24. September 2015

Ein Draht zum lieben Gott

Blühende Landschaften hat man sich von der Wiedervereinigung Deutschlands versprochen. Nicht alle Erwartungen wurden erfüllt. Auch kirchliche Hoffnungen auf mehr Gläubige wurden größtenteils enttäuscht. Jahrzehntelange Repressalien gegen die Kirchen haben Spuren hinterlassen. Die Konfessionslosen stellen in der ehemaligen DDR die Mehrheit. Spielt Gott dort gar keine Rolle mehr?




Ich bin auf dem Weg nach Ostdeutschland. Anlässlich des jährlich wiederkehrenden „Tags der Deutschen Einheit“ am 3. Oktober habe ich mir vorgenommen, mir selbst einmal ein Bild zu verschaffen – vor allem, wie es mit der Kirche in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik aussieht. Ein großes Vorwissen bringe ich nicht mit. Die Wiedervereinigung habe ich als Grundschüler erlebt, und von der Kirche in den so genannten „neuen Bundesländern“ weiß ich nicht viel mehr als aus Überschriften. Vor gut eineinhalb Jahren hat Die Welt einmal getitelt: „Ostdeutschland – die ungläubigste Region der Welt“. Es scheint also mit Kirche und Gott nicht allzu viel los zu sein. Ob es tatsächlich so einfach ist, will ich herausfinden und habe mich angemeldet bei Pfarrer Dr. Andreas Martin. Mit ihm habe ich einen Teil der Ausbildung zum Priester absolviert. Seit ein paar Jahren ist er Pfarrer in der ostdeutschen Pfarrei Altenburg im Bistum Dresden-Meißen. Für ein Wochenende bin ich zu Gast in seinem Pfarrhaus im Altenburger Land.



Verschiebebahnhof Ostdeutschland?



Auf der Fahrt von Schwarzenberg nach Altenburg – über die A71, eine der wohl am wenigsten befahrenen Autobahnen Deutschlands – fällt mir eine Pressemitteilung des Bischofs von Magdeburg, Dr. Gerhard Feige, wieder ein. Der hatte sich im Juni, als die Ernennung des Dresdner Bischofs Dr. Heiner Koch zum Erzbischof von Berlin bekannt wurde, überraschend kritisch geäußert: „Mir erscheint die Ernennung von Bischof Heiner Koch zum Erzbischof von Berlin doch fragwürdig. Unverständnis und Enttäuschung nehme ich auch bei anderen wahr. Neben Görlitz und Berlin ist Dresden-Meißen damit schon das dritte Bistum im Osten Deutschlands, das seinen Bischof nach nur kurzer Dienstzeit – diesmal handelte es sich lediglich um rund zwei Jahre – wieder verliert. (…) Bedauerlicherweise entsteht der Eindruck, ostdeutsche Bistümer seien inzwischen so etwas wie ein ‚Verschiebebahnhof‘ oder wie ‚Praktikumsstellen‘ zur Qualifizierung für ‚höhere Ämter‘.“ Aber mir fällt auch der mittlerweile emeritierte Erfurter Bischof Joachim Wanke ein, der es mit seinen Impulsen zu Kirche und Evangelisierung in Deutschland zu großem Ansehen brachte.







Ein Kind des Ostens



Als ich am Altenburger Pfarrhaus angelangt bin, steht Pfarrer Martin schon in der Tür. Er erwartet mich. Und als er bei einer Tasse Tee zu erzählen beginnt von der Kirche in Ostdeutschland, wird schnell klar: Er berichtet aus eigener Erfahrung. Gleich im ersten Satz bezeichnet sich der 58-jährige promovierte Theologe als „Kind des Ostens“. Mit seiner allein erziehenden Mutter ist er groß geworden in einer Diasporagemeinde. Auch wenn die DDR-Verfassung Religionsfreiheit garantierte, religiöse Gemeinschaften wurden in keiner Weise vom Staat gefördert. Als „Opium des Volkes“ sah der atheistische Marxismus-Leninismus, der von der DDR-Führung vertreten wurde, die Religion auf dem Weg zum Kommunismus im Verschwinden begriffen. Die herrschende Partei hat nach Kräften dazu beigetragen, die Zahl der Gläubigen zu reduzieren: Waren 1949 noch ca. 92% der Bevölkerung Mitglied einer Kirche (überwiegend der evangelischen), gaben 1988 schon nur noch knapp 40% der DDR-Bevölkerung eine Konfessionszugehörigkeit an.



