Spazierengehen auf Rezept?

Der Frage, was die sogenannte Waldtherapie kann, geht unsere Autorin im folgenden Beitrag nach. Vielleicht eine Anregung, wieder einmal einen ausgiebigen Waldspaziergang zu machen.
14. Oktober 2018 | von

„Ich glaub‘, ich steh‘ im Wald“ war vor 40 Jahren ein Satz, mit dem man ungläubiges Staunen über eine als unmöglich erlebte Situation zum Ausdruck brachte. Heute klingt der Satz eher wie ein hoffnungsvolles Mantra, mit dem man sich in die erholsame Atmosphäre des grünen Blätterdaches wünscht. Mit gutem Grund. Denn dass Waldspaziergänge gesund sind, wissen wir heute aus wissenschaftlichen Studien, die zeigen: Wer regelmäßig Spaziergänge im dichten Grün macht, kann von einer ganzen Reihe positiver Wirkungen profitieren. Wie man das Naturerlebnis durch einfache Übungen zum Rundum-Erholungsprogramm ausbauen kann, erfahren Sie hier.

Auf der Suche nach den Killerzellen
In einer Zeit, in der Krebserkrankungen rasant ansteigen, ist das Wort „Killerzellen“ in aller Munde. Jeder braucht sie, aber die meisten haben zu wenig davon. Dieser Mangel hat seine Ursache in unserer Lebensform. Wir bekommen zu wenig Sonnenlicht, ernähren uns häufig von Fastfood oder Fertiggerichten, deren Nährwert gegen Null tendiert, und halten uns kaum noch in der freien Natur auf. Ein Fehler, der langfristig zu Buche schlägt. Denn fast jeder leidet heute unter Stress, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Schwierigkeiten mit der Atmung und Bluthochdruck. Doch gegen all diese Symptome gibt es kleine, aber starke Kämpfer, die den wenig sympathischen Namen „Killerzellen“ tragen. Gebildet werden sie im Wald. Wer sich einen Tag unter dem grünen Blätterdach aufhält, steigert den Anteil der Killerzellen um 40%. Und nicht nur das. Der Effekt hält zwei Wochen lang an. Der Auslöser für den Anstieg der für ein funktionierendes Immunsystem essentiellen Zellen sind die im Wald reichlich vorhandenen Terpene. Denn diese Moleküle werden von den Bäumen abgesondert und reichern sich, da das Blätterdach für einen relativ geschlossenen Raum sorgt, in der Atemluft gewissermaßen an. Praktischerweise ist die Konzentration der Terpene auf Nasenhöhe am höchsten. Das, was wir als Waldduft wahrnehmen, ist also tatsächlich eine kräftige Anregung für unser Immunsystem. Kein Wunder, denn die Terpene, die aus der Gruppe der sekundären Pflanzenstoffe stammen, sind Teil der ätherischen Öle, die die Pflanzen (nicht nur) im Wald absondern. 

Fruchtbarer Waldspaziergang
Dass in waldreichen Gebieten weniger Menschen an Krebs sterben als in Städten, im Umkreis von Atomkraftwerken oder starker Sendemasten, kann man nachzählen. Aber auch diejenigen, die einen weniger günstigen Wohnort haben, können etwas für ihre Gesundheit tun. Der scheinbar große Aufwand für die regelmäßigen Waldspaziergänge wird sich schnell auszahlen. Denn das Befinden bessert sich spürbar, die Leistungsfähigkeit steigt und man wird insgesamt weniger oft krank. Dass die Lust auf den Gang in den Wald in der Sommerzeit am größten ist, hat übrigens seinen guten Grund. Im April und Mai steigt mit dem Sprießen der Blätter auch der Anteil an Terpenen im Wald und erreicht im Juni, Juli und August sein Maximum. Das heißt allerdings nicht, dass ein herbst- oder winterliches Bad im Wald nutzlos wäre. Denn auch die Rinde der Bäume sondert die immunstärkenden Terpene ab. Deshalb ist es auch eine gute Idee, einen Baum zu umarmen und sich von ihm nicht nur mit der sanften Lebensenergie, sondern auch mit den die Killerzellenbildung fördernden Duftstoffen versorgen zu lassen.

Japanische Waldmedizin
In Japan gibt es das Waldbaden, dort Shinrin-yoku genannt, sogar auf Rezept. Denn dort wurde die gesundheitsfördernde Wirkung von Spaziergängen unterm Blätterdach schon in den 1980er Jahren erforscht. Seit 2006 gibt es nicht nur ein Zentrum für Waldtherapie, man kann sich in Japan innerhalb des Medizinstudiums auch auf Waldmedizin spezialisieren. Auch wenn es das Waldbaden im immer noch von der Schulmedizin dominierten Deutschland nicht auf Rezept gibt, haben die Veranstalter von Walderholungsseminaren reichen Zulauf. Und der Erfolg gibt ihnen Recht. Die beruhigende Wirkung, die von den weisen, oft Hunderte von Jahren alten Lebewesen ausgeht, ist unmittelbar sichtbar. Teilnehmer, die in einem Volkshochschulzimmer schon nach drei Minuten Entspannungstraining heimlich auf ihr Handy starren, recken beim Verwurzelungstraining auf dem Waldboden oder Baumstumpf schnell neugierig die Nase und strecken den von der langen Büroarbeit verkrümmten Rücken wie die Bäume der Sonne entgegen. 
Dass es das Waldbaden bei uns nicht auf Rezept gibt, ist übrigens kein Drama. Denn die deutschen Wälder sind zum Glück weitgehend öffentlich zugänglich und dank gut ausgebauter Waldwege auch gefahrlos begehbar. 
Wer auch beim Waldbaden nicht auf einen gut ausgebildeten Bademeister oder eine Bademeisterin verzichten will, wird bei uns aber ebenfalls fündig. Zum Beispiel in Lorsbach im Taunus, wo Annette Bernius Menschen hilft, das Entspannungs- und Gesundheitspotential unserer heimischen Wälder zu nutzen und außerdem Waldbademeister für andere Regionen ausbildet.  Und auch die Landesgartenschau Niedersachsen hat sich 2018 neben der Blütenpracht der Schönheit des Waldes verschrieben und bietet im Teutoburger Wald bei Bad Iburg das tägliche Bad unter dem grünen Blätterdach an.

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2018
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