank seiner Vorliebe für die Musik einen guten Draht zu Kindern und jungen Menschen. 



Zbigniew wurde am 3. Juli 1058 im polnischen Tarnów geboren und am 7. Juli 1986 zum Priester geweiht. Zwei Jahre lang arbeitete er als Erzieher in einem Internat seiner Ordensprovinz. Am 30. November 1988 machte er sich auf den Weg nach Peru. Er war ein verlässlicher, guter Mann und perfekter Organisator mit einer großen Liebe zur Schöpfung.







Erste Erfahrungen in Peru



Br. Jarek Wysoczański, der auch gemeinsam mit den beiden Märtyrern in Peru war, beschreibt die Situation der ersten Zeit: „Als wir in Peru ankamen, war es für uns nicht ganz einfach, uns in diese neue Art des Kircheseins einzufügen. Wir verbrachten unzählige Stunden in Konferenzen und Debatten und versuchten, etwas zu verstehen. Langsam nur kamen wir den Schlüsselfragen näher: ‚Was ist unsere Mission als Franziskaner hier in dieser Gegend? Welche Art von Kirche wollen wir verkörpern? Wie können wir solidarisch sein mit den Armen?‘ Nach und nach wurden wir ganz in die lokale Kirche integriert und es gab praktisch zwei Säulen unserer Mission: das Evangelium verkünden und mit den Armen leben. Der beste Weg, die Berührungsängste mit den Einheimischen zu überwinden, war der, als einfache, arme Brüder unter ihnen zu leben.“





Einflussreicher Gegner



Nicht lange jedoch, und der „Sendero Luminoso“, der „Leuchtende Pfad“, greift in das Leben der Missionare ein. Bei einem Schauprozess wird den Brüdern von der maoistischen Terrorbewegung folgendes vorgeworfen: „Sie betrügen die Menschen, indem sie ihnen Essen von der Caritas verteilen. Das ist Imperialismus! Sie predigen den Frieden, um die Leute stillzuhalten. Sie wollen keine Gewalt, keine Revolution. Frieden aber nimmt den Menschen ihre Rechte. Man muss die umbringen, die den Frieden predigen. Religion schläfert die Menschen ein, sie ist das Opium des Volkes. Die Bibel ist ihr Instrument, die Menschen einzuschläfern, sie zu betrügen und sie schließlich zu beherrschen.“







Brutale Ermordung



Wie sehr der „Leuchtende Pfad“ zur Gefahr für die Minderbrüder wird, zeigt sich am 9. August 1991. Hören wir, was Br. Jarek, der damals zu einer Hochzeit in seiner polnischen Heimat war, davon berichtet: „Es war ein Freitag. Nach der Messe wurden Michał und Zbigniew von den Terroristen abgeführt. Auch eine Ordensschwester, Sr. Berta Hernández, wurde mitgenommen, bald aber wieder aus dem Truck geworfen. Nachdem die Brücke auf der Straße Richtung Cochabamba überquert war, brachen die Terroristen die Verbindung ab. Die Brüder wurden zu einem Ort namens Pueblo Viejo nahe des Friedhofs gebracht. Br. Michał wurde mit einem Genickschuss getötet, Br. Zbigniew durch einen Schuss in die Schulter, einen zweiten in den Kopf. Auch der Bürgermeister der Stadt, Justin Masa, wurde umgebracht.“



Nach der Beerdigung der beiden Brüder machten sich die Bewohner von Pariacoto mit Schaufeln auf den Weg zur Hinrichtungsstätte. Das mit dem Blut der Märtyrer getränkte Erdreich erachteten sie als etwas Heiliges – und in einer Prozession brachten sie die Erde zum nahegelegenen Friedhof. 







Botschaft von bleibender Aktualität



Wenn Br. Michał und Br. Zbigniew heute zu uns sprechen könnten, dann würden sie wahrscheinlich von ihrer großen Leidenschaft erzählen, das Evangelium allen Menschen bringen zu wollen, gerade den Armen und Geringen, für die sie so gerne da waren. Sie würden wahrscheinlich von einem Evangelium sprechen, das weit mehr ist als nur ein geschriebener Text: Es ist eine befreiende und froh machende Botschaft, die durch Wort und Tat weitergegeben werden will. Und sie würden wohl Zeugnis ablegen von der unendlichen Barmherzigkeit Gottes.



Der Herr gab uns das Geschenk unserer Brüder Michał und Zbigniew. Durch ihre Bereitschaft, in die Mission zu gehen, dürfen wir uns ermutigen lassen, unsere eigene Christusnachfolge zu erneuern. In ihrem Martyrium erfahren wir letztlich den Sieg über den Tod und das Böse – den Sieg, den die erringen, die sich Gottes Barmherzigkeit anvertrauen. Durch ihre Seligsprechung haben wir nun Fürsprecher bei Gott.






Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016