Zwischen Krieg und Hoffnung
Nach der langen Feuerpause in den Wintermonaten wird in der ukrainischen Stadt Saporischschja seit dem Frühling gekämpft. Das bringt neue Todesfälle und neues Leid, das gar nicht aufhören mag.
Der Frühling hat der ukrainischen Stadt Saporischschja auch in diesem Jahr keine Erleichterung gebracht. Nach dem überstandenen, extrem strengen Winter 2025/2026 ist es zwar milder geworden, doch die Bombardements haben an Intensität zugenommen. Am 14. März starben zwei Menschen, darunter ein 17-jähriger Junge, bei einem russischen Luftangriff, bei dem weitere zwanzig Einwohner verletzt wurden. „Angesichts der vordrängenden Russen, die bis auf wenige Kilometer an die südlichen Vororte herangerückt sind, wird es immer schwieriger, normale Lebensbedingungen zu gewährleisten“, sagt Rehina Kharchenko, die 36-jährige Bürgermeisterin. Dieses große Industriezentrum am Leben zu erhalten, ist ihre wichtigste und zugleich schwierigste Aufgabe.
Auf dem Weg zur Geisterstadt?
Saporischschja ist mit ihren 700.000 Einwohnern ein Schlüssel- und Knotenpunkt der ukrainischen Industrie. Hier befinden sich das riesige Stahlwerk Saporischstal, das 40% des Stahls für das gesamte Land liefert, eine Fabrik für elektrische Transformatoren, die angesichts der anhaltenden russischen Bombardements auf das Stromnetz von entscheidender Bedeutung ist, sowie Fabriken für Motoren, Militärfahrzeuge und unzählige weitere kleine und mittlere Unternehmen. „Tausende Menschen gehen hier noch jeden Tag zur Arbeit. Die meisten Unternehmen sind nach wie vor in Betrieb, wenn auch oft nur mit reduzierter Kapazität“, sagt die Bürgermeisterin. Doch die Lage droht sich zu verschlechtern. Wenn die Russen weiter vorrücken, könnte Saporischschja zu einer Geisterstadt werden, auch wenn es nicht zu Straßenkämpfen kommt. Das wäre ein großes Problem für die Ukraine und ihre Kriegsanstrengungen. „Große Unternehmen lassen sich nicht einfach verlegen“, erklärt die Bürgermeisterin, „es gibt ein Problem mit ihrer Infrastruktur und den Arbeitskräften, die sie benötigen.“
Zwischen Front und Trauma
Die schleichende Belagerung, die die Russen hier wie auch in Kramatorsk durchführen, ist nicht nur eine Bedrohung für die Industrie, sondern auch und vor allem für die Einwohner. Balabyne, der südlichste Vorort der Stadt, liegt mittlerweile nur noch einen Steinwurf von der Front entfernt. Die Straßen dieses kleinen Dorfes sind mit Drohnenabwehrnetzen übersät. Doch die Russen greifen trotzdem fast täglich an, sagt Alexander Nezhura, 59, ein Veteran des sowjetischen Afghanistan-Kriegs, der in dem Dorf lebt und kürzlich miterleben musste, wie eine Nachbarin von ihm starb, nachdem sie von einer russischen Drohne getroffen wurde, während sie in ihrem Garten arbeitete. „Diese Netze nützen nichts“, sagt er bitter. „In den letzten zwei Wochen haben die Russen bereits zwei Kleinbusse getroffen.“
Seit Beginn der russischen Invasion vor vier Jahren liegt die Verteidigung von Saporischschja in den Händen der 65. mechanisierten Infanteriebrigade, einer Einheit, die größtenteils aus Soldaten aus der Stadt selbst besteht. „Meine Mutter lebt im Stadtzentrum – wer außer mir könnte sie beschützen?“ fragt Dima, 43, der sich im Oktober 2022 freiwillig gemeldet hat, als die Raketen immer häufiger einschlugen. Dima befindet sich in Saporischschja für 24 Stunden „Entspannung“ – eine Art Kurzurlaub, den Kommandanten ihren Soldaten gewähren können. Für die Soldaten, die an der nicht weit entfernten Front kämpfen, ist die Nähe einer Großstadt ein riesiges Glück, denn sie bietet den Soldaten die wertvolle Möglichkeit, zumindest für ein paar Stunden Abstand von den Schrecken des Kampfes zu haben. An einem solchen „Tag der Entspannung“ wurden Dima und seine Kameraden ins Schwimmbad, zum Mittagessen in ein Restaurant an einem zugefrorenen See und anschließend in ein Sportzentrum gebracht. Was jedoch fehlt, ist eine ausreichende Anzahl von Psychologen: „Es gibt durchschnittlich fünf pro Bataillon, also pro 2.000 Mann“, erklärt einer von ihnen, mit dem Kampfnamen Eridan. „Wer von ihnen leidet unter einem posttraumatischen Syndrom? Alle.“
