Influencer für den Herrn

13. Januar 2026 | von

Influencer machen im Internet Werbung für Kosmetik, Klamotten, Reisen und vieles mehr. Zu ihnen haben sich mittlerweile auch „Christfluencer“ gestellt – zumeist jüngere Menschen, die von ihrem Glauben an Jesus berichten. Unser „Thema des Monats“ nähert sich ihnen an. 

Ein Gespräch mit Gemeindemitgliedern vor einigen Jahren: Diskutiert wurde die Frage, wie die Kirche wieder voller wird, wie sich wieder mehr Menschen bei den Ministranten, im Pfarrgemeinderat und im Kirchenchor engagieren, wie wir mehr Menschen für den lieben Gott gewinnen können. Wie können wir Menschen erreichen, die entweder nicht mehr kommen – oder noch gar nie gekommen sind? Ein wirkliches Rezept mit Erfolgsgarantie konnte ich da natürlich auch nicht liefern. Doch dann habe ich etwas vorgeschlagen, was in einigen Pfarreien durchaus praktiziert wird: „Wir könnten Menschen, die neu in unseren Ort ziehen, zu Hause besuchen, sie herzlich willkommen heißen und dabei auf die Angebote der Kirche aufmerksam machen.“ Das übliche Gegenargument, dass man ja keine Meldedaten bekommt und also gar nicht wissen kann, wer Neubürger ist, konnte ich rasch entkräften: Im Dorf kriegt jeder doch ziemlich alles mit. Wirklich begeistern konnte ich schlussendlich aber niemanden. „Wir können doch nicht einfach dahin gehen und klingeln!“ war schließlich das Totschlagargument des kleinen missionarischen Versuchs. Und vielleicht hatte ja manch einer auch aufdringliche Sektenvertreter im Kopf, die sich an der Haustüre oft nur schwer wieder abschütteln lassen. Schon irgendwie verständlich …

Missionarische Vorbilder
Dieses Gespräch hat mir aber auch deutlich gemacht: Sobald der Auftrag zur Mission konkret wird, sobald es um Glauben außerhalb des Kirchenraums und des gewohnten Gemeindelebens geht, tun wir uns oft schwer. Wir scheinen weit entfernt vom Missionseifer des Apostels Paulus, der im 1. Korintherbrief begründet, warum er das Evangelium verkündet: Ein Zwang liege auf ihm. „Weh mir“, ruft er dann sogar aus, „weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (vgl. 1 Kor 9,16).
Viele eifern ihm im Lauf der Kirchengeschichte nach, nicht zuletzt der hl. Franziskus von Assisi. Er schickt seine Brüder zu zweien aus in alle Himmelsrichtungen, um Zeugnis für ihren Glauben abzulegen. Im „Missionsstatut“ seiner Nicht-bullierten Regel schreibt er seinen Brüdern ins Stammbuch: „Die Brüder, die dann hinausziehen, können in zweifacher Weise unter ihnen geistlich wandeln. Eine Art besteht darin, dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind.“ Am wichtigsten ist ihm das überzeugende, ansteckende Leben der christlichen Gebote. Die klassische Predigt rangiert erst an zweiter Stelle: „Die andere Art ist die, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden, damit jene an den allmächtigen Gott glauben, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer aller Dinge, an den Sohn, den Erlöser und Retter, und sich taufen lassen und Christen werden; denn wer nicht wiedergeboren wird aus Wasser und Heiligem Geist, kann nicht in das Reich Gottes eingehen.“ (vgl. NbR 16)

Digital unterwegs
Das letzte Ordentliche Generalkapitel unserer Gemeinschaft hat sich vergangenen Juni mit der Mission in unseren Tagen beschäftigt. Da ging es um die „klassische“ Mission, also den Versuch, den christlichen Glauben in Länder zu bringen, wo Jesus im Augenblick nicht bekannt ist oder wo es kein kirchliches Netzwerk und keine gemeindliche Struktur gibt. Das Kapitel hat in einem Beschluss aber auch der Leitung des Ordens aufgetragen, „die Brüder darauf vorzubereiten, die Mission auf dem ‚8. Kontinent‘ zu übernehmen“. Gemeint sind damit „digitale Missionare“, die auf YouTube, Facebook, Instagram, TikTok und Co. den Glauben verkünden und dabei ganz neue Zielgruppen erreichen. Einige Brüder und Provinzen sind recht engagiert auf diesem Gebiet. Seit Jahren erreichen unsere amerikanischen Brüder neue Postulanten vor allem über ihre Präsenz im Internet. In Kroatien ist ein Bruder sehr aktiv in der Studentenpastoral, und damit verbunden auch in den sozialen Medien. In der Provinz Indien gibt es einige eigens ausgebildete Brüder im Bereich von Medien und Kommunikation, die einen professionellen Instagram-Account betreuen. Ja, es gibt sie auch bei uns, die „digitalen Missionare“!

