Mit einer Mission in Kenia

09. Februar 2026 | von

Einen touristischen Anlass hatte die Reise unseres Autors zwar nicht, doch nach der Andeutung in der Januar-Ausgabe folgt hier nun ein ausführlicherer Bericht: Br. Andreas gibt einen Einblick in die Präsenz der Franziskaner-Minoriten in Kenia, die er aus einem ganz bestimmten Grund besucht hat.

Beim Ordentlichen Generalkapitel, das wir Franziskaner-Minoriten im Juni letzten Jahres in Rom gefeiert haben, bin ich als teilnehmender Vertreter der deutschen Ordensprovinz wohl unter anderem dadurch aufgefallen, dass ich mich besonders für das Thema Safeguarding stark gemacht habe. Die Missbrauchsfälle im Bereich der deutschen Provinz in den vergangenen Jahrzehnten haben mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt und ich fühle daraus – zusammen mit meinen Brüdern – eine unbedingte Verpflichtung, mich intensiv für Prävention einzusetzen: Solche Verbrechen dürfen nicht mehr geschehen! Als franziskanische Menschen müssen wir uns in der Tradition christlicher Nächstenliebe dafür einsetzen, dass gerade die Kleinen und Schwachen geschützt sind.

Als mich der ebenfalls beim Generalkapitel anwesende Br. Hillary Raduk, Provinzialminister in Kenia, ansprach, ob ich bereit wäre, in seine Heimat zu kommen, um eine Fortbildung zum Thema Safeguarding zu halten, war ich erst unsicher, ob er das denn ernst meinen würde. Ein paar Tage später wiederholte er seine Frage und ich sagte zu. Anfang Dezember 2025 war es dann so weit und Br. Hillary erwartete mich am Flughafen in Nairobi, Kenias Hauptstadt.

Ein Anfang und seine Folgen

Dass wir Franziskaner-Minoriten überhaupt in Kenia sind, geht eigentlich zurück auf die Heiligsprechung von P. Maximilian M. Kolbe. Zum Dank dafür entschied sich die Warschauer Provinz, eine Mission in Ostafrika zu übernehmen. 1984 kamen die ersten drei Brüder in Kenia an und übernahmen eine Pfarrei in der Diözese von Meru. Ruiri gilt seitdem als „Mutterhaus“ der mittlerweile zur Provinz erhobenen Präsenz der Brüder in Kenia. An dieser Erfolgsgeschichte haben die Brüder der Warschauer Provinz als „Gründungsväter“, und ab 1986 die Brüder der Danziger Provinz, die die Verantwortung für die Mission in Kenia damals übernommen haben, einen großen Anteil. Über Jahrzehnte haben sie das Leben der Brüder dort geprägt, Klöster entwickelt, Kirchen gebaut und viele Hilfsprojekte gestemmt. Immer noch sind zwei polnische Brüder als Missionare vor Ort. Doch die Provinz ist auch mit einheimischen Brüdern stark gewachsen: Über 60 Brüder mit Feierlicher Profess gehören mittlerweile zu ihr, darüber hinaus etwa 40 Brüder in den verschiedenen Phasen der Ordensausbildung.

Von Nairobi ins Gebirge

Der Sitz der Provinzleitung befindet sich in der über vier Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Kenias, in Nairobi. Die Brüder sind dort in der Pfarrei tätig und betreuen unter anderem auch ein Gotteshaus im benachbarten Slum. Reich und arm liegen hier oft nah beieinander: Hinter dem Elendsviertel zeichnen sich am Horizont die großen Wolkenkratzer der Innenstadt ab. Für mich bleibt während meiner Reise in Nairobi aber nicht viel Zeit, denn gleich am nächsten Tag geht es nach Subukia – und wir machen uns auf den 200 Kilometer langen Weg, für den wir mit dem Auto gut vier Stunden brauchen. Ich staune nach meiner Erfahrung in Sambia vor einigen Monaten: Die Straßen sind in einem ziemlich guten Zustand, auch wenn die Brüder beim Fahren doch so einige Male ins Schimpfen kommen. Angesichts vieler Schlaglöcher und Lastwagen, die nur schwer zu überholen sind: kein Wunder! Die kenianische Straßenbaubehörde scheint auch eine Vorliebe für „bumps“ zu haben. Es vergeht kein Kilometer Straße, da man nicht abbremsen müsste, um dann bei reduzierter Geschwindigkeit das Auto über den nächsten „schlafenden Polizisten“ zu bewegen.

