Regional und nachhaltig: ein Junglandwirt mit Bio-Ideen

11. Oktober 2021 | von

Der Herbst ist Erntezeit. Unser Autor hat einen „alten Bekannten“ aus der Studienzeit auf seinem Hof besucht und präsentiert ein Beispiel für ein innovatives Konzept in der Landwirtschaft, das zugleich nachhaltig und traditionell ist.

Lehrer wollte er werden. Studiert hat er also Deutsch und katholische Religionslehre für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Würzburg und an der Gregoriana in Rom. Doch anstatt nach dem ersten Staatsexamen in die Schule zu gehen, Kindern die deutsche Grammatik, Goethes Faust und Bertolt Brechts Mutter Courage näher zu bringen oder ihnen das Verständnis für Religion zu öffnen, brennt Christoph Jestädt auch noch für etwas anderes: In Fulda-Niederrode hat der 31-Jährige inzwischen den landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern, den Hannheinehof, übernommen und führt ihn in der zehnten Generation als Junglandwirt mit innovativen Eigenmarken und Produkten in die Zukunft.

Bauernhof zur Studienfinanzierung

Das Hauptprinzip seines Tuns: eine nachhaltige Landwirtschaft fördern. „Während eines Aufbaustudiums im Fach Theologie, das ich eigentlich begonnen hatte, habe ich unseren Hof übernommen und die Direktvermarktung ziemlich ausgebaut“, erinnert sich Christoph Jestädt. „Eigentlich war das nur dazu gedacht, mir mein Weiterstudium zu finanzieren. Doch es wurde mehr draus.“

Bio mit Tradition

Nicht nur um seine 7.200 Johannisbeersträucher in biologischem Anbau kümmert er sich, sondern auch um Streuobstwiesen, die ihm ein Herzensanliegen sind. Eine 200 Jahre alte liegt direkt neben seinem elterlichen Hof. Bäume stehen dort mit Apfelsorten, die bereits zwischen 300 und 400 Jahre alt und damit noch richtig gesund sind. Seine Eltern schon waren Mitglied der Rhöner Apfelinitiative, Deutschlands größte bio-zertifizierte Vermarktungsinitiative für heimisches Streuobst. Sie ist die Dachorganisation und Plattform für alle Apfelfreunde in der Rhön, von Hobby-Obstbauern bis zum professionellen Betrieb, die ihre Äpfel zu Säften und Weinen, zu Sherry, Schaumwein und anderen kreativen Produkten verarbeiten. Damit sich ein Apfel nach den Vorgaben der Rhöner Apfelinitiative aber überhaupt Apfel von der Bio-Streuobstwiese nennen darf, muss er zum Beispiel von einem Baum stammen, der verstreut mit anderen auf einer Wiese steht. Der Stamm wiederum muss mindestens 1,80 Meter messen. Zu keiner Zeit darf der Baum künstlich gespritzt oder der Boden mit Mineraldünger versetzt werden. Damit ist die normale Bio-Qualität nach den Standards der Apfelinitiative noch deutlich übertroffen. Seit 1995 gibt es die Rhöner Apfelinitiative, von etwa 450 verschiedenen Apfelsorten geht man inzwischen aus, die verarbeitet werden. „In unseren Apfelsaft“, so erklärt Christoph Jestädt mit Begeisterung, „kommen ausschließlich die Äpfel unserer rund 1.000 biozertifizierten Lieferanten aus der gesamten Rhön. Die Biozertifizierung erfolgt dabei durch eine unabhängige Kontrollstelle.“ Der höhere Preis und der regionale Vertrieb machten es für die Apfelbauern interessanter, ihre Streuobstwiesen zu pflegen oder sogar zu erweitern.

Pionierarbeit und Marketing

Nachhaltige Landwirtschaft, das ist für Christoph Jestädt kein wirtschaftlicher Zwang, sondern tiefste Überzeugung. „Mein Vater hat als Bio-Pionier vor über 30 Jahren unseren Hof bereits auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Man merkt, dass in der Gesellschaft ein Umdenken stattfindet, die Lebensmitteleinzelhändler auf die Wünsche ihrer Kunden eingehen und ihr Sortiment regionaler und nachhaltiger ausrichten. Nichtsdestotrotz muss man an gewisse Türen auch weiterhin noch recht laut anklopfen, um als regionaler Lieferant gegenüber den industriellen Erzeugern wahrgenommen zu werden.“ Das tut der junge Mann aber mit Leidenschaft und Erfolg. Sein Name ist in der Lebensmittelbranche in Hessen und Nordbayern kein unbekannter mehr. Dennoch bedarf es einer guten Werbung und vor allem eines qualitativ hochwertigen Produkts, um überhaupt auf den Markt zu kommen und auch zu bleiben.

