Wie steht’s um Grönland?

04. März 2026 | von

Das Gleichgewicht der Welt scheint mehr und mehr aus den Fugen zu geraten. Unser „Thema des Monats“ blickt nach Grönland: Wir werfen einen Blick in die Geschichte des Landes, aber vor allem beleuchtet unser Autor die Pläne des aktuellen US-Präsidenten, sich das Territorium einzuverleiben.

An Donald Trump scheiden sich die Geister. Er ist in zweiter Amtszeit Präsident der ältesten kontinuierlich, nämlich seit 1776/1787, bestehenden Demokratie der Welt. Wenn er nicht der mächtigste Mann der Welt ist, dann gehört er doch mindestens in den kleinen Kreis jener, die die Geschicke der Welt maßgeblich mitbestimmen. Seine Entscheidungen können Börsenbeben auslösen, Kriege entscheiden und das Leben von Millionen, wenn nicht gar Milliarden Menschen mehr oder weniger direkt beeinflussen, zum Besseren wie zum Schlechteren. Auch diesseits des Atlantiks hat er mehr Fans und Unterstützer als manch einem lieb ist. Denn andere halten ihn für brandgefährlich. Sie werfen ihm Polarisierung und Spaltung vor, halten ihn für einen maßlosen Selbstdarsteller und respektlosen Egoisten; sie kritisieren seine Politik, die letztlich vor allem die Reichen noch reicher macht und die prekäre Lebenssituation von Migranten und Menschen ohne Ausweispapiere noch weiter verschlimmert; sie sind entsetzt angesichts seiner Vorliebe, Fakten völlig schräg zu seinen Gunsten zu interpretieren – und damit ganz häufig „durchzukommen“. 

Vorrang der Eigeninteressen
Am 3. Januar dieses Jahres haben die Vereinigten Staaten von Amerika auf Befehl von Präsident Donald Trump Venezuela angegriffen. Die militärische Intervention, deren völkerrechtliche Zulässigkeit von vielen Experten deutlich in Frage gestellt wird, zielte darauf ab, den venezolanischen Präsidenten 
Nicolás Maduro und seine Ehefrau zu entführen. Die Regierung Trump wirft ihnen vor, Kopf eines Drogenkartells zu sein. Nicolás Maduro bestreitet diese Vorwürfe vehement und wirft den USA vor, ihren „Krieg gegen Drogen“ als Vorwand zu benutzen, um ihn zu stürzen und sich Venezuelas riesige Öl­reserven anzueignen. 
International wurde das Vorgehen denn auch teils scharf kritisiert; selbst teils jahrzehntelange Partnerländer, stets darauf bedacht, Donald Trump nicht zu verärgern, formulierten ihre Kritik überraschend deutlich. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz konstatierte beispielsweise: „Wir erleben, dass unser wichtigster Verbündeter auf der Welt – und das sind bis heute die Vereinigten Staaten von Amerika – sich abwendet von einer regelbasierten Ordnung.“ Statt sich am Völkerrecht zu orientieren, gehe die Entwicklung der US-Politik „hin zu einer reinen Macht- und interessengeleiteten Politik“. Der Moraltheologe Daniel Bogner, Fribourg, stellt auf ähnlicher Linie fest: „Vor allen Augen und ohne jede Verschleierung machen die USA klar: Es gilt das Recht des Stärkeren, man agiert strikt nach eigener Interessenlage. Das Völkerrecht wird respektiert, wo es den eigenen Interessen nutzt, und es wird gebeugt, wo das eben nicht so ist. Das ist dramatisch und hat nachhaltige Folgen.“

Kampf um Grönland
Wie dramatisch, lässt sich in den vergangenen Wochen am Beispiel Grönland beobachten. Schon in seiner ersten Zeit als Präsident schlug Donald Trump – im August 2019 – vor, Grönland von Dänemark abzukaufen. Kurz vor Beginn seiner zweiten Amtszeit ab 2025 wiederholte Trump sein Interesse für die „Kontrolle über Grönland“ im Dezember 2024. Im vergangenen Dezember berief er den Gouverneur des US-Bundesstaats Louisiana, Jeff Landry, zum Sondergesandten für Grönland. In diesem Zusammenhang bekräftigte er sein Interesse daran, Grönland in die Vereinigten Staaten einzugliedern. Die Präsidenten-Sprecherin Karoline Leavitt erklärte: „Der Präsident und sein Team erörtern eine Reihe von Optionen, um dieses wichtige außenpolitische Ziel zu erreichen, und selbstverständlich steht dem Oberbefehlshaber der Einsatz des US-Militärs jederzeit als Option zur Verfügung.“
Unmittelbar nach dem US-amerikanischen Angriff auf Venezuela sorgte ein Beitrag von Katie Miller, der Ehefrau des stellvertretenden Stabschefs im Weißen Haus Stephen Miller, für erneute Verunsicherung. In dem Post wurde angedeutet, Grönland könne das nächste militärische Ziel der USA sein, zumal Donald Trump tags darauf erklärte, Grönland sei aus Gründen der nationalen Sicherheit für die Vereinigten Staaten unverzichtbar, da sich dort zahlreiche russische und chinesische Schiffe aufhielten. Allerdings: Grönland ist nicht nur ein strategischer Knotenpunkt. In und um die Insel schlummern wertvolle Bodenschätze. Dabei geht es insbesondere um seltene Erden, aber auch Gold, Diamanten, Uran, Öl und Gas.