Und so hat es sicherlich eine große Portion Selbstbewusstsein gebraucht, dass Pfarrer Martin und sein Bruder in der damaligen katholischen Gemeinde die beiden einzigen Ministranten waren und regelmäßig bei der Eucharistiefeier dienten, die in „Untermiete“ in der Kirche der Adventisten gefeiert werden konnte.





Repressalien durch den Staat



An die große Glocke durfte das kirchliche Engagement nicht gehängt werden. Und freimütig gibt Pfarrer Martin heute zu, dass er als Schüler an einer sozialistisch geprägten Schule fast alles mitgemacht hat, was von ihm verlangt wurde – zu groß war die Angst vor Repressalien. Als Jugendlicher lernt er schließlich die Fokolarbewegung kennen und bei der Musterung gibt er bekannt, dass er keine Waffe tragen, sondern allenfalls als Bausoldat seinen Dienst tun werde. Sofort werden ihm Konsequenzen angedroht – und die spürt er bald ganz konkret. Als er sich in der 12. Klasse für ein Medizinstudium bewirbt, wird er aus allen Organisationen ausgeschlossen und die Mitschüler müssen, wie er später herausfindet, ein Dokument unterschreiben, in dem sie erklären, dass sie sich fortan weigern, mit dem „Feind der Arbeiterklasse“ zu lernen. Wenig später wird Andreas Martin der Schule verwiesen – ohne Abitur.







Zuflucht beim Bischof



In dieser Not wendet er sich an Bischof Gerhard Schafran. Damals rät der Bischof ihm, erst einmal guten Willen zu zeigen und sich für den Dienst im Krankenhaus zu melden. Später absolviert er eine Ausbildung zum Tischler, holt an der Abendschule in Berlin das staatliche Abitur nach und beginnt schließlich ein Studium der mathematischen Methoden und der Datenverarbeitung. Zehn Jahre lang arbeitet er dann nach der Wende als persönlicher Referent von Bischof Joachim Reinelt, und in dieser Zeit reift wohl zunehmend der Wunsch, Priester zu werden. 2010 wird er nach dem Theologiestudium und einer Promotion über Romano Guardini schließlich als „Spätberufener“ zum Priester geweiht und wenig später zum Pfarrer in Altenburg ernannt, einer Pfarrei in Thüringen, in der Bischof Reinelt selbst von 1974-1986 Pfarrer war.





