Elisabeth Kübler-Ross – vor 100 Jahren geboren
Mit ihren Forschungen über Sterben und Tod hat Elisabeth Kübler-Ross weltweit die Hospizbewegung und den Umgang mit Sterbenden geprägt. Ihr bekanntes Modell der „fünf Phasen des Sterbens“ machte sie berühmt – blieb aber nicht ohne Kritik.
Am 8. Juli 1926 wurde Elisabeth Kübler als jüngste von Drillingsschwestern in Zürich geboren. Als sie im Alter von acht Jahren ein erstes Mal von ihrem Traum erzählte, Ärztin zu werden, wurde dies von ihrem Vater schroff zurückgewiesen. Mit 16 Jahren verließ sie deswegen ihr Elternhaus und arbeitete zunächst als Freiwillige in Krankenhäusern und in der Arbeit mit Flüchtlingen. 1945 erhielt sie einen Studienplatz im Fach Medizin an der Universität Zürich. Ihr Studium zog sich bis zum Abschluss ihrer Facharztausbildung in Psychiatrie bis 1957 hin.
Von Sterbenden lernen
Mit ihrem Ehemann Emanuel Ross zog sie 1958 in die USA. Nach verschiedenen Stationen erhielt sie 1965 eine Professur für Psychiatrie an der Universität Chicago. Sie arbeitete mit der Klinikseelsorge zusammen und entdeckte die Begleitung Sterbender als ihre Berufung: „Die Sterbenden waren schon immer Lehrer großer Lektionen, denn wenn wir ans Ende des Lebens gedrängt werden, sehen wir es am deutlichsten. Indem sie ihre Lektionen mit uns teilen, lehren uns die Sterbenden viel über den unermesslichen Wert des Lebens selbst.“ Mit diesem Satz skizzierte sie ihre Vorgehensweise im Umgang mit unheilbar kranken Menschen. Sie führte mit über 200 todkranken Patienten Interviews, in denen sie diese nach ihren Gefühlen und Gedanken zu Sterben und Tod befragte. 1969 veröffentlichte sie ihr grundlegendes Werk: „On Death and Dying. What the dying have to teach doctors, nurses, clergy, and their own families“ (deutsch: Interviews mit Sterbenden, 1971). Der englische Untertitel verdeutlicht ihre Sicht, dass Ärzte, Pflegepersonal, Seelsorger und auch die eigene Familie von den Sterbenden lernen können. Bei aller Rücksicht auf die individuellen Situationen ihrer Patienten entwickelte sie aus diesen Gesprächen ein Modell von fünf Phasen, wie Menschen reagieren, wenn sie eine unheilvolle Nachricht erhalten.
Fünf Phasen des Sterbens
Phase 1: Nicht wahrhaben wollen. Die Kranken hoffen, dass es sich um einen Irrtum oder eine Verwechslung handelt.
Phase 2: Zorn. Der Kranke hat nun die Diagnose angenommen, fragt nach dem „Warum?“ und reagiert negativ auf Umwelt und Mitmenschen.
Phase 3: Verhandeln. In dieser Zeit kooperieren die Kranken mit dem Ziel, Aufschub zu erhalten, dass sie bestimmte, meist familiäre Ereignisse noch miterleben können.
Phase 4: Depression. Der Kranke trauert um ausgelassene Chancen in seinem Leben, aber auch um das Leben selbst.
Phase 5: Akzeptanz. Die Sterbenden haben nun ihr Schicksal akzeptiert. Sie nehmen Abstand von ihrer Umwelt und wünschen keine längeren Kontakte und Gespräche mehr.
Erreichtes und Kritik
Ihr Werk wird ein wichtiger Baustein für die Entwicklung von Palliativmedizin und Hospizbewegung. Die Palliativmedizinerin Claudia Bausewein nennt ihre Arbeit „bahnbrechend“.
Vor allem zwei Argumente werden von den Kritikern jedoch gegen ihr Fünf-Phasen-Modell vorgebracht. Zum einen wird ihrem Phasen-Modell unterstellt, dass es die Einzigartigkeit jedes Patienten und Sterbenden zu sehr verallgemeinern würde. Die zweite Kritik ist methodischer Art: ihr Modell beruhe ausschließlich auf Erlebnisberichten von Betroffenen.
Vor allem für die Entwicklung der weltweiten Hospizbewegung und der Palliativmedizin hat Elisabeth Kübler-Ross Wichtiges geleistet. Sie hat zu einem menschlicheren Umgang mit den Sterbenden geführt, sie als Subjekte einer Lebensgeschichte wahrgenommen und wertgeschätzt.
Die Wertschätzung gegenüber ihrer Person und ihrem Werk zeigte sich in der Verleihung von rund 20 Ehrendoktorwürden und mehr als 100 Auszeichnungen. Ihr Buch „Über Sterben und Tod“ zählt zu den bedeutendsten Büchern des 20. Jahrhunderts. 2007 wurde sie in die „National Woman´s Hall of Fame“ aufgenommen.
Esoterik und Selbsterkenntnis
Seit Mitte der 1970er Jahre beschäftigte sich Elisabeth Kübler-Ross näher mit dem Phänomen der Nahtod-Erlebnisse. Dies führte dazu, dass sie sich der New Age-Bewegung anschloss und esoterische und gnostische Lehren vertrat: „Ein jeder von uns ist bei seiner Geburt aus der göttlichen Quelle mit dem göttlichen Funken versehen worden. … Der Tod ist ganz einfach das Heraustreten aus dem physischen Körper; und zwar in gleicher Weise, wie ein Schmetterling aus seinem Kokon heraustritt.“ (Kübler-Ross) Begegnungen mit Verstorbenen, wie z.B. mit ihrem verstorbenen Mann, hatten sie zu dieser Sichtweise geführt.
Seit ihrem ersten Schlaganfall 1995 hatte sie selbst schwere gesundheitliche Probleme zu bewältigen. Nach weiteren Schlaganfällen war sie auf den Rollstuhl angewiesen, hatte Lähmungen und große Schmerzen. Am 24. August 2004 ist sie in Scottsdale, Arizona verstorben.
Interessant und selbstkritisch sind ihre Aussagen in einem Interview mit dem Sender 3sat aus dem Jahr 1998: „In der Schweiz wurde ich nach dem Grundsatz erzogen: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Du bist nur ein wertvoller Mensch, wenn du arbeitest. Das ist grundfalsch. Halb arbeiten, halb tanzen. Das ist die richtige Mischung! Ich selbst habe zu wenig getanzt und zu wenig gespielt!“