Wohnen Sie hier?

23. Juni 2017 | von

Seit 1983 organisiert das „Haus der Bayerischen Geschichte“ alljährlich an wechselnden Orten die „Bayerische Landesausstellung“. Das Themenspektrum reicht vom „Aufbruch ins Industriezeitalter“ über „200 Jahre Franken in Bayern“ bis zu „Kaiser Heinrich II.“. 2017 steht die Landesausstellung im Zeichen des Reformationsgedenkens. Br. Andreas hat die Ausstellung für unsere Leser/innen besucht.

Wohnen Sie hier? Das wurde ich gefragt, als ich vor einigen Wochen mit einer Gruppe die Bayerische Landesausstellung auf der Veste Coburg besuchte. Mein Habit, der das Bild der Öffentlichkeit ja längst nicht mehr prägt, ließ offensichtlich jemanden vermuten, ich würde ganz gut in dieses mittelalterliche Ambiente einer der am besten erhaltenen Burganlagen Deutschlands passen. Dabei wurde die 1225 erstmals urkundlich erwähnte Burg über dem oberfränkischen Coburg nicht wegen franziskanischer Verbindungen als diesjähriger Ausstellungsort gewählt, sondern wegen Martin Luther. 

Lutherstadt Coburg
Im Luther-Gedenkjahr 2017 rückt dessen Aufenthalt in Coburg in den Blickpunkt. Für das Jahr 1530 war ein Reichstag in Augsburg angekündigt. Martin Luther sollte als Begleiter des sächsischen Kurfürsten Johann dem Beständigen teilnehmen – musste dann allerdings wegen Kirchenbann und Reichsacht außerhalb des kursächsischen Territoriums um sein Leben fürchten und fand im sicheren Coburg Unterschlupf. Vom 24. April bis zum 4. Oktober des Jahres 1530 verbrachte er seine Zeit auf der Veste Coburg, gemeinsam mit seinem Sekretär Veit Dietrich und einem Neffen namens Cyriakus Kaufmann. Er stand in engem brieflichem Kontakt mit seinem reformatorischen Mitstreiter Philipp Melanchthon, der sich auf dem Reichstag in Augsburg um die Anerkennung des protestantischen Bekenntnisses mühte. Die Reichsstände der lutherischen Reformation legten die „Confessio Augustana“ schließlich am 25. Juni 1530 auf dem Reichstag vor – und damit einen zentralen Grundlagentext des protestantischen Glaubens.
Martin Luther verfasste während seines Coburger Aufenthalts nicht nur weit über 100 Briefe, sondern arbeitete auch an einer Übersetzung der Bücher des Alten Testaments. In Coburg ist man heute noch stolz darauf, dass Luther damals urteilte: „Es ist ein überaus reizender und für Studien geeigneter Ort.“ Der Reformator war jedoch nicht nur schreibend tätig. Gut dokumentiert sind auch sieben Predigten, die er in der Coburger Morizkirche hielt. 

Mittelalterliches Thema, moderne Technik
Beide Orte – die Morizkirche wie auch die Veste – sind nun Schauplätze der diesjährigen Bayerischen Landesausstellung, die vom 9. Mai bis zum 5. November unter dem Titel „Ritter, Bauern, Lutheraner“ ein Panorama der Zeit um und nach 1500 liefert. Die Ausstellungsmacher versprechen dabei „kostbare und ungewöhnliche Originale aus der Zeit, Kunstwerke von Dürer, Cranach und vielen anderen Meistern, eindrucksvolle Inszenierungen und moderne Ausstellungstechnik“. 
Vor allem Letzterer ist es zu verdanken, dass die Ausstellung auch für jüngere Besucher nicht ganz uninteressant sein dürfte. Mit einer virtuellen Drehscheibe wird dem Besucher zu Beginn der Ausstellung eine historische Figur zugelost: ein Bettler, die Ordensfrau Caritas Pirckheimer, der Künstler Lucas Cranach, Martin Luther höchstpersönlich – oder eine andere Person der damaligen Zeit. An verschiedenen Stationen der Ausstellung begegnet man diesen Personen wieder und kann sich auf Knopfdruck anhören, wie ihre Lebensgeschichte verlaufen ist – wie die Reformation und ihre Umstände ihr Leben beeinflusst haben. 
Wer mit digitaler Technik weniger anfangen kann, findet neben zahlreichen Gemälden etliche historische Ausstellungsgegenstände – von der Ritterrüstung bis hin zum Originaltextdokument. Und das Besondere: Mit dem Gang in Luthers Arbeitszimmer kann man sogar den Ort besichtigen, an dem diese Texte entstanden sind.
Was gerade den älteren Teilnehmern meiner Reisegruppe – leider – zu schaffen machte: Die Ausstellung ist insgesamt recht schwach beleuchtet; an der ein oder anderen Stelle tut man sich so mit dem Lesen etwas schwer. Wer deshalb ein wenig schneller durch die Ausstellung läuft als die eineinhalb bis zwei Stunden, die man für den Besuch einplanen sollte, wird von der Außenanlage mit einem herrlichen Blick auf die Umgebung belohnt – und kann noch im Burgcafé einkehren (wenn es nicht, wie in meinem Fall, wegen einer „privaten Veranstaltung“ geschlossen hat). 
Empfehlenswert ist sicher die Teilnahme an einer der beiden täglichen Führungen (11.00 und 15.00 Uhr) – zur Not tut es wohl auch ein Audioguide, der gegen Gebühr ausgeliehen werden kann. Wer sich vor dem Gang durch die Ausstellung den einführenden Film in der „Lutherkapelle“ anschaut, hat einen guten Bezugsrahmen, in den er die einzelnen Kapitel der Ausstellung, z. B. „Leben auf dem Land – Leben in der Stadt“, „Ritter, Tod und Teufel“ oder „Glaube, Gemeinschaft, Konfessionen“ gut einordnen kann. Per Busshuttle (oder zu Fuß) empfiehlt sich dann noch ein Besuch in der Innenstadt. Dort lädt die Morizkirche zu einer „Begleitausstellung“ ein. Wo Martin Luther einst gepredigt hat, stehen heute „Reformationsbotschafter“ Rede und Antwort. In der evangelisch-lutherischen Stadtkirche wird auch von Montag bis Freitag um 12.00 Uhr zum Mittagsgebet eingeladen. Um den Ausflugstag abzurunden, empfiehlt sich dann noch ein Bummel durch die Stadt. Wer Hunger hat, greift vielleicht zur ortstypischen „Coburger Bratwurst“ oder einem „Coburger Schmätzchen“ zum Kaffee.

Zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2017
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