Im Netzwerk unterwegs

In Kooperation mit den Franziskanern, die seit 400 Jahren im Kloster auf dem Fuldaer Frauenberg leben und wirken, und antonius – Netzwerk Mensch für Menschen mit Behinderung hat er dort jüngst eine „inklusive Streuobstwiese“ angepflanzt, „eine kleine Oase, die in unserer Stadt Begegnung von Mensch und Natur ermöglicht“, wie er selbst sagt. Neben der Pflanzung verschiedener Bäume wurden zusätzlich Insektenhotels in den antonius-Werkstätten gebaut und verschiedene Nisthilfen und Infotafeln angebracht, denn immerhin leben auf einer Streuobstwiese bis zu 5000 Tier- und Pflanzenarten. „Damit zählen die Streuobstwiesen zu den artenreichsten Lebensräumen in Europa“, stellt der Jungunternehmer klar.

Event auf der Streuobstwiese

Die Idee zur inklusiven Streuobstwiese entstand vor drei Jahren beim ersten Wiesenflimmern. Christoph Jestädt nutzte 2018 und 2019 die einmalige Atmosphäre seiner malerischen Streuobstwiese und organisierte mit zwei Freunden ein Open Air Filmfestival mit regionalen Leckereien, innovativen Cocktails auf Grundlage guter Lebensmittel und außergewöhnlichen Filmen. Mehrere hundert Gäste kamen, genossen die lauen Sommerabende, redeten und lachten, hörten die Musik ausgewählter Bands und saßen schließlich vor der Leinwand unter in bunten Farben angestrahlten Bäumen. „All Inclusive“ stand als Überschrift unter der letzten Auflage des Wiesenflimmerns, das einen Blick auf die Vielfalt der Menschen warf, ob mit oder ohne Behinderung. Ein voller Erfolg. „Aber ein ziemlicher Kraftakt, das zu stemmen“, gibt der vor Ideen sprühende Landwirt zu. Doch Stress und unter Strom stehen, das ist er schon lange gewohnt.

Beerenobstgemeinschaft

Er und fünf weitere landwirtschaftliche Familienbetriebe aus dem Landkreis Fulda bilden die Beerenobstgemeinschaft Rhön-Vogelsberg. Auf über 60 Hektar bauen sie seit 1989 schwarze Johannisbeeren und Holunder an, ausschließlich nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus, und verarbeiten sie zu Säften, Sirups, Spirituosen und Weinen. Auch zu Glühwein, dem Johannisfeuer. Der Glühweinstand, die Feuerhütte, auf dem Weihnachtsmarkt in Fulda ist schon lange kein Geheimtipp mehr und kann sich auch gegenüber den großen Ständen, die Fertigglühwein ausschenken, behaupten. „Im Jahr vor der Pandemie hatten wir etwas Glück und wurden mit der Feuerhütte und unserem Glühwein aus unseren Bio-Johannisbeeren im Hessischen Fernsehen gezeigt. Obwohl wir eh schon gut zu tun hatten, hat das unseren Umsatz nochmal steigern können. Es kamen sogar Gäste mit einem Reisebus aus Hamburgextra zu uns, die den Fernsehbeitrag gesehen hatten“, freut sich Jestädt. „Und die haben dann nicht nur eine Tasse des Johannisfeuers getrunken .“

Umweltschutz durch Genuss

Neue Marken zu entwickeln, die die Verbraucher für ihre Umwelt sensibilisieren, das hat sich Christoph Jestädt auf die Fahne geschrieben. „Meine Maxime dabei ist, dass Umweltschutz nicht durch einen moralischen Zeigefinger, sondern durch nachhaltigen Genuss erfahrbar werden soll.“ Lieber Schorli – so heißt die rote und weiße Weinschorle, die er 2019 auf den Markt gebracht hat und die in namhaften Lebensmittelmärkten in Hessen und Bayern im Regal steht. „Während meines Studiums in der Weinregion Würzburg habe ich natürlich den einen oder anderen Schoppen getrunken und junge Winzer kennengelernt, die in punkto Nachhaltigkeit und Liebe zum guten Produkt genauso ticken wie ich.“ So entstand die Idee für Lieber Schorli, deren Flaschen ein Etikett mit dem Wiedehopf ziert, einem Vogel mit markantem Federkamm und einem langen Schnabel. „Der Wiedehopf ist bei uns so gut wie ausgestorben“, erklärt Jestädt. „Während er früher in zahlreichen nachhaltig bewirtschafteten Weinbergen und Streuobstwiesen heimisch war, ist er mittlerweile fast komplett von der Bildfläche verschwunden.“ Um das zu ändern, werden mit einem Teil des Erlöses von Lieber Schorli in den Weinbergen der Winzer zusammen mit dem Landesbund für Vogelschutz natürliche Lebensräume und Rückzugsgebiete für den Wiedehopf und weitere Tiere geschaffen. Mehr als 11.000 Euro Spendengelder konnten seit Markteinführung des Lieber Schorli für den Wiedehopf bereits ausgegeben werden. Die rote und weiße Weinschorle kommt beim Kunden, in der Gastronomie und bei öffentlichen Festen gut an. Im vergangenen Jahr mussten einige zehntausend Flaschen nachproduziert werden. Die Kunden haben den Werbeslogan umgesetzt: „Trinken für den Wiedehopf“.