Auf der Fahrt erzählt mir Br. Hillary, wie die Minoriten damals nach Subukia gekommen sind. Die Geschichte des Wallfahrtsorts geht zurück auf das Jahr 1984 – just das Jahr, in dem die Brüder nach Kenia kamen. Damals wurden zwischen August und September Marienerscheinungen beobachtet. 1985 wurde deshalb eine kleine Kapelle errichtet und der vor Ort zuständige Pfarrer ließ eine Marienfigur aus Irland aufstellen. Noch im gleichen Jahr kam Papst Johannes Paul II. zu Besuch – doch so richtig hat man es nicht geschafft, den Wallfahrtsort in Schwung zu bringen. Das ändert sich dann, so berichtet Br. Hillary durchaus mit gewissem Stolz, als im Oktober 2006 die Franziskaner-Minoriten die Seelsorge übernehmen.

Ein blühender Wallfahrtsort

Als wir in Subukia ankommen, staune ich: Wir müssen ziemlich den Berg hoch und es ist hier oben deutlich kälter, vor allem am Abend und nachts. Aber mehr noch fällt mir die große Kirche auf, die die Brüder gebaut haben, und die immer noch nicht ganz fertig ist. Sie hat eine Kapazität von 5.500 Menschen! Wir passieren das Klostergebäude, um schließlich im Bildungshaus der Brüder anzukommen. In diesem Haus mit 50 Gästezimmern wird unsere gemeinsame Fortbildung stattfinden. Beim Abendessen erzählen mir die Brüder, dass auf dem Gelände auch noch ein Gebäude für Postulanten liegt, außerdem ein großer Bauernhof mit 50 Kühen. Jüngst wurden einige Andenkenläden und ein kleines Bistro gebaut. Man spürt: Die Brüder haben hier wirklich etwas in die Hand genommen – mit Spenden aus Europa. Aber sie erzählen auch, wie sehr die Menschen vor Ort Wert darauf legen, dass sie auch selbst ihren Beitrag leisten. Und tatsächlich sind überall Spendenaufrufe zu sehen: Mit einer Nachricht per Mobiltelefon an eine bestimmte Nummer unterstützt man zum Beispiel den Weiterbau der Kirche.

Mit Ernst bei der Sache

Sehr dankbar bin ich für die Atmosphäre während der Fortbildung. Das Thema „Sexualität“ mit seinen verschiedenen Facetten ist ja in Afrika noch weit mehr tabuisiert als in Europa – und gerade wenn die Rede auf das Thema „Homosexualität“ kommt, wird es reichlich mühsam. Doch die allermeisten Brüder haben ein klares Bewusstsein für die Notwendigkeit, sich mit dem Thema „Missbrauch“ zu befassen, und sich auf klare Leitlinien zu verständigen: Was muss getan werden, damit Menschen im Bereich der Kirche geschützt sind? Und als schließlich beschlossen wird, die Pausen abzukürzen, damit wir mehr Zeit für die vorbereiteten Inhalte und Diskussionen untereinander haben, legt sich allmählich auch meine Nervosität. – Und dass die Brüder wirklich über das Thema ins Nachdenken kommen, merke ich spätestens am Tag vor meiner Abreise, als ich noch zu den studierenden Brüdern eingeladen bin, um dort einen Vortrag zu halten: zwei Stunden lang konzentriertes Arbeiten rund um Safeguarding.