Zwischen Freiheit und Kolonialisierung
Die Idee, sich Grönland einzuverleiben, stammt aber keineswegs von Donald Trump. Sie rührt vielleicht schon allein daher, dass sowohl Grönland als auch die USA geografisch jedenfalls Teil des nordamerikanischen Kontinents sind. 1776 erklärten die USA ihre Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich; Grönland hingegen war in vorkolonialer Zeit von Inuit bewohnt, dann aber seit 1721 dänisch-norwegische Kolonie. Nach mehreren Jahren Krieg zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde Dänemark-Norwegen aufgelöst und der „Kieler Frieden“ von 1814 bestimmte, dass Grönland an Dänemark fiel. In der Neuordnung nach dem 2. Weltkrieg – und einer zwischenzeitlichen Besatzung durch die deutsche Wehrmacht – wurde Grönland am 2. Juni 1953 offiziell dekolonialisiert und ein gleichwertiger Teil Dänemarks. Die dänische Regierung bemühte sich, das Land zu modernisieren, Infrastruktur auszubauen und das Gesundheitssystem zu verbessern. Doch gleichzeitig geschahen unfassbare Verbrechen: Zur Verringerung des Bevölkerungswachstums ließ die dänische Regierung an mehr als 4.500 minderjährigen und jungen erwachsenen Frauen der Inuit, etwa der Hälfte der gebärfähigen Frauen, verdeckte Zwangssterilisationen durchführen. In vielen Bereichen der Gesellschaft wurde die traditionelle grönländische Kultur zurückgedrängt. 
Nachdem um 2000 der Wunsch nach mehr Autonomie aufgekommen war, wurde am 21. Juni 2009 die Selvstyre („Selbstverwaltung“) eingeführt. 

Eingeschränkte Unabhängigkeit
Grönland ist mit seinen gut 55.000 Einwohnern und 2,1 Millionen Quadratkilometern Fläche ein autonomes Territorium innerhalb des Königreichs Dänemark und verfügt heute über eine eigene Regierung sowie ein eigenes Parlament. In den meisten politischen Angelegenheiten handelt es weitgehend unabhängig von Kopenhagen. Eine vollständige staatliche Unabhängigkeit gilt derzeit jedoch mehrheitlich als kaum realisierbar, da die grönländische Wirtschaft fast ausschließlich auf der Fischerei basiert. Zudem führen die geringe Bevölkerungszahl, ihre weite geografische Verteilung und das daraus entstehende Ungleichgewicht zwischen öffentlichen Einnahmen und Ausgaben zu einer anhaltenden finanziellen Abhängigkeit von dänischen Zuschüssen.

Kauf oder Überfall?
An diesem Status Quo rüttelt nun der US-amerikanische Präsident. Amerikanisches Militär ist bereits seit dem 2. Weltkrieg auf der Insel. Im April 1941 wurde die Errichtung von US-Basen genehmigt. Daraufhin diente Grönland vor allem als Basis für atlantiküberwachende Flugzeuge auf der Suche nach deutschen U-Booten und wurde als Basis und Auftankstation für Seemissionen der USA benutzt. Die Vereinigten Staaten kümmerten sich in der Weltkriegszeit außerdem um die Versorgung der Bevölkerung. Nach dem Krieg hatten die USA den Wunsch, mit ihren Militärbasen zu bleiben und schlugen deswegen erstmals der dänischen Regierung vor, Grönland für 100 Millionen US-Dollar in Gold zu kaufen. Während dieser Vorschlag Präsident Trumans abgelehnt wurde, gelang es aber 1951, ein Abkommen zu verhandeln, das den USA gewährte, die Insel weiterhin für militärische Zwecke zu nutzen – im Gegenzug für die Bereitschaft, Grönland im Angriffsfall zu verteidigen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs zogen sich die USA stückweise wieder zurück und behielten nur die Thule Air Base.
Donald Trump drängt nun, einen „Deal“ zugunsten der USA zu schließen, um Grönland sein Eigen nennen. Ein Spitzentreffen im Weißen Haus ging im Februar ergebnislos auseinander. Angeblich ist Außenminister Marco Rubio beauftragt, ein aktualisiertes Kaufangebot auszuarbeiten. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 700 Milliarden US-Dollar auf den Tisch gelegt werden müssten. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete jüngst, dass Summen zwischen 10.000 und 100.000 Dollar pro Einwohner im Gespräch seien, um sie von einer Zugehörigkeit zu den USA zu überzeugen. Doch ob ein Referendum von Erfolg gekrönt sein würde? Grönlands Regierungschef Jens Frederik Nielsen lässt sich mit den Worten zitieren: „Wenn wir uns hier und jetzt entscheiden müssen: Dann wählen wir Dänemark, das dänische Königreich, die NATO und die EU.“

