Die menschliche Seite des Sakraments der Versöhnung
Mit dem Sakrament der Beichte befassen sich in der Theologie die Dogmatik und die Moral. Weil Beichtender und Beichtvater aber Menschen sind, die in ein Beziehungsgeschehen treten, kann ein psychologischer Blick auf das Geschehen als hilfreiche Ergänzung aufschlussreich sein. Deshalb: Begeben wir uns auf die denkerische Reise durch die einzelnen Phasen einer Beichte, wie ein Christ sie erlebt, bzw. erleben könnte, wenn die Entfremdung von diesem zärtlichsten der Sakramente nicht so weit verbreitet wäre …
Vor dem konkreten Zugang zum Sakrament steht bereits die erste psychologisch hochbedeutsame Tatsache: Die Beichte ist ein Ritus.
Nach Zeiten, in denen Rituale unter einer Art Generalverdacht standen, wird in neuerer Zeit die positive Bedeutung von Ritualen wiederentdeckt. Allenthalben entstehen neue, mal gelungenere, mal künstlicher anmutende Riten: Die nicht-religiöse Mutter ersetzt das Gute-Nacht-Gebet durch ein Einschlafgedicht am Bett des Kindes; statt des Tischgebets reichen alle sich die Hände und sprechen im Chor „Piep, piep, piep, wir ha’m uns alle lieb“; die Woche strukturiert nicht die sonntägliche Feier des Gottesdienstes, sondern, je nach Geschmack, die Sportschau oder der Freitagabendkrimi.
Rituale leben von Wiederholung, gerade in unserer schnelllebigen Welt. Dadurch strukturieren sie Zeit, Raum und Handeln und bringen eine gewisse Vorhersagbarkeit in menschliches Leben. Das gibt Sicherheit. Die Beichte ist solch ein Ritual mit festen Formen. Diese Ritualisierung betrifft die einzelne Beichte mit den in ihr mit großer Vorhersehbarkeit aufeinander folgenden Elementen, aber auch deren Regelmäßigkeit, die heute – anders als früher – häufig eher nach eigenem Ermessen als nach Vorgabe der Kirche praktiziert wird.
Vorbereitung fördert Selbsterkenntnis
Angesichts des Wissens, dass man in Kürze einem Menschen gegenüber Rechenschaft über sein Leben geben will, bereitet man sich, wie auf jedes andere wichtige Gespräch, vor – und zwar im Angesicht Gottes. Dieses Wissen kann – ein gesundes Gottesbild vorausgesetzt – angstmindernd sein. Ich muss mich meinem Leben nicht alleine stellen. Aber: Ich entscheide mich bewusst gegen die Flucht, ich schaue an, was war, ohne Schönfärberei. Ich nehme die Schatten und Dunkelheiten in den Blick. Das fördert die Selbsterkenntnis.
Wenn auch im strengen Sinn unbewusste Aspekte so nicht in den Blick kommen, so können doch Punkte in der Grauzone, die man das Vorbewusste nennt, zunehmend in den Blick kommen. Die Grenzen zwischen dem, was mir zugänglich ist, und dem, was mir unzugänglich ist, verschieben sich. Dies geschieht nicht mit einem Mal, aber doch immer mehr. Dass sich dabei eine gewisse Häufigkeit des Empfangs des Bußsakraments positiv auswirkt, dürfte offensichtlich sein. So kann die Selbsterkenntnis immer tiefer werden. Die tägliche sogenannte „Gewissenserforschung“ hat eine ähnliche Wirkung.
In die Tiefe gehen
Nun mag man fragen, ob es denn überhaupt wünschenswert sei, die Grenzen dessen zu erweitern, was bewusst ist. Wäre es nicht viel angenehmer, solch unangenehme Seiten erst gar nicht ans Licht kommen zu lassen? Dem ist auch aus psychologischer Sicht entschieden zu widersprechen, und dies aus mehreren Gründen: Zum einen ist es ein Irrtum anzunehmen, dass uns in unseren Tiefenschichten ausschließlich Unangenehmes erwartet. In unserem Inneren schlummern Fähigkeiten und kreative Möglichkeiten, die auch rein menschlich betrachtet unser Leben reicher machen können.
