Für Geld in den Krieg

09. Juni 2023 | von

Kriege gehören zum traurigen Alltag unserer Welt. Wo man eigentlich nur verlieren kann, machen einige Kasse. Zu ihnen gehört die Gruppe Wagner. Sie steht im Mittelpunkt unseres Beitrags zum Söldnerwesen.

Eine Erfindung der Moderne ist das Geschäftsmodell der Gruppe Wagner, die derzeit in aller Munde ist, nicht. Ganz im Gegenteil. Söldner, also Ausländer, die sich in Dienst nehmen lassen, um für einen fremden Staat gegen Bezahlung militärische Dienste zu leisten, haben eine lange Geschichte. Selbst in der Bibel tauchen sie auf. Im 2. Buch Samuel wird von den „Krethi und Plethi“ berichtet. Sie sind Ausländer und gehören zur Streitmacht von König David. Unter Führung von Benaja bilden sie die Leibwache Davids – und sind die einzigen Truppen, die ihm loyal bleiben, als sich sein Sohn Absalom gegen ihn erhebt.

Weit verbreitet ist das Söldnerwesen in der Antike: Assyrer, Ägypter oder Kelten, niemand kommt ohne bezahlte Ausländer im Kriegsdienst aus. Hannibal (247-183 v. Chr.), der große karthagische Heerführer, der dem Römischen Reich mehrere schwere Niederlagen zufügt, greift im Zweiten Punischen Krieg (218-201 v. Chr.) auf tausende keltische Söldner zurück. Sie bringen ihm zwar letztlich nicht den Sieg, tragen aber als Kern seiner Armee entscheidend mit dazu bei, dass immer wieder Schlachten gegen die Römer gewonnen werden.

Zwischen gut und zweifelhaft

Ein Sprung in der Geschichte führt uns in die Schweiz des 16. Jahrhunderts. Als „Reisläufer“ sind Schweizer Söldner in europäischen Staaten sehr begehrt. Die Fußsoldaten gelten als kampfbereit und einsatzfreudig. Sie dienen sich verschiedenen Herrscherhäusern an und arbeiten „auf eigene Rechnung“. Vielleicht ist es ihr effizienter Ruf, der Papst Julius II. bei den Abgeordneten der Eidgenossenschaft offiziell ansuchen lässt, Reisläufer zum Schutz des Vatikans zur Verfügung zu stellen – der Beginn der bis heute existierenden Schweizer Garde. Am 22. Januar 1506 treffen die ersten Gardisten ein und begründen damit eine jahrhundertelange, wenn auch immer wieder unterbrochene Tradition, die freilich längst den zweifelhaften Rahmen des Söldnertums verlassen hat.

Einen sehr viel schlechteren Ruf haben die Söldner des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Sie gelten – ob zu Recht oder Unrecht sei dahingestellt – als gescheiterte Existenzen: Kriminelle und Ausgestoßene rotten sich zusammen, um nahezu blindlings und ohne Rücksicht auf Verluste zu morden und zu plündern.

Heutige Definition

Die Genfer Konventionen definieren in Artikel 47 Nr. 2 (Zusatzprotokoll über den Schutz der Opfer internationaler bewaffneter Konflikte vom 12. August 1949) Kriterien, die erfüllt sein müssen, dass jemand als Söldner einzustufen ist. Ein Söldner ist:

• wer im Inland oder Ausland zu dem besonderen Zweck angeworben ist, in einem bewaffneten Konflikt zu kämpfen;

• wer tatsächlich unmittelbar an Feindseligkeiten teilnimmt;

• wer an Feindseligkeiten vor allem aus Streben nach persönlichem Gewinn teilnimmt und wer von oder im Namen einer am Konflikt beteiligten Partei tatsächlich die Zusage einer materiellen Vergütung erhalten hat, die wesentlich höher ist als die den Kombattanten der Streitkräfte dieser Partei in vergleichbarem Rang und mit ähnlichen Aufgaben zugesagte oder gezahlte Vergütung;

• wer weder Staatsangehöriger einer am Konflikt beteiligten Partei ist noch in einem von einer am Konflikt beteiligten Partei kontrollierten Gebiet ansässig ist;

• wer nicht Angehöriger der Streitkräfte einer am Konflikt beteiligten Partei ist und

• wer nicht von einem nicht am Konflikt beteiligten Staat in amtlichem Auftrag als Angehöriger seiner Streitkräfte entsandt worden ist.

Die hier festgehaltene Legaldefinition regelt auch, dass ein Söldner „keinen Anspruch auf den Status eines Kombattanten oder eines Kriegsgefangenen“ hat. Das heißt: Gerät ein Söldner in Kriegsgefangenschaft, gilt er als Zivilist, der illegal an Kriegshandlungen beteiligt ist. Er kann entsprechend nationalem Recht mitunter schwer bestraft werden und es droht ihm auch in seinem Heimatland der Verlust der Staatsangehörigkeit.