Im Dienst der Gesundheit

Für die Rückreise nach Nairobi ist ein Umweg geplant. Br. Hillary möchte mir den Konvent in Ruiri zeigen. Ruiri ist mir seit vielen Jahren ein Begriff. In meinem Computer befindet sich noch ein Faltblatt aus dem Jahr 2018. Damals haben wir im Bildungshaus Kloster Schwarzenberg Spenden gesammelt, um die Brüder in Kenia zu unterstützen. Als ich mir den Text noch einmal durchlese, erinnere ich mich, was uns Brüder damals bewogen hat, unserer kenianischen Gemeinschaft zu helfen: Die Pfarrei hat sich in den letzten Jahrzehnten gut entwickelt und neben der Pastoral engagieren sich die Brüder auch in der Gesundheitsfürsorge mit ihrem Ruiri Catholic Mission Health Centre unter dem Patronat des mittlerweile heiliggesprochenen Papstes Johannes Paul II. Allerdings, so ist auf dem alten Faltblatt zu lesen: „In und um Ruiri ist die Arbeitslosigkeit hoch. Viele Menschen können sich schlicht die Fahrtkosten zum Krankenhaus nicht leisten. Andere Menschen sind alt und besonders während der Regenperiode auf aufsuchende Pflege angewiesen. Hier bemühen sich die Brüder, vor Ort zu helfen. Ein kleines medizinisches Zentrum bietet Hilfe für Notfälle – auch für schwangere Frauen, die ihr Kind zur Welt bringen. Wegen der zwar mittlerweile verbotenen, aber immer noch teilweise praktizierten Genitalverstümmelung bei Frauen kommt es hier oft zu dramatischen Szenen. Um das Leben von Mutter und Kind zu retten, ist nicht selten ein sofortiger Transport ins nächste Krankenhaus notwendig.“ Die Spenden für den so dringend notwendigen Krankenwagen hatten wir damals schnell beisammen, und es hat mich bei meinem Besuch vor Ort gefreut, zu sehen, dass er weiterhin im Einsatz ist und den Menschen ganz konkret zu Hilfe kommt. Denn das Land hat sich in den letzten Jahren zwar gut entwickelt, aber ein eigenes Auto ist für viele arme Familien immer noch ein ferner Wunschtraum. Für eine schnelle Fahrt ins Krankenhaus ist man deshalb auf Hilfe angewiesen.

Expansionspläne

Br. Gifton Kiwo Mbaya ist nicht nur Mitglied der kenianischen Provinzleitung, sondern auch der zuständige Verwalter des Health Centre. Er ist einer der Brüder, wo man sofort spüren darf: Er weiß, was er will, und er setzt sich zielstrebig dafür ein, dass sich etwas entwickelt.

Unseren Rundgang durch das Krankenhaus beginnen wir beim Labor. Für wenig Geld kann man hier Zuckerwert und Cholesterin bestimmen lassen. Teuer darf die medizinische Hilfe auch nicht sein, denn eine Krankenversicherung können sich viele gar nicht leisten. Da mein Besuch auf den kenianischen Nationalfeiertag fehlt, ist nur ganz wenig Personal im Haus. Der Physiotherapeut richtet beim Rundgang gerade seine Liege und wartet auf den nächsten Patienten. Das Behandlungszimmer des Zahnarztes ist an diesem Tag aber verwaist: keine Sprechstunde. Br. Gifton bietet mir eine Gratisbehandlung an, die ich aber dankend ablehne, obwohl die Einrichtung der Praxis einen durchaus vertrauenserweckenden Eindruck macht …

Im ersten Stock des Gesundheitszentrums befinden sich einige frisch renovierte Patientenzimmer, auch wenn aktuell niemand stationär aufgenommen ist. Daneben ist der Kreißsaal zu finden. Außerdem zeigt uns Br. Gifton noch einen Lagerraum mit der kompletten Ausrüstung für einen Operationssaal. Es ist eigentlich alles einsatzbereit. Es fehlt nur noch der Erweiterungsbau, um geeignete Räumlichkeiten zu schaffen. Außerdem braucht es einige Genehmigungen der Regierung, um den OP dann in Betrieb zu nehmen, und von einem Level-3-Krankenhaus ein Level höhergestuft zu werden und somit vor Ort auch kompliziertere Behandlungen durchführen zu können. Die deutsche Ordensprovinz wird dieses Projekt mit 20.000 Euro unterstützen. Meine kritische Nachfrage, ob man denn überhaupt medizinisches Personal finden wird, kann Br. Gifton ebenso rasch wie klar beantworten: „Kein Problem!“ Denn die Arbeitslosigkeit in Kenia ist so hoch, gerade auch bei hochqualifizierten Berufen, dass man offene Stellen ganz schnell besetzen kann.