Zum anderen weiß die Psychologie um ein merkwürdiges Paradox: Was wahrgenommen wird, ist leichter zu händeln als das Nicht-Wahrgenommene. Hier sind wir an einem entscheidenden Punkt: Menschliches Leben ist in christlich-jüdischer Tradition nicht anders zu denken als in unvermeidbarer Spannung. Da ist zunächst die Grundspannung zwischen der, die ich bin, und der, die ich sein könnte. Wo Leben aufhört, auf dem Weg zu sein, da ist es tot. Solche Spannung ist also eine Spannung zwischen der Wirklichkeit auf der einen Seite und Idealen, Werten, Sehnsüchten auf der anderen Seite. Diese Spannung ist unbequem, und immer wieder träumen wir vom paradiesischen Schlaraffenland, in dem die völlige Spannungslosigkeit verwirklicht ist. Letztlich aber ist auch das ein toter Zustand.
Es gilt, sich dem Paradox zu stellen, dass solche Spannung, wenn sie bewusst oder unbewusst ausgeblendet wird, merkwürdigerweise mehr leiden lässt, als wenn sie in den Blick genommen wird. Man mag das mit einem markigen Bild ausdrücken: Was auf dem Tisch liegt, kann ich in die Hand nehmen, sortieren, be-hand-eln. Über das, was unter den Teppich gekehrt wird, werde ich immer wieder stolpern, fast wie bei Dinner for one.
Reden befreit
Indem der Mensch in der Beichte erzählt, bekommt das Leben wieder seinen roten Faden. Vergangenheit und Gegenwart und gewünschte Zukunft werden in Beziehung zueinander gesetzt. Damit ist Beichte Arbeit an der eigenen Biografie. Dies geschieht in der Beichte vor einem anderen Menschen. Damit gilt: Beichte setzt in Beziehung.
Schuld macht einsam. Was ich getan habe, mag ich vielleicht mir selbst nicht eingestehen, schon gar nicht einem anderen. Indem Beichte nicht nur Gott, sondern auch einem anderen Menschen gegenübertritt, bricht sie, wenn auch nur in kleinstem Rahmen, die Einsamkeit auf. Hörbar und sichtbar bleibt der Mensch mit sich und seinen Fehlern und Kanten nicht allein.
Der göttliche Dritte
Im anfänglichen Kreuzzeichen, das der Beichtvater über den Beichtenden schlägt, wird deutlich, dass solches Bekenntnis Kraft erfordert, die von oben erwartet werden darf. In ihm wird deutlich, dass Gott der Dritte im Bunde ist, wenn Beichtvater und Beichtender sprechen. Oder, anders gewendet: Der Beichtvater ist der Dritte im Bunde, wenn Mensch und Gott miteinander das ehrliche Gespräch suchen. Die Lehre der Kirche, dass in der Beichte nicht nur Versöhnung mit Gott, sondern auch Versöhnung mit der Kirche geschehe, bekommt im Beichtvater Hand und Fuß, wird sichtbar und hörbar. Welch eine Erleichterung ist es, wenn das, was manchmal mühsam und vielleicht erstmals ins Wort gebracht wird, gelassen von der anderen Seite aufgenommen wird. Es folgt weder ein erschrecktes Aufstöhnen seitens des Beichtvaters noch eine Schimpftirade. Wovor ich erschrecke, und wohl auch zu Recht erschrecken mag, das trifft nicht auf Erschrecken beim Gegenüber. Welch eine Erleichterung! So wird es möglich, trotz innerer Betroffenheit durch Geschehenes und Getanes, Distanz zu nehmen. Beichte eröffnet einen Raum größter, intimster Nähe bei gleichzeitiger Distanz. Die Gefühle haben ihren Platz, aber sie bleiben nicht das Einzige, sie treffen auf die Einsicht, die sich zu distanzieren vermag. Und da eröffnet sich die Möglichkeit zum Wandel. Im Ansehen dessen, was ist, und in der Konfrontation mit dem, was hätte sein können und sollen, wird Zukunft eröffnet. Solche Zukunft eröffnet sich nicht zuletzt deswegen, weil im Gespräch mit dem Beichtvater einzelne Taten und Unterlassungen einander neu zugeordnet werden können.
