40 Jahre Weltgebetstreffen für den Frieden in Assisi
Assisi steht seit Jahrhunderten für Geschwisterlichkeit, Dialog und den Mut, aufeinander zuzugehen. Kein anderer Ort hätte sich deshalb besser geeignet, als Papst Johannes Paul II. 1986 Vertreter der Weltreligionen zu einem gemeinsamen Tag des Friedensgebets einzuladen.
„O Großer Geist, mit dieser Pfeife,
dem Symbol des Friedens,
des Rates und der Brüderschaft,
bitten wir dich, heute bei uns zu sein
und uns zu segnen.
…
O Großer Geist, segne alle,
die heute hier bei mir sind
zum Gebet für den Frieden in der Welt.
Und segne den Heiligen Vater,
denn er hat uns alle
zu diesem Gebetstag hier versammelt.
A-ho.“
Nach diesen Worten zog der Häuptling der Crow-Indianer an seiner Friedenspfeife und blies den Rauch behutsam in alle vier Windrichtungen. Aus den letzten Sätzen seines Gebets wird der Kontext seines Betens ersichtlich. Der erwähnte „Heilige Vater“ ist der inzwischen heiliggesprochene Papst Johannes Paul II. Er hatte für den 27. Oktober 1986 Vertreter verschiedener Religionen der ganzen Welt zu einem Gebetstreffen für den Frieden nach Assisi eingeladen.
Religionen mit gemeinsamem Ziel
Johannes Paul II. stützte sich für diese Einladung auf die Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils, das ca. 20 Jahre zuvor das Verhältnis der Katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen in der Erklärung „Nostra Aetate“ neu bestimmt hatte: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selbst für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“ (Nostra Aetate 2)
Franziskanisches Vorbild
Als Ort für das Gebetstreffen hatte der Papst die Stadt Assisi vorgeschlagen, die Heimat der beiden Heiligen Franziskus und Klara. Der hl. Franziskus hatte selbst in seinem Leben den „interreligiösen Kontakt“ gewagt, als er im September 1219 in einer Kampfpause des 5. Kreuzzugs im ägyptischen Damiette das Lager der Kreuzfahrer verlassen und den Kontakt mit dem Sultan Melek-el-Kamel gesucht hatte. Thomas von Celano, der erste Biograph des Heiligen, schildert in blumigen Worten diese Begebenheit. In seiner Schilderung können wir noch die Begegnung zweier Menschen erahnen, die einander in Ehrfurcht begegneten, den Glauben des anderen respektierten und trotz der Verschiedenheit zu einem Gespräch miteinander fanden. Franziskus und Klara haben mit ihren Brüdern und Schwestern der Stadt Assisi eine Prägung von Geschwisterlichkeit und Dialog gegeben, was die Stadt Assisi für ein solches Treffen empfahl.
Tag voller Symbolik
Am Montag, 27. Oktober 1986, waren offizielle Vertreter folgender Religionen der Einladung des Papstes gefolgt: nordamerikanische Indianer, Vertreter afrikanischer Stammesreligionen, Shintoisten aus Japan, Hinduisten, Sikhs aus Indien, Buddhisten, unter ihnen der Dalai Lama, Muslime, Juden und Vertreter aller großen christlichen Kirchen. Drei Momente prägten diesen Gebetstag für den Frieden:
● Nach einer Begrüßung durch Papst Johannes Paul II. begaben sich die einzelnen Religionen an verschiedene Orte in Assisi, um in ihrer jeweiligen Tradition zu beten.
● Am Nachmittag trafen sich alle auf dem Vorplatz der Basilika San Francesco. Die Vertreter der Religionen traten jeweils vor und sprachen ihre Gebete in Gegenwart der anderen. Der Papst betonte, dass dies „ein Zusammenkommen, um zu beten“ darstellte und keine Vermischung religiöser Vollzüge gewesen sei.
● Der Tag schloss mit Friedensgesten: Junge Menschen verteilten Olivenzweige, Tauben wurden freigelassen und die teilnehmenden Religionen trafen sich zu einem Mahl im Kloster San Francesco.
Bleibendes Anliegen
Der hl. Johannes Paul II. lud noch zwei weitere Male zu einem Friedensgebet nach Assisi ein. Das zweite Treffen 1993 sollte die drohenden Kriege auf dem Balkan abwenden. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 fand am 24. Januar 2002 ein drittes Treffen statt. Die Teilnehmer aus zwölf Religionen und 31 Kirchen fuhren in einem Sonderzug von Rom nach Assisi. Nach den Ansprachen beteten die jeweiligen Glaubensgemeinschaften an verschiedenen Orten um den Frieden. Gemeinsam proklamierten die Vertreter der Weltreligionen einen Dekalog von Assisi für den Frieden. Sie ächteten die Gewalt im Namen Gottes oder der Religion und verpflichteten sich, sich für Frieden, Dialog, gegenseitige Vergebung und die Menschenwürde einzusetzen.
Seine Nachfolger im Papstamt setzten die Tradition der Gebetstreffen in Assisi fort. Benedikt XVI. lud zum 25-jährigen Jahrestag am 27.10.2011 zu einem Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt ein. Auch Papst Franziskus versammelte sich im September 2016 mit über 500 Delegierten aus zehn Religionsgemeinschaften zu einem Gebetstreffen in Assisi. Allerdings verzichteten beide auf ein gemeinsames Friedensgebet der Kirchen und Religionen.
Papst Leo XIV. hat das Thema Frieden zu einem zentralen Anliegen seines Pontifikats gemacht. In den vielen Konflikten unserer Tage, in der Ukraine, in Gaza, im Iran ruft er unermüdlich zum Dialog und zum Frieden auf. Man darf gespannt sein, welche Impulse er zum 40. Jahrestag des Weltgebetstreffens in Assisi geben wird.