Hilfe hautnah

Dass das Krankenhaus selbst am Feiertag tatsächlich funktioniert, erlebe ich kurz vor Ende unseres Rundgangs. Am Eingang steht plötzlich eine Frau, die sich notdürftig den Arm verbunden hat. Als ich die Diagnose mitbekomme, staune ich, wie ruhig sie bleibt: Sie wurde vom Hund gebissen und hat gewiss große Schmerzen. Doch sie hat nun durchaus Glück. Denn diese Art von Versorgung kann im Ruiri Health Centre auch jetzt gut gewährleistet werden.

Nicht um medizinische Hilfe, aber um seelsorglichen Beistand geht es in Kathanga, einem Ort gut 50 Kilometer von Ruiri entfernt. Auch dieser Ortsname ist mir ein Begriff, weil ich dorthin eine größere Spende zum Bau eines neuen Klosters vermittelt hatte. Zumindest für einen kurzen Besuch der Baustelle reicht die Zeit. Die Kirche ist schon vor einigen Jahren in Betrieb genommen worden. Aber die Brüder müssen aktuell immer aus der Nachbarstadt hierher pendeln. Sobald wieder Geld vorhanden ist, teilt der Bauleiter mit, könne er das Kloster in zwei bis drei Monaten fertig stellen. Einer der künftigen Bewohner wird mir meinen Besuch vielleicht einmal danken: In einem der Brüderzimmer ist es sehr dunkel und das Fenster an einer denkbar ungünstigen Stelle. Es scheint noch keinem wirklich aufgefallen zu sein und mein Vorschlag, das Fenster doch noch einmal zu versetzen, wird in den Plan für die Abschlussarbeiten aufgenommen.

Glücklicher Abschluss

Zurück in Nairobi naht dann auch der Abschluss meiner kurzen Kenia-Reise. Br. Hillary scheint meinen unausgesprochenen Wunsch zu ahnen. Nicht weit vom Provinzialatshaus ist der Nationalpark von Nairobi. Zumindest ein paar Giraffen will er mir noch zeigen. Ich staune, wie man mitten in der Hauptstadt eine riesengroße Fläche als Nationalpark ausweist und die Tiere dort in ihrer natürlichen Umgebung frei leben. Überhaupt wird der Schutz der wilden Tiere hier im Land großgeschrieben: Das Jagen von Elefanten, Nashörnern und Co. ist strengstens verboten!

Ein Highlight wird dann ganz zum Abschluss noch der Besuch in Limuru, gut eine Stunde von Nairobi entfernt. Hier zeigen mir die Brüder ihre Druckerei, aber vor allem haben wir die Gelegenheit, das Waisenhaus zu besuchen. Polnische Benediktinerinnen kümmern sich liebevoll um bis zu 30 Mädchen. Bis auf die kleine, quirrlige Makena sind alle derzeit bei Verwandten in Ferien. Makena, „die Glückliche“, genießt es offenkundig, die Schwestern ganz für sich zu haben, und hier in der Anlage einen Ort der Geborgenheit genießen zu dürfen. Staatliche Zuschüsse gibt es für das Heim übrigens nicht. Die Brüder haben die Verpflichtung zur Finanzierung übernommen – und leisten damit einen weiteren wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Richtig glücklich nach einer vollen Woche mit zahlreichen Begegnungen fliege ich zurück nach Deutschland. Dankbar bin ich dafür, dass unsere kleine Unterstützung reichlich Früchte trägt – aber vor allem auch dafür, dass der Orden hier wächst und mutig in die Zukunft geht. Davon kann man sich anstecken lassen!

Zuletzt aktualisiert: 09. Februar 2026
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