75 Jahre SOS-Kinderdörfer
Am 15. April 1951 wurde in Imst (Tirol) das erste Haus eines SOS-Kinderdorfes eröffnet. Die Idee zu diesem Sozialprojekt für verwaiste Kinder hatte der Österreicher Hermann Gmeiner.
Hermann Gmeiner war 1919 als sechstes von neun Kindern einer Bauernfamilie geboren worden. Als er fünf Jahre alt war, verstarb seine Mutter. Seine älteste Schwester Elsa übernahm die Aufgaben der Mutter für ihre jüngeren Geschwister. 1940 musste er zur Wehrmacht, er kämpfte in Finnland und Ungarn und wurde mehrmals verwundet. Erst im November 1945 konnte er das Lazarett in Bregenz verlassen. Ab dem Wintersemester 1946 studierte Hermann Gmeiner in Innsbruck Medizin. Als praktizierender Katholik hatte Gmeiner enge Kontakte in die katholische Pfarrei des Stadtteils Mariahilf. Er engagierte sich in einer Jugendgruppe. Das Schicksal eines 12-jährigen Jungen brachte ihn in Kontakt mit verschiedenen Institutionen der Jugendfürsorge. Er kam zu der Überzeugung, dass die klassischen Heime und Anstalten nicht der richtige Weg der Hilfestellung seien. In Erinnerung an seine eigenen Kindheitserfahrungen mit seiner Schwester Elsa als Ersatzmutter, entwarf er ein Konzept der Hilfe, in dem Kinder durch eine Ersatz-Mutter in einem Haus betreut werden sollten. Mehrere Häuser wurden zu einem Dorf. Es verdient eine Erwähnung, dass Gmeiner für seine Konzeption auf die Erfahrungen des Schweizer „Kinderdorfes Pestalozzi“ in Trogen/Appenzell zurückgreifen konnte, in dem seit 1946 Kriegswaisen aus verschiedenen Ländern betreut wurden.
Alles auf eine Karte
Im April 1949 gründete Gmeiner einen Verein mit dem Namen Societas Socialis, der später in SOS-Kinderdorf umbenannt wurde. Vorrangiges Ziel war die Errichtung eines Dorfes für Waisenkinder, später sollten ein Haus zum Schutz alleinstehender Mütter und ein Ausbildungshaus für die „Hausmütter“ folgen. Gmeiner steckte seine gesamten Ersparnisse, 600 Schilling, in sein Projekt. Neben Spendenaufrufen in Innsbruck, dann in Tirol und ganz Österreich, schrieb er zahllose Gemeinden mit der Bitte um ein kostenloses Baugrundstück für ein Kinderdorf an. Josef Koch, der Bürgermeister von Imst, antwortete positiv und stellte ein Grundstück zur Verfügung. 1949 beendete Gmeiner sein Medizinstudium vorzeitig, um sich mit ganzer Kraft seinem Projekt widmen zu können. In den ersten Jahren wurden er und seine Unterstützer mehrfach von der Polizei festgenommen und verhört. Ein befreundeter Rechtsanwalt unterstützte ihn, so dass er bald wieder seine Projektarbeit aufnehmen konnte. Parallel zum Bau der Häuser in Imst begann Gmeiner seit 1950, nach „Kinderdorfmüttern“ zu suchen. Die erste Kinderdorfmutter in Imst, Maria Weber, soll namentlich genannt werden. Sie blieb ihrer Aufgabe als „Hausmutter“ bis zu ihrer Pensionierung 1977 treu, zunächst in Imst, ab 1957 in Hinterbrühl bei Wien.
Weltweite Verbreitung
Am 15. April 1951 wurde das erste Haus in Imst eröffnet. Bis zum Sommer 1951 konnten weitere vier Häuser fertiggestellt werden. 45 Kinder bewohnten nun das erste SOS-Kinderdorf. Es dauerte einige Jahre, bis 1955 in Nussdorf-Debant ein weiteres SOS-Kinderdorf bezogen werden konnte. Im gleichen Jahr wurde in München SOS-Kinderdorf Deutschland gegründet, im Jahr 1958 wurde das erste deutsche Kinderdorf in Dießen am Ammersee eröffnet.
Seit 1960 wurden nach dem Prinzip „Mutter-Geschwister-Haus-Dorf“ Kinderdörfer in weiteren Ländern Europas eröffnet. 1963 folgte der Sprung nach Korea, 1966 nach Vietnam. Zur Finanzierung in den ärmeren Ländern wurde in München „SOS-Kinderdörfer weltweit, Hermann Gmeiner-Fonds Deutschland“ gegründet. Die weitere Entwicklung ist beeindruckend. Nationale SOS-Kinderdorf-Vereine entstehen auf allen Kontinenten und unterhalten heute 550 SOS-Kinderdörfer. Sie betreiben 2.500 Einrichtungen für Kinder und Jugendliche in 134 Ländern, wie Kindergärten, Schulen, Ausbildungsstätten und Sozialzentren. Die Betreuung von weltweit ca. 1,5 Millionen Kindern wird überwiegend durch Spenden finanziert.
Nicht ohne Schatten
„Kinderschutz vor Markenschutz“. Seit etwa 10 Jahren müssen sich die Verantwortlichen der SOS-Kinderdörfer kritischen Fragen nach Gewaltvorwürfen gegen Kinder in ihren Einrichtungen stellen. In ihrem Report über Kinderrechtsverletzungen aus dem Jahr 2019 berichteten sie von 328 Mitarbeitern, die Kinder verletzt, vernachlässigt oder sexuell missbraucht hätten. Auch gegenüber dem hoch verehrten Gründer Hermann Gmeiner wurden im Oktober 2025 Vorwürfe sexuellen Missbrauchs öffentlich. Ebenso soll sein Nachfolger an der SOS-Spitze, Helmut Kutin, sexuellen Missbrauch durch einen Großspender vertuscht haben.
Albert Schweitzer bezeichnete die SOS-Kinderdörfer einmal als „freundlichstes Wunder der Nachkriegszeit“. Den Verantwortlichen ist Mut zu einer transparenten Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe zu wünschen, damit weiterhin Kinder weltweit Schutz und Unterstützung durch die SOS-Kinderdörfer erfahren können.