Christliche Werte online
In Reichweite und öffentlicher Aufmerksamkeit bleiben sie aber weit hinter dem zurück, was den sogenannten „Christfluencern“ gelingt. Das sind christliche Influencerinnen und Influencer, also Menschen, die über Social Media viele andere erreichen und dort durch ihre Präsenz, ihren Lebensstil oder ihre Botschaften Einfluss ausüben. Sie nutzen die bereits erwähnten Plattformen, um ihren Glauben sichtbar zu leben und darüber ins Gespräch zu kommen. Ihre Inhalte reichen von kurzen Impulsen und Gebeten bis hin zu Erklärvideos zu Bibelstellen oder Einblicken in ihr christliches Alltagsleben. Ziel ist es, auf authentische Weise Glauben erfahrbar zu machen, zu inspirieren und eine positive christliche Präsenz im digitalen Raum zu schaffen. Hunderttausende folgen ihnen und ihren Inhalten. 
In Deutschland gehören Jasmin Friesen mit ihrem Account „Liebe zur Bibel“ und Jana Highholder, die ihren YouTube-Kanal von 2018 bis 2020 sogar im Auftrag der Evangelischen Kirche betrieb, zu den bekanntesten Vertreterinnen. Sie kombinieren evangelikal geprägten Glauben mit einem streng konservativen Weltbild. Sie propagieren Keuschheit vor der Ehe, klare Geschlechterrollen, die Unterordnung der Frau und lehnen Sex vor der Ehe, LGBTQ-Rechte, Feminismus und Abtreibung strikt ab.

Besonderer Stil
Die Christfluencerinnen wissen, wie sie ihre Botschaften möglichst attraktiv verpacken können. Wo nur wenige Sekunden darüber entscheiden, ob man ein Video im Netz weiter anschaut oder eben zum nächsten weiter klickt, ist für Langeweile oder komplexe, komplizierte Zusammenhänge kein Platz. Friesen, Highholder und Co. beginnen mit Alltagsszenen, Stylingtipps oder persönlichen Einblicken und führen ihre Follower dabei schrittweise zu religiösen oder politischen Positionen. Der Religionssoziologe Gert Pickel von der Universität Leipzig bezeichnet diese Verbindung aus Identifikation und Ideologisierung als „subtil und manipulativ“.
Ein Gefühl von Nähe – „Ich bin wie ihr“ – wird verknüpft mit moralischen Positionen. Zwischen Alltagsgeschichten und Make-up-Tipps vermitteln Christfluencerinnen biblische Grundsätze, warnen vor Versuchungen und äußern Kritik an liberaleren Strömungen innerhalb des Christentums. Dabei betonen sie Gehorsam, Reinheit und ein striktes Regelwerk, verpackt in moderne Ästhetik, kurze Bibelverse und soziale Medienformate. Durch diese Kombination wirken die Inhalte authentisch, emotional ansprechend und erreichen ein großes Publikum. Ihr Stil ist oft vereinfachend, dogmatisch und stark auf emotionale Wirkung ausgerichtet – eine Vorgehensweise, die in sozialen Netzwerken besonders gut funktioniert.

Wortwörtliches Bibelverständnis
Müssten die Kirchen nicht dankbar sein, wenn Bibel und christliche Werte auf diese Weise auf ein großes, sonst oft nicht mehr zu erreichendes Publikum treffen?
Der evangelische Theologe Martin Fritz, der sich intensiv mit dem Engagement von Christfluencern beschäftigt hat, stellt dazu fest: „Häufig werden Bibelstellen wortwörtlich ausgelegt und nicht in einen historischen Kontext gestellt.“ – eine Art von Exegese, die im kirchlichen Bereich längst und mit guten Gründen überwunden ist. Trotzdem würden fundamentale Christen – und einige Christfluencer – ihr Leben und Handeln strikt und wörtlich an die Weltansichten anpassen, die in der Bibel stehen. In der Antike sei die Unterordnung der Frau nichts Besonderes – solche Vorstellungen würden dann direkt übertragen in die Gegenwart. Als die eine Wahrheit gelte dabei, was in der Bibel steht. Und nach dieser Wahrheit müsse gelebt werden. Zeitgenössische Perspektiven und aktuelle Einsichten, so der Theologe Fritz, finden dann nur wenig Beachtung: Reibungen, die angesichts der vertretenen Glaubenseinstellungen mit der Lebensrealität der Influencer, Gläubigen und User entstehen, würden ignoriert.

