Lieber Bruder Antonius

10. Februar 2020 | von

Lieber Bruder Antonius!

Auch wenn ich nun zu einer Generation gehöre, in der man kaum mehr Briefe schreibt, wähle ich diese Form, um mich dem nächsten Jubiläum anzunähern, das wir feiern: 1220 – Antonius wird Minderbruder. Vor 800 Jahren hat dich die franziskanische Idee angesteckt und bis heute gehörst du wohl zu den Größten, die unser Orden im Lauf seiner langen Geschichte hervorgebracht hat, obwohl es dabei freilich nie darum ging, dass einer dabei groß und bedeutsam wird. Das wurdest du ja vor allem deshalb, weil du dich als Werkzeug in den Dienst Gottes gestellt hast. In seinem Auftrag hast du damals die frohe Botschaft verkündet und Menschen Wege ins Leben aufgezeigt. Bis heute pilgern Menschen in „deine“ Stadt Padua, um an deinem Grab zu beten, um Wunder zu erbitten, um für erhörtes Gebet zu danken. Das hätte alles auch ganz anders kommen können…

 

Du entstammst wohl geordneten Verhältnissen, einer wohlhabenden und einflussreichen Familie in Lissabon. Selbst wenn wir heutigen Menschen meistens froh sind, in unserer Zeit zu leben und nicht im Mittelalter mit seinen Unsicherheiten und Gefährdungen: Du standest auf der Seite des Lebens, auf der man sich um sein tägliches Auskommen keine große Sorgen zu machen brauchte. Deine Lebensverhältnisse waren weniger prekär als vielmehr vorgezeichnet. Und so vermag es kaum zu überraschen, dass du nach dem privilegierten Unterricht an der Kathedralschule in ein Kloster eingetreten bist. Dein Biograf berichtet: „In der Nähe der eingangs erwähnten Stadt erhebt sich ein Kloster des Ordens des heiligen Augustinus, dessen für ihren religiösen Geist berühmte Bewohner dem Herrn im Habit der Regular-Kanoniker dienen. An diesen Ort eilte der Mann Gottes, um die weltlichen Verlockungen zu überwinden, und zog mit demütiger Frömmigkeit den Habit der Regular-Kanoniker an.“

Und ich kann mir vorstellen, wie froh deine Mitbrüder waren, so jemanden wie dich – damals noch Fernando genannt – in ihren Reihen zu haben. Begabt, fleißig, wissbegierig. Doch weil Verwandte und Freunde dich offensichtlich allzu oft besuchen und vom Eigentlichen ablenken, bittest du bald, nach Coimbra in das andere Kanoniker-Kloster deiner Gemeinschaft umziehen zu dürfen. 

Verzeih mir, wenn ich noch einmal deinen Biografen zu Wort kommen lasse, wie er sich beinahe überschlägt im Lob deines Fleißes und deiner Kenntnis der Heiligen Schrift: „Er bildete seinen Geist durch eine große Hingabe zum Studium und übte die Seele durch die Meditation. Tag und Nacht, je nach Möglichkeit: nie unterbrach er die Lektüre der Heiligen Schrift. Beim Lesen der biblischen Texte – er beachtete dabei die historische Wahrheit! – festigte er den Glauben mit allegorischen Vergleichen. Und indem er die Worte der Schrift auf sich selbst bezog, stärkte er seine Verbundenheit durch ein tugendhaftes Leben. Mit unbeschwerter Wissbegierde vertiefte er das Verständnis für den verborgenen Sinn der göttlichen Worte. Durch das Zeugnis der Schrift bewahrte er den Geist vor den Fallen des Irrtums. Und zu diesem Zweck vertiefte er auch das Wissen über die Heiligen durch fleißige Nachforschungen. Und alles, was er las, bewahrte er in seinem Gedächtnis, welches so stark war, dass er nach kurzer Zeit eine derartige Kenntnis der Bibel an den Tag legte, wie es niemand je zu hoffen gewagt hätte.“

Sicher, diese Zeilen wurden geschrieben, nachdem du schon längst als Heiliger verehrt wurdest, und bestimmt gab es auch in deinem Leben Augenblicke, in denen nicht alles so rosig erschien: Aber ich kann mir doch vorstellen, wie geordnet, ruhig, diszipliniert und konzentriert dein Leben verlaufen ist. Ein Leben im Dienst der Gemeinschaft. Papst Benedikt XVI. resümiert diese Jahre mit einem Satz: „Mit Interesse und Eifer widmete Fernando sich dem Studium der Bibel und der Kirchenväter und eignete sich jenes theologische Wissen an, das er dann später in seiner Lehr- und Predigttätigkeit fruchtbringend anwandte.“

 