Flüchtlingsströme
Wenn Soldaten wie Dima es nicht schaffen, die Russen zurückzudrängen und sich die Belagerung um die Stadt noch weiter verschärfen sollte, werden viele Einwohner fliehen, aber im Moment bleibt der Zustrom von Menschen, die noch näher an der Front leben, groß. Die Bürgermeisterin erklärt: „Wir haben 160.000 Flüchtlinge in der Stadt, von denen 70% aus der Region von Saporischschja kommen.“ Es sind Menschen wie die Familie Zhidkov, Oleksandr und Raissa, mit ihren Töchtern Lisa und Alina, die zu Gast sind im von der regionalen Verwaltung eingerichteten Übergangslager. Sie sind vor ein paar Wochen gekommen, nachdem die Situation in ihrem Dorf Tavriska, das 45 Kilometer von Saporischschja entfernt ist, untragbar geworden ist. Als die Bombardierungen Ende Februar begannen, hat die Familie eine schnelle Entscheidung getroffen: „Wir haben nicht lange diskutiert“, sagt die 26-jährige Alina, die jüngere Tochter. „Plötzlich sind die Bombardierungen so häufig geworden, dass wir keine andere Wahl hatten als aufzubrechen.“ Oleksandr, ihr 65jähriger Vater, sagt, sie hätten fast alles zurücklassen müssen, aber eine Sache vermisse er mehr als alles andere: „Unser Land“, sagt er. „Sachen kann man neu kaufen, aber das Land bleibt, wenn man es einmal zurücklässt, für immer dort.“ Die Zhidkovs warten auf einen Zug, der sie nach Transkarpatien bringen wird, ans andere Ende des Landes, wo sie ihr neues Leben als Flüchtlinge beginnen werden.
Überall Zerstörung
Doch in Saporischschja leben Menschen, die dieses Leben bereits seit Jahren führen. Es sind Menschen, die aus dem Donbass geflohen sind, der Region, die im Zentrum der Kämpfe liegt und an Saporischschja grenzt. Etwa 20 Familien, die aus diesem Gebiet geflohen sind – insgesamt etwa 90 Menschen –, leben in einer Unterkunft unweit des Zentrums von Saporischschja. Ihre Herkunftsdörfer bilden eine Karte der Gebiete mit den heftigsten Kämpfen an der Front: Kurachowe, Pokrowsk, Kostjantyniwka.
Alla Plyshanova, 59 Jahre, hat sein Dorf, Nova Poltavka, vor einem Jahr verlassen: „Als wir geflohen sind, gab es nichts mehr zu entscheiden oder zu überlegen, unser Dorf war völlig zerstört.“ Zusammen mi seinen drei Kindern ist er 15 Kilometer gelaufen, bevor er andere Ukrainer traf. Lena Olishenko ist 2024 aus Kurakhove geflüchtet. „Ich hatte in der Stadt alles, was ich brauchte, und die Bomben der Katsap haben alles zerstört“, sagt sie und verwendet dabei den abwertenden Ausdruck, den viele für die Russen verwenden. Die Flüchtlinge aus dem Donbass erleben ein Drama mit vielen Facetten. Nachdem sie ihre Häuser bereits einmal verlassen haben, droht ihnen nun, auch Saporischschja verlassen zu müssen, wo viele inzwischen begonnen haben, sich ein neues Leben aufzubauen. Fast ebenso befremdlich ist das Gefühl, zwischen der Gewalt der Russen, die ihre Häuser bombardieren, und dem Hass einiger Ukrainer zu stehen, die sie als russischsprachige Bewohner des Donbass als fünfte Kolonne des Kremls betrachten. „Wir sind wie Nomaden, die niemand mag“, sagt Olishenko. „Die Russen haben unsere Häuser zerstört, und einige Ukrainer sagen hinter unserem Rücken, der Krieg sei unsere Schuld.“
Der Temperaturanstieg in den Frühlingsmonaten hat die russischen Truppen nach der langen Kampfpause während der Wintermonate wieder in Bewegung gebracht. Die Kämpfe an der Front werden immer häufiger, doch die Ukrainer geben nicht nach, sondern führen weiterhin Gegenangriffe durch.