Renaissance der Söldner

Nachdem das Söldnerwesen mit dem beginnenden 19. Jahrhundert fast vollständig verschwunden war, kehrt es seit 30, 40 Jahren allmählich zurück. In den 1990er Jahren schaute gerade Europa auf eine ziemlich lange Friedensphase zurück. Existierende Spannungen konnten zumeist ohne bewaffnete Eskalation gelöst werden und die Angst vor einer gegenseitigen atomaren Zerstörung tat ihr Übriges. Die Folge: Armeen werden verkleinert, die Bereitschaft zum Dienst an der Waffe sinkt. Mehrere Staaten greifen in diesen Jahren zur Verwaltung von Flughäfen oder Kraftwerken auf private Firmen zurück. Und in diesem Privatisierungstrend entstehen schließlich auch private Sicherheitsfirmen, oft gegründet von ehemaligen Militärangehörigen. Schwerpunktländer sind die USA, Kanada, Australien, Südafrika, Großbritannien und Israel. Gerade bei Einsätzen militärischer Missionen in Afrika werden nun oft diese Söldner geschickt. Sie kommen die Staaten zwar teuer zu stehen, zugleich aber sind sie jederzeit kündbar und stehen viel weniger im öffentlichen Fokus als „normale“ Soldaten. Kommt es zum schlimmsten Fall, nämlich dem Tod im Einsatz, sterben Söldner eher „unauffällig“. Außerdem können sie Dinge tun, die Armeeangehörigen strikt verboten sind: Wenn ein Söldner beispielsweise foltert, ist der Staat als Vertragspartner nur indirekt beteiligt.

Und für die Söldner selbst ist ihr risikofreudiger und oft skrupelloser Einsatz ein lukratives Geschäft: Sie verdienen oft das drei- bis sechsfache ihrer Kollegen im Militär. Noch größer dürften die Profite der „Sicherheitsfirmen“ selbst ausfallen. Eric Prince, Gründer und bis 2009 Geschäftsführer des privaten Sicherheits- und Militärunternehmens Blackwater, heute Academi, sagte bereits vor Jahren ganz unverblümt: „Das hier ist keine patriotische Mission, wir sind hier, um ein großes Geschäft zu machen – und Geld.“ Für seine Dienste im Auftrag der amerikanischen Regierung erhielt Blackwater im Irak über 1,3 Milliarden US-Dollar, bis der Einsatz 2008, ein Jahr nach der Erschießung von 17 irakischen Zivilisten ohne jegliche Vorwarnung durch Blackwater-Söldner, beendet wurde. Die umbenannte Firma ist mittlerweile wieder gut im Geschäft: Der Jahresumsatz liegt bei über einer Milliarde Dollar, und mit dem ehemaligen Justizminister John Ashcroft im Aufsichtsrat ist für beste Kontakte in die Politik gesorgt.

Russische Söldnertruppe

Im von solchen Firmen besonders ungeliebten Licht der Öffentlichkeit steht derzeit die Gruppe Wagner. Sie ist – trotz ihrer (mutmaßlichen) Registrierung als Unternehmen in Argentinien – eng verbunden mit der russischen Regierung, auch wenn diese die Verbindungen erst seit wenigen Monaten nicht mehr aktiv abstreitet.

Zwei zentrale Köpfe sind Dimitri Utkin und Jewgeni Prigoschin. Ersterer stand bis 2013 im Dienst des Militärs bzw. des Geheimnisdiensts und übernahm anschließend das Kommando einer privaten Söldnereinheit. Er ist seit 2016 offiziell „Held des Vaterlandes“ in Russland und fungiert außerdem als Namensgeber: Nach seinem Kampfnamen Wagner – angelehnt an den Komponisten Richard Wagner – ist das „Unternehmen“ benannt. Als öffentliches Gesicht und Leiter der Gruppe Wagner wird derzeit aber vor allem Jewgeni Prigoschin wahrgenommen. „Putins Koch“ wird er genannt, weil sein Catering-Unternehmen über lange Zeit russische Schulen, Kindergärten und die Armee versorgt hat.

Kriegsverbrechen in aller Welt

Bereits 2014 griff Wladimir Putin auf die Wagner-Söldner zurück. Bei der völkerrechtswidrigen Annexion der Halbinsel Krim unterstützten die bezahlten Kräfte prorussische Kämpfer. Schätzungen gehen davon aus, dass die Söldner in rund 30 Ländern aktiv sind – immer dort, wo Russland seine Interessen (oder die von Verbündeten) militärisch verteidigen möchte. Schwerpunkt ist Afrika. Die Länder Mali, Libyen, Sudan, Südsudan, Tschad, Mosambik und die Zentralafrikanische Republik stehen auf der Einsatzliste. Dabei schrecken die Kämpfer vor Kriegsverbrechen nicht zurück. Vom Überfall auf eine Bergarbeitersiedlung in der Zentralafrikanischen Republik berichtet beispielsweise ein Augenzeuge: „Als die Soldaten der Wagner-Gruppe ankamen, begannen sie mit Übergriffen, Tötungen und Plünderungen, wir haben Angst gehabt. Viele fielen ihnen zu Opfer. Es gab Entführungen in den späten Nachtstunden, dann kamen sie zurück, um die Menschen auf offener Straße hinzurichten.“ Beobachter gehen davon aus, dass solche Berichte keine Einzelfälle darstellen. Die skrupellose Brutalität der Gruppe ist berüchtigt.