Verhalten – Haltung – Halt
Die einzelne Handlung, die wohl – zumindest am Anfang des Beichtweges – die häufigste Beichtmaterie ist, wird eingebettet in einen Kontext. Ausgehend vom Blick auf das Verhalten, das ich beobachten kann, mag der Blick frei werden auf darunter liegende Haltungen. Solche Haltungen aber sind „radikaler“, sie gehen mehr an die Wurzel, sind fundamentaler. Wo es einem Menschen gelingt, mit Gottes Gnade und in eigener Arbeit an sich selbst, an Haltungen zu arbeiten, wird sich Leben stärker verändern als durch das Arbeiten nur am Verhalten. Arbeit am Verhalten kann sinnvoll sein. Aber oft ist sie mit dem Kurieren eines Symptoms zu vergleichen. Mag auch das Symptom verschwinden, so äußert sich die zugrundeliegende (Fehl-)Haltung doch mit großer Wahrscheinlichkeit bald in neuer Form.
Wo Tiefenbohrungen gelingen, wird schließlich ein weiterer qualitativer Sprung möglich sein: Es wird mehr und mehr möglich, noch unter den Haltungen den letzten Halt zu entdecken. Was ist es, was mich im Tiefsten hält? Hier stehen Grundentscheidungen des Menschen zur Frage, hier setzt die Arbeit am eigenen Glauben und am Gottesbild auf neuer Ebene ein. Solche Wege können nicht in einer einzelnen Beichte gegangen werden, es sind Lebensprozesse, die zudem eher spiralförmig als gradlinig verlaufen. Aber es sind Prozesse, die durch die Beichte gefördert werden können. Sie sind menschlich bereichernd und befreiend.
Ein guter Begleiter
Der Beichtvater ist dabei hilfreich. Er kann im Gespräch auf blinde Flecken aufmerksam machen, er kann katechetisch auf Dinge hinweisen, die der Beichtende vielleicht gar nicht weiß. Er kann unter Umständen persönliche Strukturen, die mit charakterlichen Stilen zusammenhängen, aufzeigen. So mag er dem depressiv Veranlagten in seinen Skrupeln beistehen und den Narzissten in seiner Schuldfähigkeit fördern. In diesem Element gleicht Beichte am meisten geistlicher oder therapeutischer Begleitung. Von solchen Formen des helfenden Gesprächs unterscheidet sich die Beichte in vielerlei Hinsicht, ebenso wie diese Formen sich untereinander unterscheiden. Solche Unterschiede sind klar zu respektieren und zu benennen, vor allem seitens des Beichtvaters. Dennoch gibt es notwendig Elemente, die sich ähneln. Soll Beichte auch solche Elemente haben, empfiehlt sich häufig ein fester Beichtvater. Es ist aber auch zu respektieren, dass Menschen hier unterschiedliche Bedürfnisse haben: nach einem festen Beichtvater oder nach der noch größeren Anonymität durch wechselnde Beichtväter, nach einem Gespräch im Beichtzimmer oder im Beichtstuhl. Es kann dann unter vielerlei Hinsicht eine neue, korrigierende Beziehungserfahrung gelingen.
„… spreche ich dich los …“
Der Objektivität des Blickes auf das eigene Leben, der Objektivität der Kirche und der Regeln und Ideale, entspricht im Sakrament der Versöhnung nun auch die Objektivität der Vergebung: Beichte ist der „Ort“, wo Realität und Ideal versöhnt aufeinandertreffen.
Weil Beichte immer schon, also schon vor der Lossprechung, unter dem Vorzeichen der Versöhnung steht, kann der Mensch es in ihr wagen, sich seinem Leben zu stellen. Beichte nimmt den Menschen in seinen Kämpfen und in seinen Ausweglosigkeiten und damit in seiner Dramatik ernst. Sie erspart ihm weder die Anerkenntnis noch das Bekenntnis der Schuld, noch die Scham, die damit verbunden sein kann. Aber gerade so ermöglicht die Beichte, dass ganzheitliche Annahme erfahren werden kann. Solange ich mich nur von meiner Schokoladenseite zeige, bleibt bei jeder Annahme doch ein nagender Zweifel: „Ob der mich noch mögen würde, wenn er wüsste, dass ...?“ Hier kann ein psychologischer Sinn in der Aufforderung der Kirche zum „vollständigen“ Bekenntnis liegen, auch wenn diese juridisch auf schwere Schuld bezogen ist.
