Faszination Franziskus

04. Oktober 2026 | von

Wozu sein Leben heutige Menschen ermutigt – mit dieser Frage beschäftigt sich unser langjähriger Autor, der am 3./4. Oktober mit der gesamten franziskanischen Familie die Erinnerung an den Tod des Ordensgründers vor genau 800 Jahren begeht. 

Prophetische Menschen sprechen in die Zukunft. Sie tun es als „Kinder ihrer Zeit“ und ermutigen weit über ihre Epoche hinaus. Franz von Assisi tut es wie nur wenige Menschen aus dem Mittelalter. Hildegard von Bingen (1098-1179) ist eine visionäre Gestalt der lateinischen Christenheit. Sie wurde 2012 zur Kirchenlehrerin ernannt, weil ihre Visionen von der Ganzheit der Schöpfung eindringlich in die Gegenwart sprechen. Muhammad (570-632) ist seit 1400 Jahren der Prophet schlechthin der islamischen Welt. Ibn Arabi (1165–1240) zählt zu den einflussreichsten Mystikern und Schriftstellern der islamischen Geschichte. Im Sufismus als „der größte Meister“ verehrt, reicht der Einfluss seiner religiösen Universalität bis zu Goethe. Der jüdische Arzt und Universalgelehrte Moses Ben Maimon (1138-1204) prägt mit seiner Mischne Tora das jüdische Recht bis in die Gegenwart und wies auch der christlichen Theologie eine Brücke zu Aristoteles. Bruder Franz jedoch ist heute bei Menschen aller Religionen und selbst bei Unreligiösen beliebt, was Johannes Paul II. dazu bewegte, die großen Kirchen und Religionen 1986 zu einem ersten Friedenstreffens nach Assisi einzuladen: Franziskus sei „ein einzigartiger Prophet des Friedens“, der „nicht nur von Christinnen und Christen geliebt wird, sondern auch von vielen anderen Glaubenden und von Menschen, die sich fern der Religion in seinen Idealen der Gerechtigkeit, der Versöhnung und des Friedens wiedererkennen“.

Ein prophetischer Bruder
Papst Franziskus ließ vielfältig erkennen, warum sein Vorbild aus Assisi prophetisch in die heutige Welt spricht: ein Menschen- und Gottesfreund, der das Evangelium mit Freude lebte, die gesellschaftliche Realität an der Seite der Ärmsten betrachtete, seine Kirche mit einer geschwisterlichen Vision herausforderte, mit beherzten Friedensmissionen in politische Konflikte eingriff, von der Weisheit anderer Religionen lernte, die ganze Menschheit als Familie betrachtete und nicht nur das Lied des Lebens auf die Schöpfung sang, sondern mit „Mutter Erde“ und allen Lebewesen auch sorgsam umging. Dabei machte der Papst deutlich, dass der Poverello keine Rezepte für unser Leben heute liefert. Franz verweist vielmehr auf Grundhaltungen, die sowohl das persönliche und das gemeinsame Leben wie auch das gesellschaftliche und das globale Zusammenspiel in der Welt gelingen lassen: Ein Vermächtnis in eine Gegenwart, deren Glücksuche sich erschreckend individualistisch zeigt und deren Miteinander sich national und international gefährlich polarisiert.

Vier Formen der Liebe
Die beiden franziskanischen Enzykliken „Laudato si‘“ und „Fratelli tutti“ interpretieren die universal geschwisterliche Vision des Bruders aus Assisi in die ökologische Gefährdung, die soziale Schieflage und die politischen Herausforderungen der Welt. Sie tun es ebenso konkret wie grundlegend. In der Einleitung seiner Mitwelt-Enzyklika fasst der brüderliche Papst in zwei dichten Sätzen zusammen, was ihn an Franz von Assisi grundlegend inspiriert: „Franz von Assisi war ein Mystiker und ein Pilger, der in Einfachheit und in einer wunderbaren Harmonie mit Gott, mit den anderen, mit der Natur und mit sich selbst lebte. An ihm wird man gewahr, bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind“ (LS 10). Die vier Formen der Harmonie lassen sich in vier Begriffe fassen: Gottesfreundschaft, Menschenliebe, Schöpfungsliebe und Selbstliebe.
Franz von Assisi lernte diese vier Formen der Liebe in seinem Leben ganzheitlich zu verbinden. Der Akzent dieser Feststellung liegt auf Ganzheitlichkeit und Lernen, denn kein Mensch ist in allem und von Anfang an Vorbild.