Vom Gefängnis an die Front

Das macht sich die russische Regierung mittlerweile ganz offen im Ukraine-Krieg zu Nutze. Hier kämpfen Soldaten der nationalen Armee Seite an Seite mit den Söldnern der Wagner-Gruppe. Wie viele es tatsächlich sind, lässt sich schwer beziffern. Die Schätzungen liegen zwischen 8.000 und 50.000 Mann. Seit knapp einem Jahr ist Jewgeni Prigoschin persönlich in die Rekrutierung involviert. Ohne jede Geheimniskrämerei hat er in russischen Gefängnissen nach freiwilligen Kämpfern gesucht. Wladimir Putin hat diese Rekrutierungsmaßnahme aktiv unterstützt: Wer sich nach fünf Minuten Bedenkzeit als Söldner meldete, erhielt die Begnadigung. Die Bedingungen seitens Prigoschin: Der Fronteinsatz dauert mindestens sechs Monate. Wer an der Front den Mut verliert und umkehrt, wird als Fahnenflüchtiger erschossen.

Schätzungen gehen davon aus, dass der Einsatz der Gruppe Wagner im Ukraine-Krieg monatlich etwa 100 Millionen US-Dollar kostet. Westliche Medien berichten in den letzten Wochen verstärkt über Unstimmigkeiten zwischen der russischen Militärführung und Wagner. Kompliziert wird es besonders dort, wo mittlerweile auch Söldner von Gazprom eingesetzt werden. Der russische Energie-Konzern soll nämlich mittlerweile ein eigenes Militärunternehmen gegründet haben. Jewgeni Prigoschin beklagte in der Folge mehrfach, von der Armeeführung nicht genügend Munition geliefert zu bekommen. Aus dem Krieg zurückgezogen hat er sich dennoch nicht, zumal er mittlerweile auch politisch als sehr einflussreich gilt und immer wieder Vermutungen auftauchen, er könne letztlich sogar den russischen Staat kapern.

Rundum-Service

Der deutsche Politikwissenschaftler Andreas Heinemann-Grüder weist darauf hin, dass die Wagner-Gruppe mehr sei als nur eine „Mördertruppe“. Über die Kriegseinsätze hinaus häuft das Unternehmen ein großes Vermögen an. Vor allem in Afrika hat man sich Goldminen und Erdölfelder angeeignet. Der Verkauf von Edelhölzern bringt Geld. Das Kollektiv All Eyes on Wagner, das über die Aktivitäten der Gruppe recherchiert und sie offenlegt, hat herausgefunden, dass die Regierung in der Zentralafrikanischen Republik den russischen Söldnern 187.000 Hektar Land mit uneingeschränktem Abbaurecht überlassen hat. Und obendrein sind die Söldner für ihre Plünderungen bekannt. Diese finanziellen Ressourcen tragen dazu bei, dass Wagner mittlerweile ein „Gesamt-Portfolio“ anbieten kann: Finanzdienstleistungen, PR-Kampagnen, Objekt- und Personenschutz, Logistik, Trollfabriken zur Versorgung sozialer Medien im Westen mit Desinformation – alles, was irgendwie genutzt werden kann, um das Kriegsgeschehen zu beeinflussen.

Sanktionen und wenig Hoffnung

Auch wenn das Söldnerwesen durch die Genfer Konvention möglichst eingedämmt werden soll: Tatsächlich wirkungsvolle Gegenmaßnahmen sind eher selten, zumal auch westliche Nationen in jüngerer Vergangenheit auf private Sicherheitsfirmen zurückgegriffen haben. Seit 2017 steht die Gruppe Wagner immerhin auf der Sanktionsliste der USA; 2021 zog die Europäische Union wegen „schwerer Menschenrechtsverstöße“ nach. Damit sind Vermögenswerte eingefroren, es wurden Einreiseverbote gegen die bekannte Führungsriege verhängt und innerhalb der EU darf das Unternehmen keine Geschäfte mehr machen. Im Januar 2023 verschärften die USA ihre Maßnahmen gegen Prigoschins Söldner: Seitdem sind sie als „transnationale kriminelle Organisation“ eingestuft. Angehörige ukrainischer Kriegsopfer haben eine Zivilklage gegen Wagner eingereicht – Erfolgsaussichten ungewiss. Hoffnungen, dass das moderne Söldnerwesen wieder rasch zu einem Ende findet, sind derzeit jedenfalls eher unbegründet.

Zuletzt aktualisiert: 09. Juni 2023
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