In der Lossprechung wird die Vergebung Gottes auf den Punkt gebracht, dem Menschen auf den Kopf zugesprochen. Die Erleichterung, die in diesem persönlichen Zuspruch liegt, gerade nach dem schambesetzten Bekenntnis, ist einer der meisterinnerten positiven Aspekte, der von Beichtenden genannt wird.
Loslassen
Die mit der Beichte verbundene Bußauflage lässt die Schuld loslassen, nachdem sie angenommen wurde. Menschen neigen dazu, Schuld loslassen zu wollen, ohne sie zuvor angenommen zu haben. Dieser Versuch, Dinge ungeschehen zu machen, dient der Abwehr, er macht nicht wirklich frei. Denn man wandelt nur, was man annimmt, lernte C.G. Jung von der frühen Kirche.
Nachschmecken
Mindestens so wichtig wie die Vorbereitung auf die Beichte ist – aus geistlichen wie psychologischen Gründen – die Nachbereitung. Das Nachschmecken, das Verkosten der erfahrenen Vergebung, das Nachklingen-Lassen dessen, was gesagt wurde und was geschah, was ich gespürt habe, ist kostbar. Sich Zeit zu nehmen, um die Beichte ausklingen zu lassen, kann die Dankbarkeit fördern, die eine positive Dynamik in Gang setzt. Ausgehend vom dankbar Empfangenen wird es leichter, anderen weiterzugeben. Nur wer sich beschenkt weiß, wird leicht und von Herzen schenken können. Wenn Beichte das Geschenk ist, als das ich sie verstehe, dann verdient sie, immer wieder betrachtet zu werden. So wächst das innere Gespür für den Reichtum der Gottesbeziehung und für das, was sie mir, auch menschlich, schenkt.
Praxis zwischen Wunsch und Wirklichkeit
Man mag fragen, ob das hier Dargelegte auch so empfunden wird. Sicher nicht von vielen, aber es gibt hoffnungsvolle Anzeichen. Junge Menschen, die ernst machen wollen mit dem Glauben, finden häufig neu einen Zugang zum Bußsakrament. Sie kennen nicht mehr das, was der älteren Generation „die Beichte“ verleidet hat, sie entdecken das „Sakrament der Versöhnung“.
Soll eine Erneuerung des Bußsakraments gelingen, so braucht es Priester, die es hilfreich zu spenden vermögen. Es braucht Priester, die um den heutigen Menschen wissen – und um sich selbst. Es werden Priester sein, die sich geistlich und menschlich, emotional und intellektuell um Wachstum bemühen. Vor allem aber werden es Priester sein, die selbst das Versöhnungssakrament schätzen und regelmäßig empfangen. Solche Priester werden gerne Beichte hören. Dazu werden sie im Beichtstuhl oder im Beichtzimmer anwesend sein, zu festen Zeiten, immer wieder, auch wenn niemand kommt. Sie werden wissen, dass der Hinweis im Pfarrbrief „Beichte nach telefonischer Vereinbarung“ für manch einen eine zu hohe Schwelle darstellt. Solche Priester werden angesichts von Strukturdebatten und Verwaltungsaufgaben froh sein um die Möglichkeit der „Seelsorge pur“, die im Sakrament der Versöhnung gegeben ist. Und sie werden wissen, nein, sie werden erfahren, dass Seelsorge den Seelsorger heiligt. Es kann nicht unbeeindruckt lassen, Menschen in ihrem Ringen und Suchen, in ihrem Gelingen und Versagen, in ihrem Mühen und ihrer Sensibilität für eigene Fehler beizustehen.
Wäre es nicht an der Zeit, wieder vom Bußsakrament zu sprechen? Werbend und einladend, menschlich und positiv, in Predigt und Erwachsenenbildung? Wir haben einen Schatz, vergraben wir ihn nicht!