Nobody is perfect
Moderne Menschen finden das Asketische an Franz wenig nachahmenswert. Dass eine gesunde Selbstliebe erst in reifen Jahren zur ganzen Sorgsamkeit findet, gehört mit zum Vermächtnis des Poverello. Dass der junge Franz sich als Bruder bei erotischen Fantasien im Schnee wälzte oder in ein Dornengestrüpp warf, lässt vermuten, dass sich der frühere Lebemensch nach dem Bruch mit der Stadt von seiner vitalen Sexualität überfordert sah. Die damalige Kirche lehrte, sexuellen Versuchungen mit harter Askese zu begegnen. Der reife Mystiker wird seinem „Bruder Leib“ in den letzten Jahren liebevoll begegnen, wie erstaunliche Aussagen in seinen Schriften zeigen. So sieht die Brüderregel von 1221 im Widerspruch zu damaligen Moralisten im Körper ein Geschenk des Schöpfers (FQ 92). Da Gott im Leib aller Gläubigen Wohnung nimmt, verdient dieser Respekt und Sorge (FQ 132). Klara wird hinzufügen: „mehr als jedes andere Geschöpf“ (KQ 33). Den leibfeindlichen Dualismus der Katharer verwirft der Sonnengesang, der die Schöpfung in ihrer geschwisterlichen Ganzheit besingt: Mit seinen 33 Versen erinnert das Lied daran, dass Christus selbst mit Leib und Seele in dieser Welt lebte (FQ 40-41). Dem asketischen Fasten der Mönche begegnet Franziskus mit der Freiheit des Evangeliums: Die Brüder sollen jederzeit und überall essen, was Menschen ihnen anbieten (FQ 81 und 96-97). In Greccio feiert er Gottes „Menschwerdung im Fleische“ mit allen Sinnen. Der Biograf zitiert einen Franz, der auf Teresa de Avila vorausweist: „Für Bruder Leib muss man mit Klugheit sorgen... Damit es ihm nicht zu viel wird, zu wachen und im Gebet zu verharren“ (FQ 371). Als Geschöpf ist der Mensch zur Gottesfreundschaft berufen. Dabei wird der Leib zur vertrauten Kammer, in dem die Seele lebt und meditiert (FQ 1191). Vergänglich und verletzlich, ist der Körper das Zelt der Seele (FQ 772) und das Kleid des Geistes (FQ 1308), solange der Mensch Pilger und Gast auf Erden ist (FQ 61). Der aufmerksame Blick in die Quellen korrigiert das verbreitete Bild eines leibfeindlichen Asketen: Der Heilige erweist sich auch mit Blick auf seine Selbstliebe als lernfähig. Auch Lernprozesse wirken ermutigend: Wir alle lernen aus Erfahrungen und kommen nicht selten durch Irrtum und Fehlhaltungen zu tieferer Einsicht.

Geschwisterlich ohne Grenzen
Doch was macht Franz von Assisi zum Propheten, in dessen Stadt sich seit 1986 die Religionen der Welt und die bedeutenden Kirchen zu ihren Friedensgebeten für die Menschheit treffen? Was bewegte den WWF ebenfalls 1986, das erste Vierteljahrhundert seines Bestehens mit dem heutigen König Charles III. in Assisis Franziskuskirche zu feiern? Warum fällt der Welttiertag bereits seit 1931 auf das Franziskusfest? Wie kommt es, dass das amerikanische Time Magazin Franziskus 1992 an die erste Stelle der „Millennium Top Ten“ des 2. Jahrtausends setzte, zusammen mit Persönlichkeiten wie Johannes Gutenberg, Michelangelo, Galileo Galilei, Martin Luther, Thomas Jefferson, Wolfgang Amadaeus Mozart und Albert Einstein? Weshalb machte der erste Papst aus Lateinamerika sich den Namen Francesco 2013 zum Programm? Was erklärt die erstaunliche und vielschichtige Fernwirkung einer mittelalterlichen Biografie in der Gegenwart? Franziskus von Rom lieferte uns am Abend seiner Papst- und Namenswahl einen Schlüssel: „cammino della fratellanza“! Der „Weg der Geschwisterlichkeit“ verbindet über alle Grenzen: Ökumenisch werden Kirchen und interreligiös die verschiedenen Religionen untrennbar verbunden, ökologisch werden Tiere und Pflanzen von der Umwelt zur Mitwelt des Menschen, politisch sehen sich Nationalismen und Fremdenfeindlichkeit herausgefordert, wirtschaftlich sind die Güter der Erde für das gute Leben aller einzusetzen, und innerkirchlich werden Klerikalismus und Zentralismus grundlegend in Frage gestellt. 
Tatsächlich knüpfen Papst Franziskus und Großimam Ahmad al-Tayyeb, als Rektor der Al-Azhar-Universität von Kairo Vertreter der höchsten Lehrinstanz im sunnitischen Islam, 2019 an die Friedensmission von Bruder Franz in Ägypten und seine Begegnung mit dem Sultan an, wenn sie genau 800 Jahre später in Abu Dhabi die Erklärung der „Geschwisterlichkeit aller Menschen“ unterzeichnen. Die UNO erklärt den Tag der Unterzeichnung ab 2020 zum Weltgedenktag der universalen „human fraternity“. Franz‘ geschwisterliche Vision, die in Rundbriefen an alle Menschen anklingt, kann in den franziskanischen Enzykliken, in der Erklärung von Abu Dhabi und dem UNO-Gedenktag Religionen und Nationen heute aktualisiert dazu inspirieren, als Menschheits- und Schöpfungsfamilie die Zukunft der Welt gemeinsam zu gestalten.