Umgeben von Konfessionslosigkeit



Als Pfarrer trifft er hier nun auf die Kirche, die das „Leben im fremden Haus“ – so bezeichnete man katholischerseits die Situation in der DDR, dem Staat, der vom Vatikan nie anerkannt wurde – längst überwunden hat. Die Auswirkungen aber sind bis heute zu spüren. Nur etwa 3% der DDR-Bevölkerung bekannten sich um die Zeit der Wiedervereinigung zur römisch-katholischen Kirche. Und obwohl die Kirchen vor und während der Wende als Katalysatoren eine große Rolle spielten – erinnert sei an die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche und die Montagsdemonstrationen – erwies es sich als Trugschluss, dass es nach dem Ende des sozialistischen Einheitsstaates mit der Kirche wieder aufwärts gehen würde. Pfarrer Martin erinnert sich an einen Ausspruch Bischof Reinelts nach der Wende: „O Schreck, o Schreck, der Feind ist weg!“ – Schweißte der staatliche Widerstand die Gemeinden während der DDR-Zeiten noch zusammen, bewirkten die Verlockungen des Materialismus nach 1990 und die völlige gesellschaftliche Umstellung bei vielen eine Abkehr von der Kirche oder auf jeden Fall keine massenweise Bekehrung zurück zum Glauben. Der Karmelit P. Reinhard Körner, Seelsorger in Birkenwerder bei Berlin, konstatiert gar: „Die politische und geistig-kulturelle Situation nach dem Zweiten Weltkrieg hat im Osten Deutschlands dazu geführt, dass sich heute für die meisten Menschen die Gottesfrage nicht mehr stellt. Mehr als die Hälfte der religiös Nichtorganisierten ist nie aus der Kirche ausgetreten, sondern lebt konfessionslos in der zweiten oder dritten Generation.“ Mit Romano Guardini meint Pfarrer Martin: Der Mensch hat für alles ein Organ, auch für den Glauben – aber dieses Organ hat in der ehemaligen DDR bei vielen Menschen seine Funktionsfähigkeit verloren. Die Frage nach Gott wird oft gar nicht mehr gestellt.







Endlich Positives!



Die Diasporasituation der Katholiken wird in Altenburg noch einmal verschärft durch die demographische Entwicklung. 1981 erreichte die Bevölkerungszahl mit 55.827 ihren historischen Höchststand – seit der Wende sinkt die Einwohnerzahl trotz Eingemeindungen kontinuierlich. Heute gibt es knapp über 30.000 Altenburger, wovon etwa 1.200 zur Gemeinde von Pfarrer Martin gehören. Viele Gemeindemitglieder sind alt – oder sehr alt. Ob es denn bei all diesen abwärts weisenden Statistiken auch etwas Positives gibt, frage ich mich? Ja, berichtet Pfarrer Martin freudestrahlend: Der Gottesdienstbesuch am Sonntag liegt bei knapp unter 20% – und damit weit höher als in den westlichen Bundesländern in Deutschland. Als katholische Gemeinde hält man zusammen und versucht nach Kräften, positiv in die Gesellschaft hinein zu wirken. Ganz bewusst hat Pfarrer Martin sich bei seinem Amtsantritt als „Pfarrer für alle Menschen“ vorgestellt, auch um Offenheit zu signalisieren, ohne gleich alle und jeden missionieren zu wollen. Und ebenso bewusst pflegt er bis heute das „Gebet für die Stadt“, um das Thema der Trans-zendenz, dessen, was mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist, wachzuhalten. „Ich bin zuversichtlich,“ so sagt er, „dass Gott wirkt. Wir müssen ihn nicht erst wohin bringen, er ist schon da – wenn auch vielleicht oft versteckt und unsichtbar.“







Buntes Leben in der Pfarrei



Während meines Wochenendaufenthalts kann ich mir dann ganz konkret ein Bild von der „Verantwortungsgemeinschaft“ – so wird hier im Bistum der seelsorgliche Zusammenschluss mehrerer Pfarreien genannt – machen. Bei der Frühmesse am Freitag um 9.00 Uhr ist der Besuch spärlich. Ein paar ältere Frauen haben den Weg in die Kirche gefunden. Gespannt bin ich mehr auf das, was in der Gottesdienstordnung als „Frohe Herrgottsstunde“ angekündigt ist. Ich hatte mir darunter eher eine fromme Veranstaltung für Senioren vorgestellt, aber weit gefehlt: Hier versammeln sich einmal wöchentlich 10-15 Kinder im Kindergartenalter, um etwas vom Glauben erzählt zu bekommen, aber auch um zu spielen und miteinander zu essen. Die Gemeinde mag überaltert sein, aber es gibt sie doch noch, die Berührungspunkte mit der Jugend. Man gibt sich jedenfalls alle Mühe, sei es nun bei den religiösen Kindertagen oder der Kinderwoche im Sommer oder auch in der Sakramentenvorbereitung: Alle zwei Jahre wird Erstkommunion gefeiert, alle drei Jahre besteht die Möglichkeit zur Firmung.



