Wenn die Nerven blank liegen
Seit langer Zeit ist unsere Autorin mit dem Sendboten verbunden. Als Mitglied der Fokolar-Bewegung lebt sie in den Niederlanden – und lässt unsere Leserinnen und Leser hier teilhaben an ihren Erfahrungen in der Ukraine, vom Leben im Krieg.
Im vergangenen Jahr habe ich sechs Monate in der Ukraine verbracht. Was ich hier sehe, ist ein Land, das nach fast vier Jahren Krieg an seine Grenzen stößt. Die Widerstandsfähigkeit der Menschen ist unglaublich, doch die Anspannung ist überall spürbar. Die Nerven liegen blank. Und das ist nur allzu verständlich. Der Winter – oft ohne Strom, Wasser und Heizung, der ständige Alarm und die Bombardierungen zu jeder Tages- und Nachtzeit – all dies hat sich tief in das tägliche Leben der Menschen in der Ukraine eingebrannt. Es ist ein Leben in permanenter Ungewissheit, ein Leben im Angesicht der Bedrohung.
Eine Minute der Stille und des Respekts
Trotz des Chaos gibt es Momente tiefer Verbundenheit und gemeinsamen Gedenkens, die das Land zusammenhalten. Jeden Morgen um neun Uhr erklingt ein Lied des nationalen Widerstands durch die Straßen der gesamten Ukraine. Das öffentliche Leben hält dann für eine Minute inne. Die Kassiererin im Supermarkt stoppt den Scanvorgang, der Mann im Café setzt seine Tasse ab, die Bibliothekarin bei der Buchausgabe erstarrt in ihrer Bewegung. Diese Minute ist dem Gedenken an die gefallenen Soldaten gewidmet und an all die Männer und Frauen, die in den Schützengräben an den Frontlinien standhalten. Es ist eine tägliche, bewegende Zeremonie, die die Opfer des Krieges in den Mittelpunkt stellt.
Wo Gebete Leben retten
Die Nähe des Todes verändert die Perspektive auf das Leben und den Glauben tiefgreifend. Ein junger Mann, der an der Front kämpft, erzählte mir: „Im Angesicht des Todes gibt es keine Atheisten. Selbst die Männer, die nicht gläubig sind, flehen dann: ‚Sprich du auch ein Gebet für mich, denn ich weiß nicht, wie man betet.‘“
Ein anderer Soldat berichtete von einem Hinterhalt, in den seine Einheit geriet: „Wir standen unter schwerem feindlichem Feuer. Wie durch ein Wunder ist die Kugel in meiner kugelsicheren Weste steckengeblieben. So viele Menschen auf der ganzen Welt beten für uns, und ich weiß genau, dass eines dieser vielen Gebete mein Leben gerettet hat.“
Diese Geschichten spiegeln den extremen physischen und psychischen Stress wider, dem die Menschen hier ausgesetzt sind, aber auch die spirituelle Dimension ihres Lebens. Im Angesicht der Gefahr wird der Glaube – sei er persönlich oder stellvertretend durch das Gebet anderer – zu einem rettenden Anker.
Feuertaufe an der Front
Während meines Aufenthalts in der Ukraine traf ich den jungen Soldaten Tibor und Maxim, einen Kaplan der Ukrainischen Bibelgesellschaft. Ihre Berichte über das Leben an der Front berührten mich tief. Als die Kämpfe in Luhansk eskalierten, traf Tibor die Härte der Front wie ein Schock. Er fand sich im Keller eines zerstörten Gebäudes unter schwerem feindlichem Artilleriefeuer wieder. Plötzlich konnte er sich an keinen der Bibelverse mehr erinnern, mit denen er aufgewachsen war. Gott, den er als Liebe erfahren hatte, schien unerreichbar fern. In seiner Verzweiflung verließ Tibor eines Nachts seinen Unterschlupf und fand im Keller eines benachbarten, zerbombten Hauses ein Neues Testament. Er las die Frohe Botschaft immer und immer wieder, und langsam spürte er sein Vertrauen zurückkehren. „Gottes Segen ist kein Trost für das Jenseits, sondern eine Kraft für das Leben im Hier und Jetzt“, sagte er mir. Er erzählte von einem seiner Kameraden, einem erklärten Atheisten: „Wegen der ständigen Lebensgefahr war er depressiv geworden. Irgendwann bekam er eine Panikattacke. Ich schlug vor, gemeinsam Atemübungen zu machen. Ich konnte in diesem Moment nicht über Gott sprechen, aber ich verstand, dass jeder in der Not die Nähe anderer sucht – und die Nähe Gottes.“
Gott ist da
Maxim kümmert sich um die Soldaten in den Schützengräben. Er bringt ihnen Medikamente und Lebensmittel, aber vor allem Trost und Beistand. Er sagt: „An der Front spüre ich Gottes Gegenwart stärker als irgendwo sonst – eine unbeschreibliche Intensität!“ Während der Feuerpausen liest er mit den Soldaten in der Schrift. „Ich hole die Bibel hervor, und die Soldaten legen ihre Pistolen daneben – ein Zeichen, dass sie sich unter das Wort Gottes stellen. So kämpfen wir mit der Kraft unseres Glaubens gegen die dämonischen Kräfte der Zerstörung.“ Unter extremen Bedingungen wird Nächstenliebe zu einem Überlebensmittel, meint Maxim.
Ein kraftvoller Moment für alle sind die Gottesdienste an der Front. Hier gibt es keine konfessionellen Reibereien. Orthodoxe, Protestanten und Katholiken beten gemeinsam. Tibor erinnert sich: „Als unser Bataillon nach Awdijiwka verlegt wurde, wo die Kämpfe am schlimmsten waren, berührte uns alle die Lesung über die Grablegung Christi. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es für einige von uns die letzte Vorbereitung auf ihren Abschied vom Leben war. Sie kehrten nicht mehr zurück.“
Angesichts dieser Erlebnisse werde ich immer stiller. Mein Aufenthalt in der Ukraine hilft mir, mich stets mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren: im Hier und Jetzt das Leben mit den Menschen zu teilen, die meinen Weg kreuzen in der Sicherheit, dass Gott jeden einzelnen – diesseits und jenseits der Front – unendlich liebt.