Vermächtnis in Seligpreisungen
Wenn sich die Religionen und Kirchen in diesem Oktober 2026 erneut in Assisi gemeinsam für eine friedlichere, nachhaltigere und menschlichere Welt einsetzen, haben sie allerdings nicht Texte des Poverello vor Augen, sondern die Botschaft seines Lebens. Auch Scharen junger Leute aus aller Welt, die im Städtchen am Fuß des Monte Subasio dem „menschlichsten aller Heiligen“ nachspüren, lassen sich von seiner gelebten Botschaft ergreifen. In dieser liegt sein existenzielles Vermächtnis. Es fließt in moderne Seligpreisungen ein, die das Ermutigende und Inspirierende am Weg des jungen Kaufmanns und des prophetischen Bruders poetisch fassen:
Selig, die auf der Sonnenseite geboren sind,
eine glückliche Kindheit erleben
und reiche Gaben mit ins Leben bekommen:
Sie werden viel zu teilen haben!
Selig, wer Talente hat,
an sich selbst arbeitet
und in den eigenen Begabungen gefördert wird:
Menschen und Himmel 
werden sich über die Früchte freuen!
Selig, die das Leben genießen dürfen
und die es mit Fantasie geistvoll feiern.
Sie können etwas von Gottes Lebensfreude erahnen,
die allen Menschen „Leben in Fülle“ wünscht.
Selig, die durch Erschütterungen und Krisen wachsen:
Sie werden an Tiefe und Reife gewinnen,
neue Wege entdecken
und andere Menschen in Not begleiten können.
Selig, wer nach Gott fragt 
– und sei es erst nach vielen Jahren.
Er oder sie wird mit Franziskus einen Gott finden,
dessen Liebe geduldig ist, 
der Menschen auch ungefragt begleitet
und der uns findet, bevor wir ihn suchen.
Selig, die über ihren Kreis hinausschauen
und von Menschen ergriffen werden,
die mit leerem Herzen oder leerem Blick im Schatten stehen:
Sie werden schon mit kleinen Schritten Brücken bauen.
Selig, die vorgegebene Lebenspläne in Frage stellen
und mutig der eigenen Sehnsucht folgen:
Sie werden, verstanden oder unverstanden, aufbrechen
und erfahren, wie befreiend und verbindend Menschsein ist.
Selig, die Gottes Spuren ganz unten suchen –
auf unserer Erde, unter den Menschen,
an stillen Orten und mitten in unseren Sorgen:
Sie finden mit Franziskus ein DU, 
das zu echtem Menschsein befreit.
Selig, die sich auf Gott einlassen,
auch wenn der Weg mit ihm ein Abenteuer wird:
Der Menschensohn wird ihre Sorgen teilen, 
ihre Liebe stärken
und ihr Leben „hundertfach“ erfüllen!
Selig, die wie Franz und seine Brüder 
Stadt und Stille verbinden
und ihre steinige Erde vom Himmel berühren lassen:
Sie werden eine Lebensfülle finden, 
wie keine Werbung sie verheißt,
und in eine Liebe wachsen, die auf jeden Menschen zugeht.
Selig, die nur noch einen einzigen Vater kennen
und jede irdische Autorität dem einen Abba unterstellen:
Sie werden auch Mächtigen frei begegnen
und erfahren, dass auf die Sorge des Einen Verlass ist.
Selig, die gemeinsame Wege gehen,
in der eigenen Lebenswelt Geschwister finden
und aus dem Reichtum 
tiefer menschlicher Beziehungen schöpfen:
Sie werden weitergeben, was andere in ihnen entfalten!
Selig, die in Menschen anderen Glaubens 
Gefährtinnen entdecken
und wie Franziskus von der Weisheit 
fremder Weltreligionen lernen.
Sie werden erfahren, dass Gott zu allen Menschen geht
und dass daher niemand aus unserer Hoffnung fällt.
Selig, die in Menschen aus allen Provinzen und Ländern
Schwestern und Brüder erkennen
und auf den Geist vertrauen, der in jedem und jeder wirkt:
Sie werden miteinander feiern am Ziel, das alle vereint.

 

 

Literaturtipp:
Die Inhalte dieses Beitrags werden weiter entfaltet in dem im Juli erschienenen Buch des Autors: 

Niklaus Kuster, Das Vermächtnis des Franz von Assisi. Prophetische Schriften für heute gelesen, Patmos-Verlag, 240 Seiten, gebunden, EUR 24,00 (D), EUR 25,50 (A), CHF 29,20.

Ebenfalls diesen Sommer erschien das Aufstell-Buch:

Niklaus Kuster, Ein Lied auf das Leben. Der Sonnengesang des Franz von Assisi, Verlag Butzon & Bercker, 64 Seiten, EUR 12,95 (D), EUR 14,00 (A), CHF 16,20.

 

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2026
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