Gut durch die Krise

2020 hat Jestädt den milden und scharfen Ingo erfunden, einen Bio Ingwer Shot in verschiedenen Zusammensetzungen mit Bio Ingwersaft als Grundlage. In diesem Jahr kam der Wiesenkiez als neuestes Produkt in den Handel: Apfelschorle, rote Beerenschorle, Streuobstcider und sogar ein Aperitif, all das kann auch regional und bio sein und Menschen verschiedener Generationen ansprechen, die Wert auf gute und nicht langweilige Lebensmittel legen wollen.

Doch damit ist noch nicht genug: Vor zwei Jahren gründete er eine GmbH, mit der er regionale und nachhaltige Lebensmittel vermarktet. Inzwischen stehen rund 300 Produkte von 30 regionalen Erzeugern auf seinem Programm. So beliefert er den Handel und die Gastronomie mit Säften, Wein, Nudeln oder Brotaufstrichen. Die weitgehende Schließung von Gastronomiebetrieben während der Coronakrise konnte Christoph Jestädt jedoch gut abfedern: „Mein Biohof und meine GmbH stehen wie die Streuobstwiesen auf vielen Füßen. Wenn es mal Spätfrost gibt, sind immer nur einige Sorten betroffen, weil andere bereits verblüht sind oder noch nicht geblüht haben. So war es auch in meinem Betrieb in der Coronakrise. Einige Betriebszweige waren rückläufig, andere haben sich stark entwickelt.“ Den Herstellern, mit denen er zusammenarbeitet, bietet er nicht nur Unterstützung im Vertrieb und der Logistik, sondern arbeitet mit ihnen auch auf der Ebene der Markenentwicklung zusammen. „Mir ist es einfach wichtig, dass solche Produkte, die mit viel Herzblut und auf nachhaltige Art und Weise hergestellt werden, gegenüber der stark beworbenen Industrieware nicht ins Hintertreffen geraten.“

So verwundert es kaum, dass Christoph Jestädt mit seinem Betrieb 2020 im Finale des Hessischen Gründerpreises stand und Silber holte. Der Preis zeichnet jährlich die besten hessischen Unternehmen in den Bereichen innovative Geschäftsidee, Gründung aus der Hochschule, zukunftsfähige Nachfolge und gesellschaftliche Wirkung aus.

Der Tradition verpflichtet

Für Jestädt war es wichtig, nach dem Abschluss seines Studiums wieder nach Fulda zurückzukehren, wo er durch seine Kindheit und Jugend, sein Engagement in lokalen Vereinen und durch Freundinnen und Freunde besonders fest verwurzelt ist. Mit großem Engagement führt er die Familientradition des Hannheinehofs fort in einer Landschaft großer Artenvielfalt, seien es die Hochmoore und Streuobstwiesen in der Rhön, die weltbekannte Wasserkuppe, die sagenumwobene Milseburg oder die Auen in Fuldas Mitte. „Ich bin ganz besonders stolz darauf, dass ich als Biolandwirt mithelfen darf, diese landschaftliche Vielfalt in meiner Heimat zu pflegen und zu schützen.“ Indes nimmt Christoph Jestädt auch den Klimawandel ganz unmittelbar wahr. Die Bäume seiner Streuobstwiese haben mit der Trockenheit der vergangenen Jahre zu kämpfen, obwohl der Boden durch die Bäume vor Verdunstung besser geschützt ist als andere Grünflächen. Seine Streuobstwiese will er dennoch um 130 Bäume erweitern, auch wenn diese erst ab dem 20. Jahr ihren vollen Ertrag bringen. Dazu überlegt er ein Konzept, wie er das Regenwasser auf seinem Hof auffangen und für die trockene Zeit speichern kann. „Wir müssen uns künftig neue Strategien überlegen, um unsere Böden nachhaltig zu pflegen und die Folgen des Klimawandels abzumildern“, ist er überzeugt. „Mit der aktuell verbreiteten Form der intensiven Landwirtschaft, die auf immer größeren Flächen immer schwerere Maschinen einsetzt, die Böden verdichtet und verschiedene Insektizide und Pestizide einsetzt, wird es schwierig, diesen Herausforderungen zu begegnen.“ Sein Plädoyer: mehr Vielfalt, mehr Rückzugsorte für Insekten und mehr intakte Ökosysteme, die sich selbständig tragen und den Menschen, Tieren und Pflanzen als nachhaltige Lebensräume dienen. „Wir müssen anfangen, ganzheitlich zu denken, um die Probleme nachhaltig in den Griff zu bekommen.“ Dass es dafür einen langen Atem und noch einiges an Überzeugungsarbeit in der Gesellschaft braucht, weiß er. Doch seinen Optimismus spürt man in jedem Satz. „Ich denke grundsätzlich in Generationen statt in Quartalen.“

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2021
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