Gravierende Folgen
Doch was passiert, sollte Donald Trump hartnäckig bleiben und auf seiner fixen Idee beharren, am Ende vielleicht sogar militärische Gewalt anwenden und es nicht mit Drohgebärden und Zollerhöhungen bewenden lassen? Dann wären die internationalen Folgen verheerend, denn völkerrechtlich wäre ein Angriff auf Grönland eindeutig unrechtmäßig: Es wäre ein Angriff auf dänisches Staatsgebiet und damit auf NATO-Territorium. Deren Mitglieder wären verpflichtet, dem angegriffenen Mitglied zur Seite zu stehen. Dass der Angreifer aber selbst NATO-Mitglied ist, wäre so paradox, dass kaum auszumalen ist, wie eine solche Lage aufzulösen wäre. Die NATO und damit ein zentraler Bestandteil der gegenwärtigen Sicherheits­architektur dieser Welt wäre damit gewiss am Ende. Nicht nur die wirtschaftlichen Folgen wären enorm. 
Was rund um Grönland derzeit geschieht, ist weit mehr als eine diplomatische Krise. Ausgang aktuell ungewiss. Und möglicherweise hat sich bei Erscheinen dieses Beitrags schon so viel Neues entwickelt, dass die Welt eine andere geworden ist. 

Kein strategisches Objekt, sondern das Zuhause:
Einblick in die Situation vor Ort

Vor einigen Jahren haben wir in unserer Serie „Minoriten weltweit“ auch Br. Tomaž Majcen aus der Provinz vom Heiligen Josef in Slowenien vorgestellt. Er lebt seit 2017 in Dänemark und ist zusätzlich seit 2023 Pfarrer in der Hauptstadt Grönlands in der Pfarrei Christkönig. Regelmäßig ist er vor Ort – und kann damit Informationen „aus erster Hand“ liefern, wie die Stimmung in Grönland ist. Dem Internetblog Tra Cielo e Terra hat er vor wenigen Wochen Rede und Antwort gestanden und festgestellt: „Als jemand, der hier in Nuuk arbeitet, finde ich die Äußerungen von Präsident Donald Trump beunruhigend. Wenn ein mächtiger Staatschef von Grönland als etwas ‚Notwendigem‘ spricht und sogar den Einsatz von Gewalt andeutet, ist das beunruhigend. Für uns ist Grönland kein strategisches Objekt auf einer Landkarte, sondern unser Zuhause. Diese Worte berühren echte Leben, echte Familien, echte Gemeinschaften. Grönland hat geduldig seine Identität und seine Zukunft gestaltet. Die Menschen hier wollen nicht eine Form der Abhängigkeit durch eine andere ersetzen. Deshalb sind solche Äußerungen zutiefst beunruhigend.“ Er berichtet denn auch von Sorge und Angst vieler Grönländer – und dem Wunsch, selbst „über die eigene Zukunft zu entschieden. Denn sie sagen: Das ist unser Land, unsere Kultur, unser Zuhause.“ Die allermeisten wollten, so Br. Tomaž, kein Teil der USA werden. Die Ereignisse in Venezuela hätten vielen deutlich gemacht, dass aus Worten schnell Taten werden könnten.
Was die Grönländer von Europa erwarten? Br. Tomaž meint, die EU müsste eine stärkere Position einnehmen: „Die Europäische Union hat ihr Engagement für ‚nationale Souveränität und territoriale Integrität‘ bekräftigt, aber es sind entschlossenere Maßnahmen erforderlich. Dänemark ist Mitglied der EU, und Grönland gehört zur europäischen Familie, auch wenn es technisch gesehen nicht Teil der EU ist. Wenn die EU ihre Mitglieder nicht vor territorialen Bedrohungen schützt, was bedeutet dann europäische Solidarität? Das Vereinigte Königreich und andere europäische Nationen haben Dänemark unterstützt, aber die EU als Ganzes könnte deutlicher und geeinter auftreten. Es geht nicht nur um Grönland, sondern darum, den Grundsatz zu verteidigen, dass Grenzen nicht mit Gewalt oder Drohungen verändert werden dürfen.“
Derweil bemüht sich der slowenische Minorit, seinen Gemeindemitgliedern beizustehen: „Unsere pastorale Arbeit besteht heute darin, mehr zuzuhören, mehr zu trösten und den Menschen zu helfen, ihre Ängste zu benennen. Die Kirche muss ein Ort des Friedens und der Hoffnung sein. Wir müssen die Menschenwürde, die Rechte der Inuit und den Dialog statt Drohungen verteidigen. Vor allem beten wir für die Weisheit der Führer, für den Frieden zwischen den Nationen und für die Stärke unserer Gemeinschaft. In schwierigen Zeiten wie diesen wird die Rolle der Kirche als Zuhause für alle noch wichtiger.“

 

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2026
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