Eine ziemliche logistische Herausforderung ist der Religionsunterricht. Aufgrund der Diasporasituation findet der Unterricht für eine ganze Region in einer festgelegten Schule am Nachmittag statt. Auf Staatskosten werden die Schüler im Taxi hintransportiert und dann, häufig vom Ortspfarrer, unterrichtet. Protestanten und Konfessionslose haben es in dieser Hinsicht einfacher: Ihr Unterricht findet am Vormittag zu regulären Schulzeiten statt.



Bei einer Beerdigung, zu der Pfarrer Martin mich mitnimmt, fällt mir auf: Die Menschen, die sich hier versammelt haben, kennen kaum die Antworten im Gottesdienst. Die verstorbene Oma war zwar katholisch, aber ihre Nachkommen haben mit der Kirche nicht viel am Hut. Die meisten Beerdigungen sind dann auch staatliche Beisetzungen mit bezahltem Trauerredner. Pfarrer Martin findet das ein bisschen trostlos – denn „ohne die christliche Hoffnung auf ewiges Leben hat man doch im Angesicht des Todes nichts zu verkünden.“ Das Verkünden der Frohen Botschaft steht aber ganz im Zentrum der Eucharistiefeier am Sonntag. Und es bestätigt sich, was Pfarrer Martin mir vorher vorausgesagt hatte: Der Gottesdienst ist gut besucht.







Draht zum lieben Gott



Hat es nun die Kirche im Osten schwerer und die im Westen leichter? Oder umgekehrt? Eine eindeutige Antwort habe ich an diesem Wochenende nicht gefunden. Schwer vorstellbar ist für mich nach wie vor das „Leben ohne Gott“, das offenbar viele Menschen gewählt haben oder in das sie hineingeboren wurden. Und wie es mit der Kirche weitergeht in Zukunft, ist wohl für hier wie auch für dort schwer zu prophezeien. Pfarrer Martin ist trotz allem immer wieder zuversichtlich. Er erzählt von einer Frau mit 61 Jahren, die er kürzlich taufen durfte – oder einem überzeugten Atheisten, der ihn bat: „Bete für mich!“ – oder einem Altenburger Bürger ohne Bezug zur Religion, der die Beziehung zum katholischen Pfarrer einmal so auf den Punkt brachte: „Sie sind unser Draht zum lieben Gott!“



Und dass der Draht zu den Menschen, den gläubigen wie den ungläubigen, am Glühen bleibt, dabei hilft Pfarrer Martin wahrscheinlich seine große Portion Humor. Bei einer Jugendweihe, die während der DDR-Zeit politisch instrumentalisiert worden war, trat er einmal als Redner auf. Von einem Freund war er eingeladen worden. Zwar nicht mit einer Predigt, aber mit seinem unendlichen Vorrat an Witzen brachte er dort doch eine Frohe Botschaft an den Mann. Im Lauf der Jahre sind bereits über zehn Bücher entstanden, nicht zuletzt ein „christliches Witzelexikon“ mit Witzen zu allen möglichen Stichworten in alphabetischer Reihenfolge: „Dein Wort in Gottes Ohr. Christliche Witze und Anekdoten“. Und nicht erst einmal hat Pfarrer Martin schon erlebt, dass über einen Witz ein Gespräch über den Glauben entstand – und vielleicht ein Prozess des Christwerdens in Gang kam. Gottes Wege sind unergründlich.




Andreas Martin (Hrsg.)



Dein Wort in Gottes Ohr



Das Lexikon: christliche Witze und Anekdoten



St.-Benno-Verlag, 320 Seiten, gebunden, € 7,95







Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2016