Dazwischen ist dann aber etwas passiert, was zunächst mit dir gar nichts zu tun hat. In unserem Heiligenkalender werden wir jedes Jahr am 16. Januar daran erinnert, an das Martyrium von Berard und seinen Gefährten. Als „franziskanische Erstlingsmärtyrer“ sind sie in unsere Geschichtsbücher eingegangen. 1219 waren sie nach Spanien gezogen, um unter den Sarazenen zu missionieren. Von dort wurden sie nach Marokko abgeschoben. Aber auch hier zeigte sich nicht der gewünschte missionarische Erfolg. Man schenkt ihnen und ihrer Glaubensbotschaft kein Gehör – ganz im Gegenteil. Die Chronik der Generalminister des Minderbrüderordens berichtet dann zum Ausgang der Geschichte: „Wutentbrannt ließ sie der König wieder vorführen. Gefesselt, barfuß und blutüberströmt wurden die Heiligen unter Schlägen vor den König gezerrt. Als dieser bei ihrem Anblick fand, dass sie unerschüttert an ihrem Glauben festhielten, ließ er einige Frauen kommen – alle übrigen mussten sich entfernen – und sagte dann: ‚Wenn ihr euch zu unserem Glauben bekehrt, gebe ich euch diese Frauen, dazu noch viel Geld, und ihr sollt in meinem Reich hoch angesehen sein.‘

Die seligen Märtyrer aber gaben ihm zur Antwort: ‚Deine Frauen und dein Geld wollen wir nicht. Das verachten wir alles um Christi willen.‘ Da ergriff der König, rasend vor Zorn, einen Säbel, trennte die Heiligen voneinander und spaltete einem nach dem andern den Kopf; dabei zerbrach er drei Säbel. So tötete er sie mit eigener Hand in bestialischer Grausamkeit.“

 

Ich muss gestehen: Ich glaube nicht, dass ich für meinen Glauben sterben möchte. Ich weiß nicht, ob ich bis zum bitteren Ende standhaft bliebe. – Doch aus der Rückschau erkenne ich durchaus: Was aussieht wie ein Scheitern, wie ein plötzliches Ende aller Missionsbemühungen, entpuppt sich langfristig als „Erfolg“. Denn durch das Martyrium von Berard und seinen Geführten wirst du erst so richtig aufmerksam auf die neue Gemeinschaft und offensichtlich bist du bald Feuer und Flamme. Dein Biograf lässt dich erregt ausrufen: „O, dass der Allerhöchste doch auch mich in den Kreis seiner heiligen Märtyrer aufnähme! Wenn doch der Krummsäbel des Henkers auch mich treffen würde, während ich auf den Knien meinen Hals im Namen Jesu hinhalte! Ob ich die Gnade haben werde, das zu erleben? Werde ich einen solch glücklichen Tag genießen dürfen?“

Nun, du wirst nicht als Märtyrer in die Geschichte eingehen. Aber mit dieser Sehnsucht wendest du dich an deinen Oberen in Coimbra. Du möchtest gehen, die Gemeinschaft wechseln. Wo man vielleicht alles schon „in trockenen Tüchern“ geglaubt hat, scheinst du innerlich zu spüren, dass dies noch nicht dein Platz ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass man dich nicht gerne ziehen lässt, dass der Orden vielleicht schon Pläne mit dir gehabt hat. Und sicherlich ist einiges an Enttäuschung dabei, wenn einer plötzlich wieder weg will. Doch dein Oberer wird wohl auch gemerkt haben, dass da nichts mehr zu machen ist, dass du jetzt auf einmal so stark deine Berufung gespürt und entdeckt hast, dass dich nichts mehr zurückhält. Jedenfalls: Man lässt dich gehen. Für dich beginnt ein neuer Abschnitt – oder vielleicht besser gesagt: Du scheinst jetzt erst so richtig im Leben anzukommen.

 

Natürlich habe ich dazu noch ein paar Fragen und Bedenken. Ich werde sie dir in meinem nächsten Brief stellen. – Im Augenblick will ich mich aber mit dir freuen, weil ich zumindest ein klein wenig auch 800 Jahre später noch nachempfinden kann, was ein Mensch spürt, wenn er auf einmal ganz nah dran ist an seiner Sehnsucht. Irgendwie freue ich mich mit über diesen Augenblick in deinem Leben, wo du offensichtlich sagen konntest: Das ist es, das will ich! Oder vielmehr: Das ist es, was Gott wirklich von mir will. Und mir fällt ein Zitat ein, das ich vor vielen Jahren in einem Text des Päpstlichen Werks für geistliche Berufe gefunden habe: „Die Berufung ist der vorhersehende Gedanke des Schöpfers über das jeweilige Geschöpf, sie ist sein Idealplan, ist wie ein Traum, der Gott am Herzen liegt, weil ihm das Geschöpf am Herzen liegt. Gott, der Vater, will diesen Plan unterschiedlich und spezifisch für jedes Leben.“

 

Mit dieser Freude grüße ich dich ganz herzlich – bis zum nächsten Mal!

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2020
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