Nähe zur Rechten
Erschwerend kommt hinzu, dass Christfluencer immer häufiger in der Nähe der politischen Rechten zu finden sind. Sie inszenieren sich als Opfer und Märtyrer und nutzen rechtspopulistische Muster. Gert Pickel warnt vor einer gefährlichen Verbindung von „fundamentalistischem Christentum“ mit „rechts bis rechtsextrem ausgerichteten politischen Haltungen“. 
Jasmin Friesen und Jana Highholder würden sich gegen solche Beobachtungen wohl wehren. In ihrem gemeinsamen Podcast „In Zeiten wie diesen“, wo sie Themen behandeln wie „Warum ‚Unterordnung‘ nicht aus dem Kontext gerissen ist“, „Wie unseriös möchte das (sic!) ZDF sein?“ oder „Warum wir lieber Atheisten wären als ‚liberal gläubig‘“, stellen sie fest: „Unsere Agenda ist nicht: Wir machen jetzt Politik auf Instagram. Wir lieben halt Jesus, wir lieben das Wort Gottes und wir sehen die Gesellschaft, wohin sie sich transformiert. Wir wollen unsere Kinder aufwachsen sehen in einem gesunden Deutschland. Und da ist es natürlich auch wichtig, das über Menschen auszusprechen, was Gott über Menschen ausspricht. So, und das macht es dann leider auch schon politisch.“ Die Deutungshoheit darüber, was ein „gesundes Deutschland“ ist, beanspruchen dabei offensichtlich die beiden selbst, gestützt auf häufig umstrittene Bibelauslegungen und simplifizierte Moralvorstellungen. Die evangelische Pfarrerin Hanna Jacobs nannte Jana Highholder denn auch ein „trojanisches Pferd“, das „biblizistische und evangelikale Positionen“ propagiere. Kira Beer hingegen, selbst christliche Influencerin, sieht bei ihren „Kolleginnen“ keine radikalisierten Positionen, sondern lediglich einen radikalisierten Willen, „diese offensiv zu vertreten“.

Neue Möglichkeiten …
Trotz aller Kritik eröffnen Christfluencer auch neue Möglichkeiten für die Kirche. Viele junge Menschen, die sonst kaum Kontakt zum Glauben haben, werden so mitunter erstmals auf christliche Inhalte aufmerksam. Kurze Videos, Livestreams von Gebeten oder persönliche Erfahrungsberichte machen Spiritualität erlebbar und zugänglich – und zwar in einer Form, die ihrem Alltag entspricht. Die Interaktivität der Plattformen erlaubt zudem Dialog: Fragen, Kommentare oder virtuelle Gebetsrunden schaffen Austausch und Nähe, der in klassischen Gemeindestrukturen oft schwer umsetzbar ist.
Vielleicht könnte sich das eine oder andere „traditionelle“ Gemeindemitglied von dieser Form der Evangelisierung und Mission anstecken lassen – und sich ermutigt fühlen, den eigenen Glauben ein wenig mutiger mit anderen zu teilen. 

… und Spannungsfelder
Gleichzeitig wirft diese Entwicklung neue Fragen auf. Wie kann ein authentisches Glaubenszeugnis gelingen, ohne dass es in Selbstdarstellung oder Ideologisierung abrutscht? Wie können theologische Tiefe, kirchliche Einordnung und geistliche Begleitung gewährleistet werden, wenn Millionen Menschen die Inhalte konsumieren, ohne dass persönliche Seelsorge greifbar ist? Diese Fragen betreffen nicht nur die Influencerinnen selbst, sondern auch die Kirche, die das Potenzial digitaler Mission reflektieren und begleiten muss.
Ein weiteres Spannungsfeld ergibt sich aus der schnellen Dynamik sozialer Netzwerke. Reichweite entsteht oft durch Emotionalisierung und Vereinfachung komplexer Themen. Wer sich an diesen Mechanismen orientiert, läuft Gefahr, polarisierend zu wirken oder ethische Grenzen zu überschreiten. Gleichzeitig zeigt sich, dass junge Menschen gerade diese Form der Ansprache als niedrigschwellig und inspirierend empfinden. Die Herausforderung besteht darin, Glauben modern, authentisch und zugleich theologisch fundiert zu vermitteln – ein Balanceakt, den sowohl die Christfluencer als auch die Kirche meistern müssen.

Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2026
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